Digitalamt Österreich · Annex F · Referenzarchitektur v1.0 · 2026 · für CIOs
Annex F · technische Referenzarchitektur

Wie man das
wirklich baut.

Neun Schichten, konkrete Komponenten, dokumentierte Referenzimplementierungen. Keine Buzzword-Liste. Sondern: Womit beginnt man Montag früh, wenn das Kanzleramt das Projekt genehmigt hat.

Adressaten: CIO / CTO / Leiter:innen IT-Organisation der Ministerien,
Architekt:innen im BRZ, BMF, BMI; Vergabestellen; Aufsichtsstelle.
Sekundär: politische Entscheidungsträger, die wissen wollen, dass es technisch trägt.

§ F.0 · VorbemerkungWas dieses Annex ist

Eine Referenzarchitektur ist kein Bauplan. Sie ist ein Entscheidungsraster: Welche Klasse von Komponenten gehört an welche Stelle? Welche Standards sind einzuhalten? Welche Wahl ist begründet, welche ist zufällig?

Dieses Annex beantwortet genau diese Fragen für das Digitale Amt Österreich. Es ist so geschrieben, dass es ein:e Architekt:in am Montagmorgen aufschlägt und am Freitag ein erstes Aufriss­papier für das Ministerium liefern kann. Keine Folienshow. Kein Marketing. Konkrete Namen, begründete Entscheidungen.

Die Architektur ist kein Neubau auf der grünen Wiese. Österreich hat Bausteine: ID Austria (eIDAS-1.0-konform, jetzt 2.0-ready), das ZMR, das ZPR, das URV, die FinanzOnline-Infrastruktur, Portale der Länder, AMA- und BRZ-Systeme. Das bleibt. Die Referenz beschreibt, wie diese Systeme über eine gemeinsame Plattform verknüpft, auditiert und dem Bürger einheitlich präsentiert werden.

Eine Referenzarchitektur muss überprüfbar sein. Jede Wahl trägt eine Begründung, eine Referenzimplementierung in einem anderen Land oder Projekt und einen Ausweg (was tun wir, wenn diese Komponente schlecht altert?). Keine Entscheidung ist alternativlos — aber jede ist expliziert.

§ F.1 · PrinzipienWas die Architektur einhält — und warum

Acht Architekturprinzipien, jedes abgeleitet aus den Axiomen in Annex B. Sie sind nicht beliebig, sondern zwingend. Wer eines davon aufgibt, muss das benannte Axiom aufgeben.

P1 · Souveränität vor Eleganz

Kritische Daten bleiben im rechtlichen Einflussbereich Österreichs / der EU

Keine Personendaten, keine Entscheidungs-Logik, kein Audit-Log darf in einer Rechtsordnung liegen, die sie erzwingen kann, ohne dass Österreich zustimmt. Das schließt Hyperscaler aus den USA für Kern­systeme aus.

abgeleitet aus A0 (Asymmetrie) · A3 (Selbstbestimmung) · CLOUD-Act-Analyse
P2 · Open Source als Default

Öffentliches Geld, öffentlicher Code

Alle Eigen­entwicklungen sind Open Source (reziproke Lizenz: EUPL v1.2 oder AGPLv3). Drittanbieter-Kompo­nenten werden bevorzugt als Open Source eingekauft. Proprietäre Komponenten nur, wenn es keine auditierbare offene Alternative gibt — und dann mit expliziter Exit-Strategie.

abgeleitet aus E1 (keine verdeckte Komplexität) · E2 (Falsifizierbarkeit) · S2 (Transparenz)
P3 · Datensparsamkeit by Design

Minimum Disclosure als technisches Default

Abfragen liefern nur das, was für den Zweck wirklich notwendig ist. Wo Zero-Knowledge-Proofs möglich sind, werden sie verwendet (eIDAS 2.0). Pseudonymisierung statt Personen­bezug, wo rechtlich zulässig. Kryptographische Löschung nach Zweck­erfüllung.

