Übersicht · Syntagma Forschung
Beobachterwerkstatt — Begleitpapier
Modul: Quantenphysik · Naturwissenschaftliche Werkstatt Version: v0.1.1 Datum: 2026-05-07 Autor: Thomas Schüller · Syntagma Forschung · Wien Kontakt: forschung@tschueller.com ORCID: 0009-0003-9799-6747 Affiliation: Unabhängiger, transdisziplinärer Forscher, privat finanziert Lizenz (Code): AGPL-3.0 Lizenz (Inhalte): CC BY 4.0 Strang: FORSCHUNG / Naturwissenschaftliche Werkstatt
Bestandscheck und Open-Source-Sondierung
Existierende Open-Source-Lösungen in derselben Nische
Vor dem Bau habe ich folgende Werkzeuge gesichtet:
| Projekt | Sprache/Stack | Was es leistet | Lücke |
|---|---|---|---|
| PhET Interactive Simulations (University of Colorado) | Java/HTML5 | Quantum Wave Interference, Stern-Gerlach, Atomspektren | sehr breit, aber kein dedizierter Bell-Test, keine Verzögerte-Wahl-Visualisierung, keine deutsch-erstsprachige Pflege, kein peer-review-Quellenapparat im Tool |
| Quantum Country (Andy Matuschak / Michael Nielsen) | Web/SR-Cards | Spaced-Repetition-Lehrtext zu Quantum Computing | reiner Lehrtext, keine Spielwiesen |
| IBM Quantum Composer / Qiskit Textbook | Python/Notebooks | Echte Quantenhardware via Cloud, mathematisch tief | Hardware-Cloud, BYOK nötig, hohe Einstiegshürde, fokussiert auf Computing nicht Foundations |
| Quirk (Craig Gidney) | Web | Circuit-Sandbox für Quantengatter | Computing-Fokus, keine Foundations-Spielwiesen |
| St. Andrews QM Visualisations (Phil Tisdall et al.) | Flash/HTML5 (teils veraltet) | Wellenfunktions-Visualisierungen, Tunneleffekt | Foundations teilweise, Bell fehlt, nicht zweisprachig |
Lücken-Begründung:
- Kein bestehendes Werkzeug bündelt Doppelspalt + Verzögerte Wahl + Bell-Test in einer einzigen, single-file, offline-fähigen HTML-Anwendung mit DE/EN-Pflege.
- Kein Werkzeug deklariert seinen Quellen-Apparat als Tool-Bestandteil mit DOIs (auch nicht PhET).
- Kein Werkzeug bietet die vier Hauptinterpretationen nebeneinander im selben Klick.
- Die Naturwissenschaftliche-Werkstatt-Plattform hat zudem den Anspruch der Selbst-Tragenden Einheit: ein Modul = eine HTML-Datei, ohne Backend, ohne CDN.
Daraus: Eigenbau gerechtfertigt, aber bewusst klein gehalten und mit Verweisen auf die größeren Plattformen (PhET, Qiskit) im Begleitpapier statt durch eigenen Re-Build.
Was tut das Modul?
Die Beobachterwerkstatt ist ein interaktives Single-File-HTML-Tool, das drei klassische Quantenphysik-Experimente als Spielwiesen zugänglich macht: den Doppelspalt mit Welcher-Weg-Detektor, die verzögerte Wahl nach Wheeler, und den Bell-Test mit CHSH-Ungleichung. Jede Spielwiese ist mit einer mathematischen Theorieschicht und einem Quellen-Apparat verbunden.
Ziel: dem Benutzer ermöglichen, die zentralen Phänomene der Quantenmechanik selbst zu erzeugen, statt sie nur zu lesen. Der pädagogische Bogen folgt dem Editorial-Artikel "Die Katze, die nie existierte" — der ist explizit als Einstieg verlinkt.
Bedienung der drei Spielwiesen
01 — Doppelspalt mit Welcher-Weg-Detektor
Schieberegler steuern die Photonenrate (10 – 500 Photonen/Sekunde) und die Detektor-Effizienz (0 – 100%). Ein Toggle aktiviert den Welcher-Weg-Detektor, ein weiterer blendet die Pfade als Visualisierung ein.
