Syntagma — Ein Modell freier, transdisziplinärer Forschung
Wie Befunde in geordnete Relation gebracht werden, ohne hinter Schranken zu verschwinden
Thomas Schüller · Syntagma Forschung Wien
ORCID 0009-0003-9799-6747 ·
forschung@tschueller.com · Wien / Tulln, Österreich
Lizenz: CC BY 4.0
Kurzfassung
Forschung ist vielfach eingehegt — hinter Bezahlschranken, in Fachsilos, an proprietäre Infrastruktur gebunden. Syntagma schlägt ein Gegenmodell vor: transdisziplinäre Arbeit, die Befunde und Sichtweisen aus getrennten Feldern in geordnete Relation setzt, alle Ergebnisse quelloffen und öffentlich hält und ihre Community auf eigenen, portablen Mitteln aufbaut. Das Papier beschreibt das Prinzip, Offenheit als Methode, die souveräne und rüstungsfreie Grundhaltung sowie den organisatorischen Weg von der privaten Trägerschaft zu einem eigenständigen Institut.
1 Ausgangslage: Forschung unter Einhegung
Wissen entsteht offen, wird aber häufig geschlossen verwertet. Publikationen verschwinden hinter Bezahlschranken, Methoden bleiben unter Verschluss, Daten liegen in proprietären Systemen, und die Fächer sprechen selten miteinander. Wer die Kategorien, Zugänge und Formate setzt, behält Deutungsmacht, während Nutzen und Folgenlast auseinanderfallen. Diese Asymmetrie ist kein Randphänomen, sondern strukturbildend — sie entscheidet, welche Fragen überhaupt gestellt werden dürfen und wer von den Antworten profitiert.
Die Antwort darauf ist nicht ein weiteres Fach, sondern eine andere Arbeitsweise: Forschung, die quer zu den Grenzen ordnet und ihre Ergebnisse dorthin zurückgibt, wo sie hingehören — in die Öffentlichkeit.
2 Das Prinzip: syntagmatische Forschung
Ein Syntagma ist in der Sprachwissenschaft die geordnete Verkettung von Zeichen entlang einer Achse (de Saussure, 1916). Auf die Forschung übertragen: Befunde stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern werden in Relation gebracht — die Verbindung zwischen den Feldern ist der eigentliche Gegenstand. Das ist transdisziplinär im engen Sinn, nicht bloß multi- oder interdisziplinär: Es geht nicht um das Aneinanderreihen von Fachbeiträgen, sondern um eine Wissensproduktion, die sich an Problemen statt an Disziplingrenzen orientiert (Gibbons et al., 1994; Nowotny et al., 2001).
Praktisch heißt das: Technik und Philosophie, Naturwissenschaft und Kunst, Medizin und Recht werden nicht getrennt behandelt, sondern auf dieselbe Frage bezogen. Wer aus einem anderen Feld auf ein Problem blickt, sieht, was dem eingeübten Blick entgeht. Die Relationen werden nicht nur behauptet, sondern in einem Knotenwerk festgehalten und überprüfbar gemacht.
3 Ein wiederkehrender Faden: die Risiko-Verfügungs-Asymmetrie (ρ/δ)
Manche Muster tauchen in vielen Feldern in derselben Form auf. Eines davon ist die Risiko-Verfügungs-Asymmetrie: Wer eine Kategorie setzt, behält die Verfügung über ihre Deutung (δ), während das Risiko und die Folgenlast (ρ) anderswo anfallen. Dieses Muster lässt sich in Ökonomie, Recht, Biologie, Bildung, Kultur und Governance als jeweils eigene Instanz nachzeichnen. Solche Fäden verbinden die Felder, ohne sie zu verengen — sie sind Beispiele dafür, was die syntagmatische Ordnung sichtbar macht: nicht ein neues Fach, sondern eine querlaufende Regelmäßigkeit.
4 Offenheit als Methode
Offenheit ist bei Syntagma kein nachträgliches Zugeständnis, sondern Verfahren. Sie hat vier Seiten:
- Offener Zugang. Ergebnisse gehören in die Öffentlichkeit, nicht hinter eine Schranke — im Sinne der offenen Zugänglichkeit wissenschaftlicher Literatur (Budapest Open Access Initiative, 2002). Werkzeuge sind quelloffen (AGPL), Texte frei lizenziert (CC BY).
- Nachvollziehbarkeit. Methoden liegen offen, Quellen sind belegt, Ergebnisse bleiben überprüfbar und wiederverwendbar — im Geist der FAIR-Prinzipien für Forschungsdaten (Wilkinson et al., 2016).
- Widerspruch als Methode. Gegenpositionen sind kein Störfaktor, sondern Teil des Verfahrens — organisierter Skeptizismus als Norm der Wissenschaft (Merton, 1973). Keine Autorität ersetzt die Nachprüfung.
- Community und Forschungsinput. Forschung ist ein gemeinsames Unterfangen. Fragen, Befunde und Einwände von außen sind willkommen; Herkunft oder Titel entscheiden nicht, das Argument entscheidet.
5 Souveränität und Ethik
Offenheit ohne Souveränität wäre Abhängigkeit. Syntagma arbeitet EU-souverän: eigene Schlüssel, eigene Daten, reproduzierbare Ergebnisse, keine Bindung an proprietäre Dienste, die morgen die Bedingungen ändern. Die Infrastruktur ist bewusst portabel — statisch, quelloffen, ohne Server-Zwang — damit die Arbeit auf eigenem Grund steht.
Dazu gehört eine harte Grenze: keine Kooperation mit Militär-, Waffen- oder Wehrindustrie — in Lizenz, Inhalt und Betrieb, ohne Ausnahme. Ethik ist hier kein Anhang, sondern Betriebsbedingung.
6 Organisation: von der privaten Trägerschaft zum Institut
Syntagma läuft derzeit über eine private Trägerschaft. Der Korpus, die Werkzeuge und die Infrastruktur sind so angelegt, dass sie ausgegliedert und in eine eigene, offizielle Trägerschaft überführt werden können. Der Weg ist gestuft: eigene Domain, öffentliches Repository, offener Diskurs-Kanal, schließlich eine Rechtsform (in Österreich üblicherweise zuerst ein gemeinnütziger Verein, perspektivisch eine Stiftung). Die Rechtsform muss der Arbeit nicht vorausgehen — die Arbeit steht für sich, die Trägerschaft folgt. Entscheidend ist, dass Identität und Kanäle Syntagma gehören, damit die Ablösung sauber bleibt.
7 Einladung
Dieses Modell ist keine Behauptung über die eine richtige Forschung, sondern ein Angebot: ein Ort, an dem Felder in Relation kommen, Ergebnisse offen liegen und Widerspruch dazugehört. Wer die Grundhaltung teilt, ist eingeladen mitzuforschen — mit einer Frage, einem Befund, einem Einwand, aus welchem Feld auch immer.
§ Literatur
Budapest Open Access Initiative (2002). Declaration. budapestopenaccessinitiative.org.
de Saussure, F. (1916). Cours de linguistique générale. Payot, Paris.
Gibbons, M., Limoges, C., Nowotny, H., Schwartzman, S., Scott, P. & Trow, M. (1994). The New Production of Knowledge. SAGE, London.
Merton, R. K. (1973). The Normative Structure of Science. In: The Sociology of Science. University of Chicago Press. (Erstveröff. 1942.)
Nowotny, H., Scott, P. & Gibbons, M. (2001). Re-Thinking Science. Polity Press, Cambridge.
Wilkinson, M. D. et al. (2016). The FAIR Guiding Principles for scientific data management and stewardship. Scientific Data, 3, 160018.