KOOP-PROV0002 Praxis-Handbuch · v0.1 · 2026-09-25 Practical handbook · v0.1 · 2026-09-25
KOOP-PROV0002 Externe Fassung · ohne Bauteilwerte External version · no component values v0.1 · 2026-09-25

Bio-Signale messen.
Ein Handbuch für die Werkbank.

Elektrische Potentialschwankungen an Pilzmyzel und Pflanzen aufzeichnen, Störungen von Signalen unterscheiden und Messreihen so anlegen, dass jemand anderes sie wiederholen kann.

Measuring bio-signals.
A handbook for the bench.

Recording electrical potential fluctuations in fungal mycelium and plants, telling interference from signal, and designing measurement series someone else can repeat.

AutorAuthorThomas Schüller
ORCID0009-0003-9799-6747
LizenzLicenceCC BY 4.0
StandStatusEntwurf v0.1Draft v0.1

Bevor es losgeht

Die Geräte dieser Linie sind keine Medizinprodukte. Keine Anwendung an Menschen oder Tieren, keine diagnostische Verwendung.

Gemessen werden Spannungsverläufe an lebenden Substraten. Weder Sprache noch Absicht noch Wahrnehmung lassen sich daraus ableiten. Wer aus einem Spannungsausschlag eine Aussage über das Befinden eines Organismus macht, verlässt den messbaren Bereich.

Before you start

The devices in this line are not medical devices. No application on humans or animals, no diagnostic use.

What is measured are voltage traces in living substrates. Neither language nor intent nor perception can be derived from them. Turning a voltage excursion into a statement about an organism's state leaves the measurable domain.

Diagramm der Messkette: Substrat, Elektrode, Vorverstärker, Wandler, Auswertung, Ausgabe, mit den typischen Störquellen an jedem Glied.
Abb. 1 · Die Messkette und ihre Störquellen. Jedes Glied bringt eigene Fehler ein; die meisten Fehlmessungen entstehen an den ersten beiden. Fig. 1 · The measurement chain and its interference sources. Each link introduces its own errors; most faulty measurements arise at the first two.
Kapitel 01
Chapter 01

Was du wirklich misst.

Zwischen zwei Elektroden in einem feuchten, lebenden Substrat entsteht eine Spannung. Sie schwankt. Ein Teil dieser Schwankung stammt aus dem Organismus, ein Teil aus der Elektrode selbst, ein Teil aus der Umgebung. Die gesamte Handwerkskunst dieser Messung besteht darin, diese drei Anteile auseinanderzuhalten.

Die drei Anteile

Aus dem Organismus. Ionenströme über Membranen, Änderungen der Leitfähigkeit im Substrat durch Stoffwechsel, Wasserbewegung. Langsam: Sekunden bis Stunden. Klein: meist unter einem Millivolt, bei kräftigen Ereignissen einige Millivolt.

Aus der Elektrode. Jede Metall-Elektrolyt-Grenzfläche erzeugt ein eigenes Potential. Ändert sich Feuchte, Temperatur oder Ionenzusammensetzung am Kontakt, ändert sich dieses Potential — ohne dass der Organismus irgendetwas getan hat. Das ist die häufigste Fehlerquelle überhaupt.

Aus der Umgebung. Netzfrequenz aus der Gebäudeverkabelung, Schaltvorgänge, statische Aufladung durch Bewegung im Raum, Temperaturgang der Elektronik.

Merksatz

Ein Ausschlag ist erst dann ein Befund, wenn er in einer Kontrolle ohne Organismus nicht auftritt. Alles andere ist eine Beobachtung, die noch nichts belegt.

Größenordnungen

Typische Bereiche · Anhaltswerte für die Planung
GrößeBereichFolge für den Aufbau
SignalamplitudeBruchteile bis wenige MillivoltVerstärkung nötig, nah am Substrat
ZeitskalaSekunden bis Stundenniedrige Abtastrate genügt, Langzeitstabilität zählt
Elektrodendriftkann die Signalamplitude übersteigenKontrollelektroden zwingend
MessdauerTage bis Wochenautarke Aufzeichnung, kein Dauerbetrieb am Rechner

What you actually measure.

