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Syntagma Forschung Wien Grundsatzerklärung · v0.1 · 2026 · zur Diskussion gestellt

Wissen ist Allgemeingut

Standpunkte zu offenem Wissen, Anthropozän, Natur, Medizin und offener Technik — sachlich formuliert, als Diskussionsgrundlage

Thomas Schüller · Syntagma Forschung Wien
ORCID 0009-0003-9799-6747 · forschung@tschueller.com · Wien / Tulln, Österreich · Lizenz: CC BY 4.0

Vorbemerkung: Standpunkte, keine Dogmen

Dieses Papier formuliert Standpunkte, keine Vorschriften. Syntagma verordnet keine Pflichten; einen moralisch-ethischen Kompass kalibriert jede und jeder selbst. Was folgt, ist die Richtung, in die wir denken — offen zur Nachprüfung, offen zum Widerspruch. Das Argument entscheidet.

1 Wissen als Allgemeingut

Wissen und Bildung sind Allgemeingüter. Diese Position ist älter als jede Open-Access-Bewegung: Schon die klassische Wissenschaftssoziologie zählt den gemeinsamen Besitz der Ergebnisse zu den Grundnormen der Wissenschaft — Befunde gehören der Gemeinschaft, nicht dem Entdecker (Merton, 1942/1973). Die Forschung zu Wissens-Commons hat gezeigt, dass Wissen ein nicht-knappes Gut ist, dessen Wert durch Teilen wächst, nicht schrumpft (Hess & Ostrom, 2007). Ein Sonderrecht, eine Entdeckung dauerhaft für sich zu beanspruchen und andere davon auszuschließen, lässt sich aus der Sache nicht begründen — die Entdeckung setzt das Wissen von Generationen voraus, auf dem sie steht.

Daraus folgt für uns: Wer etwas weiß, herausgefunden oder entwickelt hat, teilt es. Nicht als auferlegte Pflicht — sondern als Selbstverpflichtung, die sich aus dem Charakter des Gutes ergibt. Weitergabe von Wissen und Bildung verstehen wir als das, was der Sache angemessen ist.

2 Die Einhegung: Schranken, Titel, Konsekration

Der tatsächliche Zustand widerspricht dem Charakter des Gutes. Publikationen liegen hinter Bezahlschranken, obwohl die Forschung vielfach öffentlich finanziert wurde. Zugang zu Wissen ist an Titel, Institutionen und Herkunft gekoppelt; akademische Weihe wirkt als Filter dafür, wessen Argument überhaupt gehört wird. Unsere eigenen Arbeiten beschreiben diese Struktur im Detail: die Risiko-Verfügungs-Asymmetrie (ρ/δ) — wer Kategorien und Zugänge setzt, behält die Verfügung, während Risiko und Folgenlast anderswo anfallen; die Einhegung von Offenheit („Enthüllung als Einhegung"); Bildung als Apparat der Sortierung statt der Befähigung; die „geliehene Größe" der Konsekrationsasymmetrie. Der Befund ist konsistent: Nicht das Argument wird geprüft, sondern die Berechtigung des Sprechers.

Unser Standpunkt: Eine akademische Würde, die auf Ausschluss beruht — auf Schranken, Titeln und Eliteinstitutionen —, ist in dieser Form nicht haltbar. Würde hat, was der Nachprüfung standhält. Herkunft oder Titel entscheiden nicht; das Argument entscheidet.

3 Anthropozän: Rahmen und Demut

Wir arbeiten im Anthropozän (Crutzen & Stoermer, 2000): Es gibt auf diesem Planeten kaum noch einen Zustand, der nicht direkt oder indirekt vom Menschen beeinflusst wäre. Daraus ziehen wir zwei Konsequenzen zugleich. Erstens Verantwortung: Was wir erforschen und bauen, wirkt — auf Mitwelt, Natur und nächste Generationen. Zweitens Demut: Wir können und sollen nicht alles kontrollieren. Ein Denken, das Natur nur als Regelungsproblem behandelt, wiederholt den Fehler, der das Anthropozän geprägt hat. Ein Umdenken ist nötig — von Kontrolle zu Verantwortung, von Beherrschung zu Erhaltung.

4 Natur und Mitwelt

Fortschritt rechtfertigt keine Ausbeutung. Konkret heißt das für uns:

Wissenschaft und Forschung dienen in unserem Verständnis der Weiterentwicklung — von Geist, Umwelt, Körper und Natur zusammen, nicht des einen auf Kosten des anderen. Das Prinzip Verantwortung (Jonas, 1979) formuliert den Maßstab: so handeln, dass die Wirkungen verträglich sind mit der Permanenz echten Lebens auf Erden.

