Strukturelle Autonomie-Reduktion ohne formalen Zwang
Drei Mechanismus-Linien in der Hausgemeinschaft — eine Synthese
Autor: Thomas Schüller Kontakt: forschung@tschueller.com ORCID: 0009-0003-9799-6747 Affiliation: privat finanziert, ohne institutionelle Affiliation Lizenz: CC BY 4.0 Version: v0.2 — operationalisierte Synthese-Arbeit Datum: 2026-05-16
Abstract
Drei parallel entstandene Anker-Papers beschreiben jeweils einen Mechanismus informeller Sozialkontrolle in urbanen Hausgemeinschaften. Die vorliegende Synthese trägt die These vor, dass die drei Mechanismen systemisch verschränkt sind und gemeinsam eine Phänomenklasse konstituieren: strukturelle Autonomie-Reduktion ohne formalen Zwang. v0.2 härtet die in v0.1 §6(c) markierte Sollbruchstelle, indem sie (a) die Kompensations-These über vier diagnostische Vorhersagen VK1–VK4 operationalisiert, (b) den Beitrag der Synthese gegenüber Foucault, Lukes, Bourdieu und Lipsky inhaltlich abgrenzt, (c) die Verschränkungsstruktur als formalen DAG darstellt, und (d) die normative Position der Arbeit explizit macht. Die zentrale falsifizierbare Vorhersage VK4 lautet: Nachhaltige Reduktion der typischen Phänomenologie tritt erst bei koordinierter Intervention auf mindestens zwei der drei Mechanismen ein; Einzelinterventionen werden durch die jeweils anderen beiden Mechanismen kompensiert.
Status: Theoretische Synthese; keine eigene Empirie.
Die methodische Zulässigkeit der Klassen-Bildung wird in §8 unter Bezug
auf P-13 (prinzipien.md) explizit geprüft.
1. Ausgangspunkt
Drei Anker-Papers behandeln je einen Aspekt informeller Sozialkontrolle in urbanen Hausgemeinschaften:
- Anker 1 erklärt die typologische Konsistenz lokaler Gatekeeper- Positionen über das gekoppelte Wirken von Selbstselektion und Positionsformung.
- Anker 2 erklärt den kategorialen Statuswechsel zwischen Akteur:in und einzelnen Bewohner:innen als zweistufigen Prozess aus Reziprozitätstrigger und bayesianischer Rekategorisierung.
- Anker 3 erklärt die Informationsökonomie der Sanktionsanwendung als asymmetrisches Klatsch-Netzwerk mit Hub-Konvergenz.
Die Frage dieser Synthese ist, was passiert, wenn alle drei Anker gleichzeitig stimmen. Die Antwort, die hier entwickelt wird, ist keine Aufzählung — sie ist eine Klassen-Frage mit operationalisierbarer diagnostischer Struktur.
2. Die Phänomenklasse und ihre Vorgänger
Die drei Mechanismen teilen ein Strukturmerkmal: Sie alle erzeugen Verhaltensverengung ohne formalen Zwangsapparat. Es gibt keinen Schiedsspruch, keine vollstreckbare Sanktion, keinen rechtlich einklagbaren Anspruch — und doch wirkt das System.
Diese Konstellation hat in der Literatur vier Vorgänger. Ihre unterschiedlichen Stoßrichtungen zeigen, was die Synthese hinzufügt.
2.1 Foucault: Disziplinarmacht ohne Zentrum
Foucault (1975) beschreibt das Panopticon als architektonisches Diagramm: Beobachtungsasymmetrie erzeugt Verhaltensanpassung der potenziell Beobachteten, ohne dass tatsächlich beobachtet werden muss. Was Foucault liefert, ist die Wirkbeschreibung; was er nicht liefert, ist die Generierungsmechanik. Wer beobachtet wen warum unter welchen Bedingungen, in welcher Position, mit welcher Informationsversorgung — diese Fragen bleiben auf der Diagramm-Ebene offen.
Die Synthese fügt hinzu: die kausale Kette, die Disziplinarmacht in einem konkreten Setting hervorbringt. Mechanismus 1 erklärt, wer in der Beobachterposition steht; Mechanismus 2 erklärt, welche Kategorien beobachtet werden; Mechanismus 3 erklärt, wie die Beobachtung operativ wird, obwohl die Beobachter:in nicht omnipräsent ist.