Between two electrodes in a moist, living substrate a voltage arises. It fluctuates. Part of that fluctuation comes from the organism, part from the electrode itself, part from the surroundings. The entire craft of this measurement consists in keeping those three apart.

The three parts

From the organism. Ion currents across membranes, conductivity changes in the substrate through metabolism, water movement. Slow: seconds to hours. Small: mostly below one millivolt, a few millivolts during strong events.

From the electrode. Every metal–electrolyte interface generates its own potential. If moisture, temperature or ion composition at the contact changes, that potential changes — without the organism having done anything. This is the single most common source of error.

From the surroundings. Mains frequency from building wiring, switching events, static charge from movement in the room, temperature drift of the electronics.

Rule of thumb

An excursion becomes a finding only when it does not appear in a control without an organism. Everything else is an observation that proves nothing yet.

Orders of magnitude

Typical ranges · guide values for planning
QuantityRangeConsequence for the setup
Signal amplitudefractions to a few millivoltsamplification needed, close to the substrate
Timescaleseconds to hourslow sampling rate suffices, long-term stability matters
Electrode driftcan exceed the signal amplitudecontrol electrodes mandatory
Durationdays to weeksself-contained recording, no permanent computer operation
Kapitel 02
Chapter 02

Die Messkette.

Sechs Glieder, immer dieselben. Wer weiß, welches Glied welchen Fehler einbringt, findet Probleme in Minuten statt in Tagen.

Substrat → Elektrode → Vorverstärker → Wandler → Auswertung → Ausgabe │ │ │ │ │ │ Biologie Chemie Rauschen Auflösung Verfahren Deutung Feuchte Drift Eingang Abtastrate Schwellen Kontext Temperatur Übergang Bezug Takt Glättung Grenzen

Glied für Glied

1 · Substrat. Träger des Signals und zugleich größter Störfaktor. Feuchtegradienten, Temperaturschichtung und Wachstum verändern die Leitfähigkeit über die Messdauer.

2 · Elektrode. Die Grenzfläche entscheidet. Stabiler Kontakt, gleiches Material für Mess- und Bezugselektrode, keine Materialmischung in einer Messung.

3 · Vorverstärker. Muss sehr hochohmig sein, sonst belastet er das Substrat und misst seinen eigenen Einfluss. Sitzt so nah wie möglich an der Elektrode.

4 · Wandler. Auflösung und Abtastrate bestimmen, was sichtbar wird. Bei langsamen Signalen ist die Auflösung wichtiger als die Rate.

5 · Auswertung. Glättung, Schwellen, Ereigniszählung. Jede Einstellung verändert das Ergebnis und gehört deshalb ins Protokoll.

6 · Ausgabe. Zahl, Kurve, Klang oder Steuerbefehl. Hier entsteht die Deutung — und hier werden die meisten Überinterpretationen geboren.

Reihenfolge der Fehlersuche

Immer von vorn: Substrat, dann Elektrode, dann Elektronik. Rund vier von fünf Problemen sitzen in den ersten beiden Gliedern, aber gesucht wird meistens zuerst in der Software.

The measurement chain.

Six links, always the same. Knowing which link contributes which error turns days of troubleshooting into minutes.

substrate → electrode → preamplifier → converter → analysis → output │ │ │ │ │ │ biology chemistry noise resolution method interpretation moisture drift input rate thresholds context temperature transition reference clock smoothing limits

Link by link

1 · Substrate. Carrier of the signal and simultaneously the largest disturbance. Moisture gradients, temperature stratification and growth change conductivity across the measurement period.

2 · Electrode. The interface decides. Stable contact, identical material for measurement and reference electrode, no mixing of materials within one measurement.

3 · Preamplifier. Must present very high impedance, otherwise it loads the substrate and measures its own influence. Sits as close to the electrode as possible.

4 · Converter. Resolution and sampling rate determine what becomes visible. For slow signals resolution matters more than rate.

5 · Analysis. Smoothing, thresholds, event counting. Every setting changes the result and therefore belongs in the log.

6 · Output. Number, curve, sound or control command. Interpretation arises here — and here most overinterpretations are born.

Order of troubleshooting

Always from the front: substrate, then electrode, then electronics. Roughly four out of five problems sit in the first two links, yet the search usually starts in the software.