abgeleitet aus A3 (Selbstbestimmung) · T2 (ZKP-Pflicht) · DSGVO Art. 5 Abs. 1 lit. c
P4 · Auditierbarkeit als Architektur-Zwang

Jede Zustandsänderung hinterlässt unveränderliche Spur

Keine stummen Änderungen. Keine „Korrekturen" ohne Spur. Merkle-Chain über alle hoheits­relevanten Transaktionen, Schlüssel­material verteilt (Shamir-Shared) zwischen Rechnungshof, DSB, Volksanwaltschaft und Parlament.

abgeleitet aus S1 (Rechenschaft) · S4 (Reversibilität) · T3 (unveränderliches Audit-Log)
P5 · Erklärbarkeit statt Black Box

Regel-basierte Systeme, keine Deep-Learning-Modelle in Hoheit

Jede hoheitliche Entscheidung muss auf nachvollziehbaren Regeln beruhen. Machine-Learning-Systeme sind zulässig für Muster­erkennung (z.B. Betrugs­muster in Statistik), aber niemals als Entscheidungs­grundlage über einzelne Personen. Für Regeln: Catala, OpenFisca, DMN. Kein LLM.

abgeleitet aus E1 · T5 (nur erklärbare Regelsysteme) · EU-AI-Act Art. 14
P6 · Crypto-Agility

Austauschbarkeit kryptographischer Primitive

Jeder Schlüssel, jede Signatur, jeder Hash ist austauschbar, ohne das Gesamt­system neu zu bauen. Hybrid-Signaturen (klassisch + PQC) ab 2027 für kritische Signaturen, Vollmigration bis 2030 auf NIST-standardisierte Post-Quanten-Verfahren.

abgeleitet aus S4 (Reversibilität) · T-1 (Crypto-Erodierung, Annex D)
P7 · Modularität über Microservices-Explosion

Zehn bis zwanzig klare Makro-Services, nicht hundert fragile Microservices

Zu viele Microservices erzeugen Komplexität, die den Nutzen übersteigt. Die Architektur setzt auf klar abgegrenzte Domänen (Register, Regel-Engine, Verfahrens-Workflow, Identität, UX, Audit). Innerhalb der Domänen: sauber strukturierte Monolithen oder wenige Services.

abgeleitet aus N1 (Entscheidungs­kosten) · praktischer Erfahrung (siehe Estland, Frankreich)
P8 · Interoperabilität vor Integration

Klare Schnittstellen statt tiefer Kopplung

Ressorts haben weiterhin ihre Fach­anwendungen. Die Plattform erzwingt nicht Integration, sondern Interoperabilität über standardisierte Schnittstellen. X-Road als bewährtes Muster: Jede Behörde hat einen Security Server, die Plattform koordiniert — integriert nicht.

abgeleitet aus S3 (Proportionalität) · praktischer Erfahrung Estland, Finnland, Island

§ F.2 · Der StackNeun Schichten

Jede Schicht hat eine klare Verantwortung, eine referenzielle Komponenten­wahl und ein Interface zu den Nachbar­schichten. Unten physisch, oben menschlich.