2.2 Lukes: Dritte Dimension der Macht
Lukes (1974) klassifiziert Macht in drei Dimensionen: offene Konfliktentscheidung, Themenverhinderung, und — als dritte Dimension — die Formung von Präferenzen und Interessenwahrnehmungen selbst. Die dritte Dimension entspricht der hier behandelten Phänomenklasse in der Wirkungsebene. Was Lukes liefert, ist die Typologie; was er nicht liefert, ist eine empirisch zugängliche Operationalisierung der Generierungsmechanismen.
Die Synthese fügt hinzu: drei mechanistisch unterscheidbare und einzeln intervenierbare Komponenten der dritten Machtdimension in einem konkreten Setting. Das macht aus der ursprünglich kritisch- analytischen Lukes-These eine empirisch zugängliche Struktur.
2.3 Bourdieu: Symbolische Gewalt und Habitus
Bourdieu (1979, 1980) entwickelt die symbolische Gewalt als internalisierte Herrschaftsbeziehung, die durch das Habitus-Konzept auf der Akteursseite verankert wird. Was Bourdieu liefert, ist die disposition-zentrierte Erklärung; was er weniger ausarbeitet, ist die Kopplung zwischen Disposition, Position und Informationsfluss auf der Mikroebene.
Die Synthese fügt hinzu: die explizite Verschränkungsstruktur (siehe §5 DAG). Habitus allein erklärt nicht, warum bestimmte Personen in bestimmte Positionen wandern und welche Informationsökonomie sie dort konstituieren. Die Drei-Mechanismus-Beschreibung leistet das.
2.4 Lipsky: Street-Level Bureaucracy
Lipsky (1980) liefert das institutionelle Konzept der diskretionären Position auf der untersten Ebene formaler Organisation. Was Lipsky liefert, ist die institutionelle Rahmenbeschreibung; was er nicht liefert, ist eine Theorie der informellen Position unterhalb der formalen Organisation.
Die Synthese fügt hinzu: die Anwendung der Lipsky-Logik auf semi-formelle Positionen, in denen es keinen Berufsausbildungs- Standard, keine institutionelle Aufsicht und keinen formalen Rechenschaftsmechanismus gibt — und die Klärung, wie informelle Selektion (Mechanismus 1) und informelle Sanktion (Mechanismus 3) den fehlenden formalen Rahmen ersetzen.
2.5 Synthese-Beitrag in einem Satz
Was die Synthese gegenüber den vier Vorgängern leistet, ist die mechanistisch dekomponierte, in einem konkreten Setting empirisch zugängliche und an einer expliziten Verschränkungsstruktur orientierte Beschreibung einer Klasse von Phänomenen, die bei den Vorgängern jeweils nur in einem Aspekt — Wirkung, Typologie, Disposition, Institution — behandelt wurde.
3. Systemische Verschränkung
Die drei Mechanismen sind nicht additiv. Sie bilden eine Verstärkungsschleife mit folgenden Pfaden:
Anker 1 → Anker 2 → Anker 3. Die Position erzeugt eine Akteur:in mit erhöhter Klassifikations-Bereitschaft (1). Die Klassifikation ist durch Reziprozitätsgesten kategorial schaltbar (2). Klatsch-Quellen fließen bevorzugt aus der Ingroup, Sanktionen werden bevorzugt gegen die Outgroup angewendet (3, V2 und V3).
Anker 3 → Anker 1 → Anker 2. Die Hub-Position im Klatsch-Netzwerk (3) macht die Hauswart-Funktion attraktiv für Personen, die durch Disposition zu Klassifikation neigen (1, Mechanismus A). Diese Akteur:innen sind besonders empfänglich für scharfe Kategorisierungen (2).
Anker 2 → Anker 3 → Anker 1. Die kategoriale Schaltbarkeit (2) erzeugt eine stabile Ingroup/Outgroup-Architektur. Diese Stabilität ist die Voraussetzung für konsistent asymmetrischen Informationsfluss (3). Die konsistente Asymmetrie belohnt die Position mit informellem Status, was ihre Attraktivität für selbstselektierende Akteur:innen erhöht (1).
Die drei Pfade sind nicht alternativ; sie laufen gleichzeitig.
4. Klassen-Identifikation und Interventions-Topologie
4.1 Klassen-Kriterien
Die Phänomenklasse strukturelle Autonomie-Reduktion ohne formalen Zwang wird über vier Strukturmerkmale definiert:
- Verhaltensformung empirisch messbar.
- Kein formaler Zwangsapparat im Sinn rechtsförmiger Sanktion.