Kapitel 03
Chapter 03

Substrat vorbereiten.

Pilzmyzel

Elektroden gehören vor dem Beimpfen an ihren Platz. Wer später nachsteckt, verletzt das Myzel, öffnet das Gefäß und holt sich Fremdkeime — und hat obendrein keinen Vergleich zum Zustand davor.

  1. Gefäß mit Durchführungen bestücken, Elektroden einsetzen, Dichtigkeit prüfen.
  2. Substrat einfüllen, Feuchte gleichmäßig verteilen.
  3. Sterilisieren, abkühlen lassen — Elektroden bleiben drin.
  4. Beimpfen, verschließen, ab hier nicht mehr öffnen.
  5. Messung ab dem ersten Tag laufen lassen, auch wenn noch nichts zu sehen ist. Die Phase vor dem Durchwachsen ist die Bezugsstrecke.

Pflanze

Die Schwierigkeit liegt in der Mechanik, nicht in der Biologie. Ein Blatt bewegt sich, wächst und verliert Wasser; jede dieser Bewegungen erzeugt ein Signal am Kontakt, das wie ein Befund aussieht.

  • Klemmen mitführen, nicht festspannen. Druck erzeugt Verletzung, Verletzung erzeugt ein wanderndes Potential über Stunden.
  • Kontaktschicht feucht halten über die gesamte Messdauer. Austrocknen sieht in der Kurve aus wie eine langsame Reaktion.
  • Bezug in den Wurzelraum, nicht an einen zweiten Blattpunkt.
  • Licht, Temperatur und Substratfeuchte mitschreiben. Ohne diese drei Kurven ist eine Deutung der Spannungskurve nicht belegbar.

Ruhezeit

Nach jedem Eingriff — Elektrode gesetzt, Gefäß bewegt, Deckel geöffnet — braucht der Aufbau Zeit, bis die Kontaktpotentiale zur Ruhe kommen. Diese Zeit liegt im Bereich von Stunden, nicht Minuten. Daten aus dieser Phase gehören markiert und aus der Auswertung genommen.

Preparing the substrate.

Fungal mycelium

Electrodes belong in place before inoculation. Inserting them later injures the mycelium, opens the vessel and invites contamination — and leaves no comparison to the state before.

  1. Fit the vessel with feedthroughs, insert electrodes, check tightness.
  2. Fill in substrate, distribute moisture evenly.
  3. Sterilise, let cool — electrodes stay in.
  4. Inoculate, close, do not open from here on.
  5. Run the measurement from day one, even with nothing visible yet. The phase before colonisation is the baseline stretch.

Plant

The difficulty is mechanical, not biological. A leaf moves, grows and loses water; each of these movements produces a signal at the contact that looks like a finding.

  • Let clamps follow, do not grip. Pressure causes injury, injury causes a wandering potential over hours.
  • Keep the contact layer moist throughout. Drying out looks like a slow response in the trace.
  • Reference into the root zone, not to a second point on the leaf.
  • Record light, temperature and substrate moisture. Without these three curves no interpretation of the voltage curve is supportable.

Settling time

After every intervention — electrode placed, vessel moved, lid opened — the setup needs time for contact potentials to settle. That time is in the range of hours, not minutes. Data from this phase should be marked and excluded from analysis.

Kapitel 04
Chapter 04

Elektroden setzen.

Vier Regeln, die zusammen mehr bewirken als jede Verbesserung an der Elektronik.

Regel 1 · Gleiches Material

Mess- und Bezugselektrode aus demselben Material, aus derselben Charge. Unterschiedliche Materialien erzeugen eine dauerhafte Spannung, die mit Temperatur wandert — und dann wie ein Tagesrhythmus aussieht.

Regel 2 · Gleiche Tiefe, gleiche Lage

Elektroden auf vergleichbarer Höhe im Substrat. Unterschiedliche Tiefen messen unterschiedliche Feuchtezonen; deren Gradient ist größer als das gesuchte Signal.

Regel 3 · Kurze Wege, geschirmt

Der Weg von der Elektrode zum Vorverstärker ist der empfindlichste Abschnitt der ganzen Kette. Je kürzer, desto weniger fängt er ein.