L 0
Infrastruktur
EU-souveränes Hosting, Multi-Site in Österreich. Kubernetes als Orchestrator. Immutable Infrastructure via GitOps.
BRZ · K8s · OpenTofu
L 1
Daten
Register-Backends (PostgreSQL), Graph für Beziehungen, Event-Log für Zustandsänderungen, Objektspeicher für Dokumente.
PostgreSQL · Apache AGE · Kafka · MinIO
L 2
Audit & Provenance
Merkle-Chain über Transaktionen. WORM-Archivierung. Verteilte Signatur-Schlüssel. Software-Lieferketten (SLSA).
Merkle-Tree · Shamir · Sigstore · SLSA Level 3
L 3
Interoperabilität
Daten­austausch­layer zwischen Behörden. Jede Behörde: Security Server. Zentrale Trust-Anchor-Registry.
X-Road · mTLS · OAuth2/OIDC
L 4
Rules as Code
Deterministische Normen in Catala. Simulatoren über OpenFisca. Entscheidungs­tabellen in DMN. Alles versioniert.
Catala · OpenFisca · DMN · Git
L 5
Identität & Wallet
ID Austria, EUDI-Wallet, Verifiable Credentials, Zero-Knowledge-Proofs. OpenID4VP für Präsentation, OpenID4VCI für Ausgabe.
ID Austria · W3C VC 2.0 · DID · BBS+
L 6
Verfahrens-Engine
Workflow-Orchestrierung (BPMN 2.0). Zustand, Fristen, Eskalationen. API-First mit OpenAPI 3.1. GraphQL-Gateway für Bürger.
Camunda 8 · Temporal · OpenAPI · GraphQL
L 7
UX / Frontend
Progressive Web App, Offline-fähig. Barrierefreiheit WCAG 2.2 AA+. Plain Language (Flesch ≥ 50). Mehrsprachigkeit.
PWA · Service Worker · WCAG 2.2
L 8
Bürger-Agent-Interop
Portabilität der Bürger-Daten. Optional: Solid-Pods als eigenes Daten­repositorium. Exporte in JSON/XML/RDF. Bürger-API.
Solid Pods · GDPR Art. 20 · JSON/RDF

Die Schichten sind lose gekoppelt. Eine Änderung auf L4 (neue Rules-as-Code-Version) erfordert keine Änderung auf L7. Ein Austausch auf L0 (anderer Hosting-Provider) lässt L4 unverändert. Das ist das Muster der „hexagonalen" Architektur, angewandt auf Staatlichkeit.

§ F.3 · QuerschnitteWas durch alle Schichten geht

Nicht alles lässt sich einer Schicht zuordnen. Drei Querschnitts-Funktionen durchdringen das Gesamt­system.

Security — Defense in Depth

Sicherheit ist kein Feature, sondern eine Haltung. Auf jeder Ebene wird sie verankert:

Ebene Mechanismus Werkzeug
Netzwerk Mikro­segmentierung, mTLS zwischen Services, WAF am Edge Cilium · Istio · ModSecurity
Host Hardened Images, Runtime Security, EDR SELinux · Falco · osquery
Anwendung Secrets-Management, Principle of Least Privilege Vault · RBAC · OPA
Daten Verschlüsselung at-rest und in-transit, HSM für Root-Keys AES-256 · TLS 1.3 · Utimaco / SoftHSM
SIEM Zentrales Event-Korrelations­system, Alerts für Anomalien Wazuh · OpenSearch · Grafana
Prozess Pentest jährlich, Bug-Bounty laufend, Red Team halbjährlich externe Teams, dokumentiert (Annex D § D.6)

Observability — drei Säulen

Metriken, Logs, Traces: alles in einem einheitlichen Stack über OpenTelemetry. Kein Silo, keine proprietären Agenten.

Domain Komponente Zweck
Instrumentierung OpenTelemetry SDK in allen Services einheitlich, offen, vendor-neutral
Metriken Prometheus + Grafana Industrie-Standard, aktive Community
Logs Loki oder OpenSearch strukturiert, queryable, günstig
Traces Grafana Tempo oder Jaeger Request-Flow über Service-Grenzen sichtbar
Öffentlich Status-Dashboard mit verfügbaren KPIs Bürger sehen: System funktioniert (oder nicht)

Crypto-Agility — Post-Quanten-ready

Die NIST hat 2024 die ersten Post-Quanten-Standards finalisiert: ML-KEM (Kyber), ML-DSA (Dilithium), SLH-DSA (SPHINCS+). Das ist keine Zukunftsmusik, sondern 2026 angewandt. Die Architektur nutzt Hybrid-Signaturen, Austauschbarkeit, und vermeidet Abhängigkeit von einzelnen Primitiven.