- Wirkung über Antizipation und Kategorisierung, nicht über konkrete Sanktionsereignisse.
- Verteilte Akteurschaft — kein einzelner Akteur trägt die volle Verantwortung.
In Settings, die alle vier Kriterien erfüllen, ist die Drei-Mechanismus- Dekomposition methodisch anwendbar.
4.2 Interventions-Topologie
Die Verschränkungsstruktur impliziert drei Angriffsstellen:
- Position-Intervention (auf Mechanismus 1): Veränderung der Stellenausschreibung, Beruflichkeitsstandards, Rotation, Schulung zur Reflexion.
- Kategorie-Intervention (auf Mechanismus 2): Strukturelle Begegnungs-Settings, die Reziprozitätstrigger über bestehende Ingroup-Grenzen hinaus ermöglichen.
- Informationsfluss-Intervention (auf Mechanismus 3): Veränderung der Anschluss-Strukturen — anonyme oder mehrstufige Beschwerdesysteme, die den Hub-Effekt entkoppeln.
Was die Synthese hier zusätzlich zu jedem Einzelanker leistet, ist die folgende Aussage: Wegen der Verschränkungsstruktur ist eine Intervention auf nur eine Stelle voraussichtlich wirkungslos, weil die beiden anderen Mechanismen kompensieren. Diese Aussage ist falsifizierbar und wird in §7 operationalisiert.
5. DAG der Verschränkungsstruktur
Die Verschränkungsstruktur lässt sich als gerichteter zyklischer Graph darstellen. Sieben Knoten und ihre wesentlichen Kanten:
[D] Disposition ─────⇄───── [P] Position
│ ╲ │
│ ╲ │
↓ ↘ ↓
[K] Kategorisierung ←── [R] Reziprozitätstrigger
⇅
[I] Informationsfluss
│
↓
[S] Sanktions-Selektivität
│
↓
[B] Bewohner:innen-Verhalten ──→ [I]
(Antizipations-Schleife)
Zusätzliche Kanten:
[P] ──→ [S] (Position legitimiert Sanktion)
[I] ──→ [K] (Information verstärkt Kategorie)
[K] ──→ [I] (Kategorisierung filtert akzeptierte Quellen)
Die zentralen Eigenschaften des Graphs:
- Wechselseitigkeit zwischen D und P: Mechanismus 1 ist eine bidirektionale Kopplung; das ist die Selektion-Position-Schleife.
- Bidirektionale Kopplung zwischen K und I: Kategorisierung und Informationsfluss verstärken einander.
- Antizipations-Schleife B → I: Die strukturell antizipatorisch angepassten Bewohner:innen produzieren weniger beobachtbare Norm-Verletzungen — was die Selektivität des Klatsch- Inputs verschärft (was sanktioniert wird, ist überproportional Outgroup-zugeschrieben, weil bei der Ingroup weniger zu beobachten ist).
- Kein Knoten ist Wurzel. Der Graph hat keine kausale Erstursache; jeder Knoten ist Ursache und Wirkung zugleich. Das unterscheidet die Phänomenklasse strukturell von linear-kausalen Sozialkontroll-Modellen.
Eine SVG-Visualisierung dieses DAG nach werkstattlinie-Standard ist v0.3-Aufgabe.
6. Anschluss an die Autonomie-Skala
Strukturelle Autonomie-Reduktion ohne formalen Zwang ist eine Klasse von Mechanismen, die im Frankfurt-Sinn (Frankfurt 1971) Autonomie nicht durch Eingriff in den Willen, sondern durch Reduktion des Reflexionsraums einschränken. Die betroffenen Akteur:innen — sowohl Targets als auch Hubs — verlieren nicht die formale Wahlmöglichkeit; sie verlieren die strukturelle Möglichkeit, die Wahl zum Gegenstand reflektierter Distanz zu machen.
Daraus folgen zwei Konsequenzen, die in der laufenden Forschungslinie weiterzuverfolgen sind:
Konsequenz 1 — Autonomie als Positions-Eigenschaft. Autonomie ist nicht primär eine Eigenschaft von Personen, sondern eine Eigenschaft von Positionen, die Personen einnehmen. Eine Person kann in einer Position autonomiearm und in einer anderen autonomiehoch operieren.