Regel 4 · Mechanisch entlasten

Kabel am Gefäß befestigen, nicht an der Elektrode ziehen lassen. Jede Zugkraft wandert bis in die Grenzfläche und erscheint dort als Signal.

Mindestens drei

Ein Aufbau mit nur zwei Elektroden ist nicht auswertbar, weil kein Vergleich existiert. Sinnvolle Mindestbestückung:

  • Bezug im Substrat, entfernt von der Wachstumszone
  • Messpunkt A in der aktiven Zone
  • Messpunkt B in einer Zone ohne Organismus, im selben Gefäß, im selben Klima

Was gleichzeitig an A und B erscheint, ist Umgebung. Was nur an A erscheint, ist ein Kandidat für einen Befund. Diese eine dritte Elektrode ersetzt einen halben Tag Fehlersuche.

Placing electrodes.

Four rules that together achieve more than any improvement to the electronics.

Rule 1 · Same material

Measurement and reference electrode from the same material, from the same batch. Different materials generate a persistent voltage that drifts with temperature — and then looks like a daily rhythm.

Rule 2 · Same depth, same position

Electrodes at comparable height in the substrate. Different depths measure different moisture zones; their gradient exceeds the signal sought.

Rule 3 · Short paths, shielded

The path from electrode to preamplifier is the most sensitive stretch of the whole chain. The shorter, the less it picks up.

Rule 4 · Relieve mechanical load

Fix cables to the vessel, never let them pull on the electrode. Any tensile force travels into the interface and appears there as signal.

At least three

A setup with only two electrodes cannot be evaluated because no comparison exists. Sensible minimum:

  • Reference in the substrate, away from the growth zone
  • Measurement point A in the active zone
  • Measurement point B in a zone without organism, same vessel, same climate

What appears simultaneously at A and B is environment. What appears only at A is a candidate finding. That single third electrode replaces half a day of troubleshooting.

Kapitel 05
Chapter 05

Störungen erkennen.

Die meisten spektakulären Bio-Signal-Kurven im Umlauf sind Störungen. Sie sind erkennbar, wenn man weiß, woran.

Störungsbilder und ihre Unterscheidungsmerkmale
Bild in der KurveWahrscheinliche UrsacheWoran erkennbar
Gleichmäßiges ZitternNetzeinstreuungfeste Frequenz, ändert sich beim Ausschalten von Geräten im Raum
Langsames Wandern über StundenElektrodendrift oder Austrocknenläuft in eine Richtung, erscheint auch an der Leerkontrolle
TagesrhythmusTemperaturgang des Raumsdeckt sich mit der Temperaturkurve, auch ohne Organismus vorhanden
Einzelne steile SprüngeErschütterung, Kabelbewegung, Schaltvorgangzeitgleich auf allen Kanälen, sehr kurze Flanke
Sprung mit langsamer RückkehrBerührung, Zugkraft am Kabelfällt mit einem Eintrag im Protokoll zusammen
TreppenformAuflösungsgrenze des WandlersStufenhöhe immer gleich
Völlig glatte KurveGlättung zu stark eingestelltverschwindet, wenn die Glättung reduziert wird

Der häufigste Trugschluss

Eine Kurve mit auffälligen Ausschlägen, die zeitlich zu einem Ereignis passt — jemand betritt den Raum, eine Hand nähert sich der Pflanze — wird fast immer als Reaktion des Organismus gelesen. In den allermeisten Fällen ist es elektrostatische Aufladung der Person, die sich über den Aufbau ausgleicht.

Prüfung: derselbe Versuch mit einem Gefäß ohne Organismus, im selben Raum, zur selben Zeit. Zeigt die Leerkontrolle denselben Ausschlag, war es die Person.

Recognising interference.

Most spectacular bio-signal traces in circulation are interference. They are identifiable once you know what to look for.

Interference patterns and their distinguishing marks
Pattern in the traceLikely causeHow to tell
Even shimmermains pickupfixed frequency, changes when devices in the room are switched off
Slow wander over hourselectrode drift or drying outruns in one direction, also appears on the blank control
Daily rhythmroom temperature cyclecoincides with the temperature curve, present without organism too
Single steep jumpsvibration, cable movement, switching eventsimultaneous on all channels, very short edge
Jump with slow returntouch, tension on the cablecoincides with a log entry
Staircase shapeconverter resolution limitstep height always identical
Completely smooth curvesmoothing set too strongdisappears when smoothing is reduced

The most common fallacy

A trace with striking excursions coinciding with an event — someone enters the room, a hand approaches the plant — is almost always read as a response of the organism. In the vast majority of cases it is electrostatic charge on the person equalising through the setup.