- "Start / Pause" lässt Photonen kontinuierlich auf den Schirm prasseln
- Bei Detektor aus baut sich ein Interferenzmuster auf (lila Histogramm)
- Bei Detektor an erscheinen zwei einfache Spalthistogramme ohne Interferenz (roter Farbverlauf)
- Bei partieller Effizienz liegt das Ergebnis dazwischen — Visibility-Wert sinkt graduell
- Reset löscht das Histogramm
02 — Verzögerte Wahl (Wheeler)
- Schieberegler "Verzögerung" verschiebt die rote Entscheidungslinie im Raumzeit-Diagramm zwischen Doppelspalt und Schirm
- Drei Mess-Konfigurationen wählbar: offen (Interferenz), geschlossen (Welcher-Weg), zufällig
- "Photon senden" feuert 20 Photonen pro Klick; ihre Detektionsorte auf dem Schirm werden eingezeichnet
- Die Statistik (Interferenz- vs. Welcher-Weg-Count) hängt nur von der Konfiguration ab, nicht von der Verzögerung — das ist der Punkt
03 — Bell-Test (CHSH)
- Zwei Schieberegler für Alice- und Bob-Polarisationswinkel (0° – 180°)
- Schieberegler für die Anzahl Photonenpaare (100 – 10.000)
- "CHSH-Messung" berechnet den S-Wert mit Monte-Carlo-Sampling der quantenmechanischen Korrelationen
- Plot zeigt S-Werte über die Messreihen, mit klassischer Schranke (S=2, grün gestrichelt) und Tsirelson-Schranke (S=2√2, rot)
- Bei optimalen Winkeln (a=0°, b=22.5° → impliziert a'=45°, b'=67.5°) erreicht S Werte um 2.828
Was zeigen die Histogramme?
Doppelspalt: Wahrscheinlichkeitsdichte |ψ(x)|² über die Schirmposition. Sichtbare Streifen = Interferenz = Phasenkohärenz = Welcher-Weg-Information ist nicht im Universum.
Verzögerte Wahl: Detektionsorte über den Schirm, separat aufgetragen für Interferenz- und Welcher-Weg-Konfiguration. Die Punkte zeigen unmittelbar, welche Statistik die jeweilige Konfiguration erzeugt.
Bell-Test: Plot der Korrelations-Stärke |S| über aufeinanderfolgende Messungen. Werte oberhalb der grünen Linie können von keiner lokalen realistischen Theorie reproduziert werden.
Welche Vereinfachungen wurden gemacht?
Das Modul ist eine Browser-Simulation, kein realer Quanten-Experimentaufbau. Die Vereinfachungen sind transparent:
- Doppelspalt: Die Wahrscheinlichkeitsdichte wird mit der Born-Regel berechnet, der Phasenwinkel ist eine vereinfachte 1D-Näherung. Realistische Beugungsenvelope (Einzelspalt) ist als Gauß-Faktor multipliziert.
- Welcher-Weg-Effizienz → Visibility: Implementiert die Englert-Komplementaritätsrelation V² + D² ≤ 1 mit D = √(Effizienz). Das ist die einfachste konsistente Verkopplung.
- Verzögerte Wahl: Es wird keine echte Raumzeit-Propagation simuliert. Die Statistik wird direkt aus der Konfiguration berechnet — das ist physikalisch korrekt (das Photon hat keine objektive Trajektorie), pädagogisch aber eine Black Box.
- Bell-Test: Monte-Carlo-Sampling der quantenmechanischen Korrelation E(a,b) = −cos(2(a−b)). Es wird kein lokales Hidden-Variable-Modell zum Vergleich simuliert; die klassische Schranke S=2 ist als Linie eingezeichnet, nicht als Simulation. Wer den klassischen Vergleich aktiv durchspielen will, müsste das in einem Fork ergänzen.
- Keine Decoherence-Modellierung: Die Übergangszone zwischen Quanten- und klassischem Regime wird nicht simuliert.
Welche Quelle für welche Behauptung?
| Behauptung | Quelle |
|---|---|
| Wellenfunktion-Formalismus, Schrödinger-Gleichung | Schrödinger 1935 |
| Welcher-Weg-Info zerstört Interferenz auch ohne Auslesung | Scully & Drühl 1982, Walborn et al. 2002 |
| V² + D² ≤ 1 | Englert 1996 |
| Verzögerte Wahl, prinzipielle Argumentation | Wheeler 1978 |
| Verzögerte Wahl, experimentelle Realisierung | Jacques et al. 2007 |
| CHSH-Ungleichung | Clauser, Horne, Shimony, Holt 1969 |
| Tsirelson-Schranke S ≤ 2√2 | Tsirelson 1980 |
| Erste experimentelle Bell-Verletzung | Aspect et al. 1982 |
| Schlupflochfreier Bell-Test | Hensen et al. 2015, Giustina et al. 2015, Shalm et al. 2015 |
| Dekohärenz-Programm | Zurek 2003, Joos et al. 2003 |
| Viele-Welten | Everett 1957 |
| Pilotwelle | Bohm 1952 |
| QBism | Fuchs, Mermin, Schack 2014 |
Alle Quellen sind im Modul selbst unter Tab "Quellen" mit DOI verlinkt.