Konsequenz 2 — Schuldfähigkeit als positionsbezogene Frage. Im Anschluss an die Schuldfähigkeits-Linie folgt: Die Frage “hätte sie anders handeln können?” ist in autonomiearmen Positionen nicht durch eine kontrafaktische Analyse des individuellen Willens zu beantworten, sondern durch eine Strukturanalyse der Position. Das verlagert die normative Frage, ohne sie zu eliminieren. Es ergibt sich eine dritte Kategorie neben handlungsfähig und schuldfähig: positionsabhängig autonomiebeschränkt — keine Schuldunfähigkeit, sondern eine Skalierung innerhalb der Schuldfähigkeit.
7. Operationalisierung der Kompensations-These
Dies ist die in v0.1 §6(c) markierte Sollbruchstelle. Sie wird hier abgearbeitet.
7.1 Die Kompensations-These formal
Sei 𝒫 die typische Phänomenologie einer Hausgemeinschaft mit allen drei Mechanismen aktiv: typologische Konsistenz der Akteur:in, kategoriale Stabilität der Ingroup/Outgroup-Architektur, selektive Sanktionsanwendung. Sei Ij eine Intervention, die spezifisch auf Mechanismus j ∈ {1, 2, 3} zielt. Sei Δ𝒫(Ij) die durch Ij erzeugte Reduktion von 𝒫.
Die Kompensations-These lautet:
Δ𝒫(Ij) ist für jedes einzelne j klein und nicht-anhaltend, weil die beiden anderen Mechanismen die durch Ij erzeugte Lücke schließen.
Δ𝒫(Ij∪Ik) für j ≠ k ist deutlich größer und anhaltend, weil die Kompensationspfade über den dritten Mechanismus allein nicht ausreichen.
7.2 Vier diagnostische Vorhersagen
VK1 (Positions-Intervention allein). Rotation oder Berufsausbildungs-Standard reduziert das Selektivitätsmuster nicht nachhaltig. Die nachfolgende Akteur:in wird über Mechanismus 1 ähnlich selegiert (Selbstselektion-Effekt für die neu zu besetzende Position) und übernimmt die durch Mechanismen 2+3 vorgehaltene Informationsökonomie und Kategorisierung. Vorhersage: Δ𝒫(I1) → 0 nach 6–12 Monaten.
VK2 (Kategorie-Intervention allein). Begegnungs-Architektur und explizite Inklusions-Settings reduzieren die Outgroup-Stabilität kurzfristig. Die Klatsch-Asymmetrie (Mechanismus 3) und die Disposition der Position (Mechanismus 1) bringen die Kategorisierung mittelfristig wieder ein. Vorhersage: Δ𝒫(I2) > 0 kurzfristig (3–6 Monate), → 0 langfristig (24 Monate).
VK3 (Informations-Intervention allein). Anonyme Beschwerdesysteme oder mehrstufige Eskalations-Strukturen reduzieren die Hub-Konvergenz. Die Disposition der Akteur:in (1) plus die Kategorisierung der Targets (2) erzeugen aber selektive Sanktionsmuster auch auf neutralisierten Beschwerden — das System routet um. Vorhersage: Δ𝒫(I3) > 0 in der formalen Sanktionsstruktur, ≈ 0 in der erlebten Phänomenologie der Bewohner:innen.
VK4 (Mehrfach-Intervention). Die gleichzeitige Intervention auf mindestens zwei Mechanismen erzeugt nachhaltige Reduktion der Phänomenologie. Vorhersage: Δ𝒫(Ij∪Ik) ≫ Δ𝒫(Ij) + Δ𝒫(Ik) — der Effekt ist super-additiv, was die Verschränkungsstruktur direkt bestätigen würde.
7.3 Falsifikations-Bedingungen
Die Synthese ist falsifiziert, wenn empirisch gezeigt wird:
- Eine Einzelintervention Ij erzeugt anhaltende Reduktion von 𝒫 über 24+ Monate (gegen VK1–VK3).
- Mehrfach-Intervention Ij ∪ Ik hat additiven, nicht super-additiven Effekt (gegen VK4).
- Settings, die alle vier Klassen-Kriterien aus §4.1 erfüllen, zeigen nicht die durch das Drei-Mechanismus-Modell vorhergesagte Phänomenologie (gegen die Klassen-Behauptung selbst).
7.4 Methodische Zugänge
Drei Designs sind grundsätzlich tragfähig, mit unterschiedlichem Aufwand und Realisierbarkeitsgrad:
- Quasi-experimentell. Vergleich von Wohnanlagen, die unterschiedliche Hausordnungs-Reformen implementiert haben (Rotations-Policy, anonyme Beschwerdesysteme, gemeinsame Hofnutzung). Realistisch über Kooperation mit großen Wohnbaugesellschaften erreichbar; methodisch durch Selbstselektion der Anlagen in die Reform-Bedingung belastet.