Test: the same experiment with a vessel containing no organism, same room, same time. If the blank control shows the same excursion, it was the person.

Kapitel 06
Chapter 06

Kontrollen.

Ohne Kontrollen ist jede Bio-Signal-Messung eine Anekdote. Drei Kontrollen genügen; sie kosten wenig und entscheiden über die Belastbarkeit aller Ergebnisse.

Die drei Pflichtkontrollen
KontrolleAufbauWas sie beweist
Leerkontrolleidentisches Gefäß, Substrat, Elektroden — ohne Organismustrennt Umgebung und Elektrode vom Organismus
KurzschlusskontrolleElektrodeneingänge direkt verbundenzeigt das Eigenrauschen der Elektronik
Totkontrolleabgetötetes Substrat, sonst identischtrennt Stoffwechsel von bloßer Materialeigenschaft

Alle Kontrollen laufen gleichzeitig mit der eigentlichen Messung, im selben Raum, am selben Gerät. Eine Kontrolle, die eine Woche später läuft, kontrolliert nichts — Temperatur, Luftfeuchte und Netzsituation sind dann andere.

Die Entscheidungsfrage

Für jeden auffälligen Ausschlag: Zeigt ihn eine der drei Kontrollen auch? Ja → keine Aussage über den Organismus. Nein → Kandidat, der nun wiederholt werden muss.

Controls.

Without controls every bio-signal measurement is an anecdote. Three controls suffice; they cost little and decide the robustness of all results.

The three mandatory controls
ControlSetupWhat it proves
Blank controlidentical vessel, substrate, electrodes — without organismseparates environment and electrode from organism
Short-circuit controlelectrode inputs connected directlyshows the intrinsic noise of the electronics
Dead controlkilled substrate, otherwise identicalseparates metabolism from mere material property

All controls run simultaneously with the actual measurement, in the same room, on the same device. A control running a week later controls nothing — temperature, humidity and mains situation are different by then.

The deciding question

For every striking excursion: does one of the three controls show it too? Yes → no statement about the organism. No → candidate, which now has to be repeated.

Kapitel 07
Chapter 07

Messreihe planen.

Vor dem Start festlegen

Was nach dem Blick auf die Daten festgelegt wird, ist keine Auswertung mehr, sondern Mustersuche. Deshalb gehört das Folgende vor den Start ins Protokoll:

  • Welche Frage wird gestellt, und welches Ergebnis würde sie verneinen
  • Wie lange läuft die Messung, und wie viele Wiederholungen sind geplant
  • Ab welchem Wert gilt ein Ausschlag als Ereignis
  • Welche Glättung wird verwendet
  • Welche Kontrollen laufen mit
  • Welche Daten werden verworfen, und aus welchem Grund

Wiederholung

Ein Gefäß ist kein Ergebnis. Drei Gefäße unter gleichen Bedingungen sind ein Anfang. Wenn zwei davon ein Muster zeigen und das dritte nicht, ist das ein Befund über die Streuung — und gehört genauso berichtet.

Zeitpunkte protokollieren

Jeder Eingriff mit Uhrzeit: Raum betreten, Licht geschaltet, Gefäß bewegt, Gießen, Lüften, Reizgabe. Ein Protokoll ohne Zeitstempel macht jede spätere Zuordnung unmöglich — und fast alle auffälligen Ausschläge fallen mit einem solchen Eingriff zusammen.

Planning a series.

Fix before starting

What is fixed after looking at the data is no longer analysis but pattern hunting. So the following belongs in the log before the start:

  • Which question is asked, and which result would negate it
  • How long the measurement runs, and how many repetitions are planned
  • From which value an excursion counts as an event
  • Which smoothing is used
  • Which controls run alongside
  • Which data will be discarded, and on what grounds

Repetition

One vessel is not a result. Three vessels under identical conditions are a start. If two show a pattern and the third does not, that is a finding about variance — and belongs in the report just the same.