5 Medizin dem Menschen

Medizin dient der Gesundheit und dem Wohl des Menschen — nicht dem Kapital. Das ist kein radikaler Satz, sondern der Kern des ärztlichen Selbstverständnisses: „Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein" (Genfer Gelöbnis, WMA 1948/2017). Wo medizinisches Wissen, Diagnostik oder Therapie hinter Preisschranken verschwinden, die mit Herstellungs- und Entwicklungskosten nicht mehr begründbar sind, wird dieses Selbstverständnis verletzt. Medizinisches Wissen ist Allgemeingut im engsten Sinn — sein Teilen rettet Leben.

6 Den Leisen eine Stimme

Forschung, die der Allgemeinheit gehört, orientiert sich nicht nach oben. Unser Standpunkt: Wissen und Können sind zuerst dort einzusetzen, wo sie fehlen — bei den Schwächeren, den Benachteiligten, den nächsten Generationen und der Mitwelt, die selbst keine Stimme hat. Das ist keine Wohltätigkeit, sondern die Konsequenz aus Abschnitt 1: Ein Allgemeingut, das nur den ohnehin Ausgestatteten dient, ist keines.

7 Offene Technik

Was für Texte gilt, gilt für Technik: quelloffen (Open Source), offene Hardware, veränderbar (hackable), reparierbar (repairable), verständlich und nachvollziehbar. Ein Gerät, das sich weder öffnen noch verstehen noch reparieren lässt, entmündigt seine Nutzer und produziert Abfall. Unsere Werkzeuge sind quelloffen lizenziert (AGPL), unsere Texte frei (CC BY). In Erkundung ist das RETURN-Modell als möglicher weiterer Schritt: Nutzung bleibt für Private, Forschung und Bildung dauerhaft frei; wer kommerziell erheblich profitiert, gibt nach einer offenen, fixen Formel an die Commons zurück — Offenheit, die sich selbst trägt, statt sich zu verbrauchen.

8 Kein Endpunkt: Revolution als Paradigmenwechsel

Wissenschaft schreitet nicht nur kumulativ voran; sie erneuert sich in Sprüngen, in denen Grundannahmen selbst zur Disposition stehen (Kuhn, 1962). In diesem Sinn — und nur in diesem — verstehen wir Forschung als revolutionär: bereit, das eigene Paradigma zu wechseln, wenn die Befunde es verlangen. Eine endgültige Wahrheit, einen Endpunkt, gibt es in dieser Arbeit voraussichtlich nie; es geht immer noch kleiner, besser, schneller, anders. Genau deshalb bleibt die Arbeit offen: neu skalieren, neu denken, neu vernetzen — alles mit allem, und das für alle.

9 Was das nicht ist

Diese Erklärung ist kein Katechismus. Wir urteilen nicht endgültig über richtig und falsch; wir haben Standpunkte, Einschätzungen, Meinungen — und stellen sie der Nachprüfung. Es gibt keine von uns verordneten Pflichten; es gibt die Einladung, den eigenen ethischen Kompass zu kalibrieren und anzuwenden. Zwei Grenzen allerdings setzen wir für unsere eigene Arbeit absolut: keine Bezahlschranken vor unseren Ergebnissen, und keine Kooperation mit Militär-, Waffen- oder Wehrindustrie — in Lizenz, Inhalt und Betrieb, ohne Ausnahme.

§ Forschungsgrundlage

Die Standpunkte dieses Papiers sind aus laufender Forschung entwickelt, u. a.: Risiko-Verfügungs-Asymmetrie (ρ/δ-Mastertheorem, FORSCH-0083); „Enthüllung als Einhegung / Disclosure as Enclosure" (Einhegung von Offenheit); „Bildung als Apparat" (FORSCH-0264, Bildung als Sortierstruktur); „Die geliehene Größe" (FORSCH-0199, Konsekrationsasymmetrie); Bologna-Prozess-Analyse. Die Werke sind bzw. werden frei zugänglich im Korpus veröffentlicht.

§ Literatur

Crutzen, P. J. & Stoermer, E. F. (2000). The "Anthropocene". IGBP Global Change Newsletter, 41, 17–18.

Hess, C. & Ostrom, E. (Hg.) (2007). Understanding Knowledge as a Commons. MIT Press, Cambridge/MA.

IPBES (2019). Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services. IPBES Secretariat, Bonn.

Jonas, H. (1979). Das Prinzip Verantwortung. Insel, Frankfurt a. M.

Kuhn, T. S. (1962). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press.

Merton, R. K. (1973). The Normative Structure of Science. In: The Sociology of Science. University of Chicago Press. (Erstveröff. 1942.)

World Medical Association (2017). Deklaration von Genf (rev. Fassung; Erstfassung 1948).

→ Weiterführend

Die historische Diagnose und das Konzept einer Einrichtung, die diese Standpunkte trägt: Konzeptskizze „Freie Wissenschaft".

Syntagma Forschung Wien · Grundsatzerklärung v0.1 · CC BY 4.0 Keine Rüstung