- Natural Experiment. Identifikation historisch eingeführter Reformen mit kausal eindeutigem Beginn (z. B. Übergang von Hausmeister- zu Servicegesellschafts-Modell in bestimmten Wohnbeständen). Schwer zu finden, aber methodisch sauberer.
- Vignetten-Experiment. Versuchspersonen lesen Hauskonfigurationen mit/ohne Einzel- oder Mehrfach-Intervention und schätzen die erwartete Phänomenologie ein. Schnell realisierbar, aber Validitäts-schwach gegenüber den Feld-Designs.
Eine Pilotstudie im Vignetten-Format kann in v1.0 als Realisierbarkeits-Test geplant werden; die Feld-Designs sind Mittel- bis Langfrist-Projekte.
8. Methodisches Verhältnis zur Phänomenklasse
P-13 (prinzipien.md) erlaubt Klassen-Bildung über
Querverbindungen erst nach Abschluss von Einzelarbeiten. Die
Zulässigkeit dieser Synthese wird über drei Bedingungen geprüft:
- Einzelarbeiten abgeschlossen. Drei Anker liegen vor. Erfüllt.
- Synthetischer Beitrag jenseits der Einzelarbeiten. §3 (Verschränkungsstruktur), §4.2 (Interventions-Topologie), §5 (DAG), §7 (operationalisierte Kompensations-These VK1–VK4). Erfüllt.
- Empirisch prüfbare Synthese-These. §7.2 mit VK1–VK4 und §7.3 mit Falsifikations-Bedingungen. Erfüllt — die Sollbruchstelle aus v0.1 ist abgearbeitet.
Damit ist die Synthese in v0.2 als eigenständiges Fragment auf demselben methodischen Status wie die drei Anker. Sie ist kein Programmpapier und keine theoretische Skizze — sie ist eine falsifizierbare Theorie-Behauptung mit ausstehender empirischer Realisierung.
9. Normative Position
Die Interventions-Topologie aus §4.2 ist normativ neutral formuliert, aber die Wahl, sie überhaupt zu formulieren, ist nicht neutral. v0.2 macht die normative Position der Arbeit explizit:
Position 1. Die Phänomenklasse ist nicht per se verwerflich. Antizipatorische Verhaltensanpassung an soziale Normen ist zivilisatorisch notwendig; ohne strukturelle Sozialkontrolle in irgendeiner Form sind komplexe Gesellschaften nicht stabilisierbar. Die Klasse ist eine Voraussetzung sozialen Zusammenlebens, nicht ihr Gegenteil.
Position 2. Verwerflich wird die Klasse erst dort, wo (a) die verteilte Akteurschaft ein Verantwortungs-Vakuum erzeugt, das einzelnen Targets Schaden zufügt, ohne dass eine zurechenbare Stelle existiert, und (b) die Asymmetrie der Sanktionsanwendung systematisch mit nicht-veränderbaren Personenmerkmalen (ethnische Markierung, Herkunft, Sozialstatus) korreliert. Diese beiden Bedingungen sind nicht intrinsisch in der Klasse angelegt; sie sind empirische Konstellationen, die im konkreten Setting Hausgemeinschaft typischerweise auftreten, aber nicht zwingend.
Position 3. Die Interventions-Topologie ist deshalb nicht als Abschaffungs-Programm zu lesen, sondern als Korrektur-Programm unter Bedingungen, die Position 2 trifft. Wo die Klasse stabilisierend ohne korrelierte Diskriminierung wirkt, sind Interventionen nicht indiziert; wo sie diskriminierend wirkt, sind die in §4.2 skizzierten Angriffsstellen die strukturell konsistenten Ansatzpunkte.
Diese Position ist explizit kein libertärer Anti-Disziplinarmacht- Reflex und auch keine Verharmlosung der bei den Vorgängern (Foucault, Bourdieu) zentralen kritischen Pointe. Sie ist eine differenzierende Position, die den Forschungsgegenstand als ambivalent — sowohl gesellschaftlich-notwendig als auch potenziell diskriminierend — behandelt.
10. Limitationen
- n=0 eigene Empirie. Die Synthese-These ist falsifizierbar formuliert (§7), aber bisher nicht getestet.