Log the timestamps

Every intervention with clock time: entering the room, switching light, moving the vessel, watering, ventilating, applying a stimulus. A log without timestamps makes any later attribution impossible — and nearly all striking excursions coincide with such an intervention.

Kapitel 08
Chapter 08

Auswerten.

Erst ansehen, dann rechnen

Die gesamte Kurve über die gesamte Messdauer betrachten, bevor irgendein Kennwert berechnet wird. Driftrichtung, Ausreißer, Lücken und Sättigung sind im Bild sofort sichtbar und in der Kennzahl nicht mehr.

Was ein Ereignis ist

Ein Ereignis braucht eine Definition, die vor der Messung feststand: eine Abweichung über einem festgelegten Vielfachen des Grundrauschens, die länger als eine festgelegte Dauer anhält. Ohne beide Teile zählt man Rauschen.

Angeben, was zählt

Mindestangaben bei jeder Auswertung
AngabeWarum
Grundrauschen der Kurzschlusskontrolleohne diesen Bezug ist jede Schwelle willkürlich
Anzahl Gefäße und Wiederholungentrennt Einzelbeobachtung von Befund
Verworfene Abschnitte und Grundsonst ist die Auswahl selbst das Ergebnis
Alle Einstellungen der Glättungmacht die Auswertung wiederholbar
Streuung, nicht nur Mittelwertder Mittelwert allein verbirgt, ob das Muster überhaupt stabil ist

Formulierung

Statt „das Myzel reagiert auf Berührung": „In 4 von 6 Gefäßen trat innerhalb von 20 Minuten nach der Berührung eine Abweichung über dem dreifachen Grundrauschen auf; in der Leerkontrolle trat sie nicht auf." Der zweite Satz ist länger und trägt.

Analysis.

Look first, calculate second

View the entire trace across the entire measurement period before computing any characteristic value. Drift direction, outliers, gaps and saturation are immediately visible in the picture and no longer in the number.

What counts as an event

An event needs a definition fixed before the measurement: a deviation above a defined multiple of the baseline noise, sustained longer than a defined duration. Without both parts you are counting noise.

State what matters

Minimum statements in every analysis
StatementWhy
Baseline noise of the short-circuit controlwithout this reference every threshold is arbitrary
Number of vessels and repetitionsseparates single observation from finding
Discarded sections and reasonotherwise the selection itself is the result
All smoothing settingsmakes the analysis repeatable
Spread, not just meanthe mean alone hides whether the pattern is stable at all

Wording

Instead of "the mycelium responds to touch": "In 4 of 6 vessels a deviation above three times baseline noise occurred within 20 minutes of the touch; it did not occur in the blank control." The second sentence is longer and holds.

Kapitel 09
Chapter 09

Fehlerbilder am Gerät.

Symptom · Ursache · Abhilfe
SymptomZuerst prüfenAbhilfe
Kein Signal, Kurve flach bei nullKabelbruch, Stecker, BezugselektrodeKurzschlusskontrolle anschließen — zeigt sie Rauschen, ist die Elektronik in Ordnung
Kurve am AnschlagVerstärkung zu hoch, Elektrodenpotential zu großVerstärkung senken, Elektrodenmaterial und -paarung prüfen
Starkes gleichmäßiges ZitternSchirmung, Kabellänge, Netzgeräte in der NäheWege kürzen, Schirm auflegen, Netzteile entfernen
Kurve wandert ständigElektroden trocknen aus, Temperatur ändert sichFeuchte sichern, Aufbau thermisch beruhigen, Ruhezeit einhalten
Sprünge bei Bewegung im Raumstatische Aufladung, KabelbewegungKabel fixieren, Aufbau erden, Bodenbelag prüfen
DatenlückenSpeicherkarte, StromversorgungKarte tauschen, Versorgung prüfen, Schreibintervall verlängern
Kanäle laufen auseinanderunterschiedliche Elektrodenlage oder -alterungLage und Material vergleichen, Elektroden gleichzeitig tauschen
Alles sieht plötzlich anders ausEinstellung verändert, Firmware getauschtProtokoll prüfen — meist eine geänderte Glättung

Fault patterns at the device.