Hardware-Anker für Heim- und Schul-Experiment
Browser-Simulationen ersetzen kein reales Experiment. Wer den Schritt in den physischen Aufbau gehen will, hat folgende Pfade — vom Wohnzimmer bis zum Universitätslabor:
Pfad 1 — Doppelspalt zuhause (5–30 €)
Mit einem roten Laserpointer (Klasse 1 oder 2, max. 1 mW) und einem fein geschnittenen Doppelspalt (selbst geschnitten in Aluminiumfolie mit Rasierklinge, oder fertige Kreditkarten-Größe von Pasco/3B Scientific für ca. 10–30 €) lässt sich das klassische Interferenzmuster an einer weißen Wand sichtbar machen. Spaltabstand wenige Zehntelmillimeter, Wandabstand 2–5 m. Keine Quanten-Demonstration, aber die Wellenoptik direkt im Wohnzimmer. Sicherheitshinweis: Laser nicht ins Auge richten.
Pfad 2 — Einzelphotonen-Doppelspalt (Schul-/Maker-Kit, 300–2.000 €)
Echte Einzelphotonen-Detektion mit Avalanche-Photodioden ist mit Bauteilen aus dem Maker-Bereich (z.B. Hamamatsu C13366-Modul ~ 600 €) machbar, in Kombination mit einem schwach gedämpften Laser. Anleitungen u.a. bei PhysicsOpenLab (open-source, italienische Maker-Community) und in der American Journal of Physics, Beck et al. 2002 (DOI: 10.1119/1.1450559). Aufwand: ein bis zwei Wochenenden Bastelzeit.
Pfad 3 — Bell-Test als Citizen-Science (online)
Das The Big Bell Test (Nature 557, 2018, DOI: 10.1038/s41586-018-0085-3) ist abgeschlossen, aber die Daten sind offen. IBM Quantum und vergleichbare Quantum-Computing-Plattformen erlauben es, CHSH-Schaltungen auf realer Quantenhardware aus dem Browser heraus auszuführen — die Hardware steht in realen Laboren, der Zugriff ist im Free-Tier limitiert verfügbar (BYOK-Account erforderlich). Das ist näher an „echtes Experiment" als jede Simulation: man wartet auf Queue-Zeit, sieht Rauschen, kämpft mit Decoherence.
Pfad 4 — Vollausstattung im Lehrlabor (5.000–50.000 €)
Für Schulen/FHs/Universitäten: qutools quED ist das Standardpaket für verschränkte Photonenpaare und Bell-Test im Hörsaal. Thorlabs EDU-QOP1 ist eine günstigere Variante. OptoSigma, Newport und PASCO liefern modulare Aufbauten für Doppelspalt-Anpassungen. Schweres Gerät, aber das ist das, was in echten Quantenoptik-Vorlesungen steht. Konkrete Preise variieren nach Konfiguration und Lieferant.
Barrierefreiheit
- Skip-Link zum Hauptinhalt
- Semantische Landmarks: header/main/nav/footer mit role-Attributen
- ARIA-Rollen für Tabs und Panels (tablist, tab, tabpanel, aria-selected, aria-controls)
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- Sprachen DE/EN parallel via Toggle, localStorage-Persistenz
- prefers-reduced-motion respektiert (CSS-Animationen dann unterdrückt)
- prefers-color-scheme: dark-Modus durch werkstattlinie.css automatisch
- Schrift skalierbar (kein px-Lock für Body-Text, rem-basiert)
- Farbenblind-sichere Diskriminanz: Histogramm-Unterschied zusätzlich durch Form/Position kodiert
Was steht noch aus (Roadmap)
- Nicht v0.x mehr — siehe Schließungstyp. Erweiterungen gehen per Fork.
- Mögliche Folge-Module (eigener Strang):
- Quanten-Radiergummi (Quantum Eraser, Walborn-Experiment)
- Dekohärenz-Demo
- Klassisches Hidden-Variable-Modell als Kontrast im separaten Bell-Vergleichs-Modul
- Forschungsnotiz (separater Output, FORSCHUNG-Track):
- Strikte Schichten-A–D-Forschungsnotiz im Werkstatt-Template-Format
- Methodendiskussion zur didaktischen Tragfähigkeit von Browser-Simulationen
- Anschluss an Wissenschaftsdidaktik-Literatur