- Klassen-Generalisierung. Die Übertragung auf andere Settings (Büro mit Middle-Management, Online-Communities, Vereine) ist plausibel, aber spekulativ. v1.0 muss mindestens ein Vergleichs- Setting theoretisch durcharbeiten.
- Realisierbarkeit der Tests. Die in §7.4 skizzierten Designs sind alle aufwendig. Die Pilotstudie im Vignetten-Format ist die einzige, die kurzfristig realistisch ist; sie hat schwache externe Validität.
- Foucault-Anschluss bleibt knapp. §2.1 grenzt ab, leistet aber keine vollständige Auseinandersetzung mit der Disziplinarmacht- Theorie. v1.0 könnte das ausarbeiten, falls dies für den Synthese-Beitrag relevant wird.
- DAG-Formalisierung. Der Graph in §5 ist als ASCII-Skizze gegeben. Eine formale Pfadanalyse mit gerichteten Kanten-Gewichten ist v0.3-Aufgabe.
11. Nächste Schritte
- v0.3: SVG-Visualisierung des DAG nach werkstattlinie-Standard; formale Pfadanalyse mit Kanten-Gewichten.
- v1.0: Pilotstudie im Vignetten-Format zur Realisierbarkeit- Prüfung von VK4; vollständige DOI-Verifikation; OSF-Pre- Registrierung des Vignetten-Designs.
- Anschluss an das Komplexitäts-/Schuldfähigkeits-Anker-Paper über §6: Autonomie als Positions-Eigenschaft als eigenständige These.
- Theoretische Vergleichs-Analyse mit einem zweiten Setting (Vorschlag: Büro-Kontext mit Middle-Management-Position) zur Test- der Klassen-Generalisierung.
Bibliographie
Bourdieu, P. (1979). La distinction: Critique sociale du jugement. Éditions de Minuit. [T2]
Bourdieu, P. (1980). Le sens pratique. Éditions de Minuit. [T2]
Foucault, M. (1975). Surveiller et punir: Naissance de la prison. Gallimard. [T2]
Frankfurt, H. G. (1971). Freedom of the will and the concept of a person. The Journal of Philosophy, 68(1), 5–20. https://doi.org/10.2307/2024717 [T1]
Lipsky, M. (1980). Street-level bureaucracy: Dilemmas of the individual in public services. Russell Sage Foundation. [T2]
Lukes, S. (1974). Power: A radical view. Macmillan. [T2]
Querverweise zur Anker-Trilogie:
- Anker 1: Selektion und Position in lokalen Gatekeeper-Funktionen (v0.1, 2026-05-05).
- Anker 2: Reziprozität und Rekategorisierung als Mechanismen selektiver Freundlichkeit (v0.2, 2026-05-05).
- Anker 3: Klatsch als Infrastruktur informeller Sozialkontrolle in Hausgemeinschaften (v0.1, 2026-05-05).
v0.2 · 2026-05-16 · ~2.950 Wörter / ca. 11 Seiten · Thomas Schüller · forschung@tschueller.com · ORCID 0009-0003-9799-6747 · privat finanziert, ohne institutionelle Affiliation · CC BY 4.0
Changelog v0.1 → v0.2:
- §2 vollständig neu strukturiert: Foucault, Lukes, Bourdieu und Lipsky einzeln als Vorgänger behandelt, je mit konkreter Abgrenzung; Synthese-Beitrag in §2.5 explizit formuliert.
- §5 neu: DAG der Verschränkungsstruktur als ASCII-Darstellung mit sieben Knoten und elf Kanten; zentrale Graph-Eigenschaften benannt.
- §7 neu: Operationalisierung der Kompensations-These über vier diagnostische Vorhersagen VK1–VK4 mit formaler Notation; Falsifikations-Bedingungen explizit; drei methodische Zugänge skizziert.
- §8 verschärft: Drei Zulässigkeits-Bedingungen aus v0.1 §6 in v0.2 alle als erfüllt markiert (mit Verweis auf die Sektionen, die das belegen); die Sollbruchstelle aus v0.1 ist damit geschlossen.
- §9 neu: Normative Position der Arbeit in drei Positionen explizit gemacht; Klasse als ambivalent (notwendig + potenziell diskriminierend) gerahmt.
- §10 erweitert: Realisierbarkeit der Tests als eigene Limitation aufgenommen.
- Bibliographie unverändert (Vorgänger-Referenzen bereits in v0.1); Anker-Bibliographien werden weiterhin nicht repliziert.