Symptom · cause · remedy
SymptomCheck firstRemedy
No signal, trace flat at zerocable break, connector, reference electrodeconnect short-circuit control — if it shows noise, the electronics are fine
Trace at the railgain too high, electrode potential too largereduce gain, check electrode material and pairing
Strong even shimmershielding, cable length, power supplies nearbyshorten paths, connect shield, remove power supplies
Trace wanders constantlyelectrodes drying, temperature changingsecure moisture, thermally settle the setup, observe settling time
Jumps on movement in the roomstatic charge, cable movementfix cables, ground the setup, check floor covering
Data gapsmemory card, power supplyreplace card, check supply, lengthen write interval
Channels divergedifferent electrode position or ageingcompare position and material, replace electrodes together
Everything suddenly looks differentsetting changed, firmware swappedcheck the log — usually a changed smoothing setting
Kapitel 10
Chapter 10

Protokoll und Hygiene.

Protokollvorlage

Messreihe: ____________________ Kennung: ____________ Substrat / Art: ____________________ Charge: ____________ Gefäße gesamt: ____ davon Leerkontrolle: ____ Totkontrolle: ____ Elektroden: Material ________ Anzahl je Gefäß ____ Tiefe ________ Verstärkung ________ Abtastrate ________ Glättung ________ Ereignisschwelle ________ Mindestdauer ________ Start ____________ Ende ____________ Ruhezeit nach Eingriff ________ Eingriffe (Uhrzeit · Art · Person) __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Verworfene Abschnitte (Zeitraum · Grund) __________________________________________________________________ Umgebung: Temperatur ______ Luftfeuchte ______ Licht ______________ Auffälligkeiten: _________________________________________________

Hygiene

  • Arbeitsfläche vor und nach jedem Ansatz reinigen.
  • Geschlossene Gefäße bleiben geschlossen. Jedes Öffnen ist ein Eingriff und gehört ins Protokoll.
  • Kontaminierte Ansätze nicht retten wollen: dokumentieren, entsorgen, neu ansetzen.
  • Elektroden zwischen Messreihen reinigen und trocknen; Zustand notieren.
  • Substratreste nicht über den Hausmüll entsorgen, wenn unklar ist, was gewachsen ist.

Elektrische Sicherheit

  • Nur Kleinspannung am Aufbau. Keine netzgespeiste Elektronik im Gefäß.
  • Netzteile außerhalb des Messraums, wenn möglich Batteriebetrieb während der Messung.
  • Feuchte und Elektrik konsequent trennen: Durchführungen nach außen, Elektronik trocken.

Grenzen dieser Anleitung

Diese Fassung beschreibt Verfahren und Prinzipien. Bauteilwerte, Toleranzen und Bezugsquellen sind nicht enthalten; sie liegen in der internen Fassung. Wer daraus ein Gerät baut, trägt die Verantwortung für Auslegung und Betrieb selbst.

Logging and hygiene.

Log template

Series: ____________________ ID: ____________ Substrate / species: ____________________ Batch: ____________ Vessels total: ____ of which blank: ____ dead control: ____ Electrodes: material ________ count per vessel ____ depth ________ Gain ________ Sampling rate ________ Smoothing ________ Event threshold ________ Minimum duration ________ Start ____________ End ____________ Settling after intervention ________ Interventions (time · type · person) __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Discarded sections (period · reason) __________________________________________________________________ Environment: temperature ______ humidity ______ light ____________ Observations: ____________________________________________________

Hygiene

  • Clean the work surface before and after every setup.
  • Closed vessels stay closed. Every opening is an intervention and belongs in the log.
  • Do not try to rescue contaminated batches: document, dispose, start again.
  • Clean and dry electrodes between series; note their condition.
  • Do not dispose of substrate residues in household waste when it is unclear what has grown.

Electrical safety

  • Extra-low voltage only at the setup. No mains-powered electronics inside the vessel.
  • Power supplies outside the measurement room; battery operation during measurement where possible.
  • Keep moisture and electrics strictly apart: feedthroughs to the outside, electronics dry.

Limits of this document

This version describes procedures and principles. Component values, tolerances and sources are not included; they reside in the internal version. Anyone building a device from this bears responsibility for design and operation.