// Hybrid-Signatur — klassisch + post-quanten
// für kritische Audit-Log-Einträge ab 2027

signature = {
  classical:   Ed25519(message, private_key_classical),
  postquantum: ML-DSA-65(message, private_key_pqc),
  algo_ids:    ["ed25519", "mldsa65"],
  version:     "2027.1"    // austauschbar
}

// Verifikation: BEIDE müssen gültig sein
verify = classical_ok AND pqc_ok

Die Hybrid-Konstruktion schützt doppelt: Fällt eine Primitive (klassisch durch Quantum, PQC durch kryptoanalytischen Bruch), bleibt die andere intakt. Erst wenn beide gebrochen sind, kippt die Signatur.

§ F.4 · Komponenten­wahlDas Warum hinter jeder Zeile

Die wichtigsten Komponenten der Architektur — mit Referenz­implementierung, Lizenz, Produktiv­erfahrung. Jede Wahl trägt eine Begründung, die überprüfbar ist.

Rules as Code — Catala

Referenz-Implementierung

Catala — Forschungs­projekt INRIA (Frankreich), Apache 2.0. Entwickelt ab 2018, produktiv bei der französischen DGFiP (Steuerbehörde) im Übergang. Kompiliert in Python, OCaml, JavaScript.

Der Catala-Compiler wurde mit dem F*-Beweis­assistenten in Kern­teilen formal verifiziert. Bei der Evaluation auf US-Steuerrecht § 121 und französischem Familien­leistungs­recht fand das Team einen Bug in der offiziellen Referenz­implementierung — Catala ist also nicht nur Konzept, sondern auch Korrektiv.

Warum Catala und nicht DMN für alles? DMN ist gut für Entscheidungs­tabellen, aber kommt mit der default-logic (Regel + Ausnahme + Sonderfall­ausnahme) von Gesetzes­texten nicht zurecht. Catala wurde explizit für diese Struktur entworfen. Der Code ist gleichzeitig lesbar für Jurist:innen (Literate Programming à la Knuth) und ausführbar.

Verworfen wurde ein Eigenbau einer Regel-Sprache. Wer das vorschlägt, hat nicht gesehen, wie viele AMTS-Projekte daran gescheitert sind. Catala ist peer-reviewed, ICFP-publiziert und gewinnt an institutioneller Rücken­deckung — wir beteiligen uns an Upstream-Development, statt zu fork-en.

Daten­austausch — X-Road

Referenz-Implementierung

X-Road — Entwickelt und gepflegt vom Nordic Institute for Interoperability Solutions (NIIS, Estland + Finnland gemeinsam), MIT-Lizenz. Version 7.8 (Februar 2026).

X-Road ist seit 2001 in Estland und seit 2017 in Finnland nationale Basis­infrastruktur für Behörden-Daten­austausch. Island setzt es als „Straumurinn" seit 2023 ein. Das ist keine Experimentier­technik, sondern eines der am längsten produktiv laufenden Verwaltungs­systeme der Welt — mit Milliarden Transaktionen pro Jahr.

Österreich braucht genau das: einen standardisierten Austausch­layer zwischen den Hunderten existierender Behörden-Informations­systeme. Jede Behörde bekommt einen „Security Server", der Anfragen signiert, protokolliert, authentifiziert. Trust-Anchor ist die zentrale Aufsichts­stelle. Daten bleiben dezentral (jede Behörde besitzt weiter ihre eigenen), aber sie werden über X-Road gemeinsam nutzbar.

Bonus: EU-Förderation ist vorgesehen. Österreich kann sein X-Road mit Deutschland, Finnland oder Estland föderieren — EU-Interoperabilität ohne Brüsseler Zentralisierung.

Identität & Wallet — ID Austria + EUDI

Bestehende Grundlage

ID Austria ist die eIDAS-konforme nationale eID (2023 ausgerollt, Migration von Handy­signatur und Bürger­karte). Sie wird in EUDI-Wallet-Form (eIDAS 2.0) bis Ende 2026 EU-weit akzeptanz­pflichtig.

Alle öffentlichen Stellen in der EU müssen ab Ende 2026 die EUDI-Wallet akzeptieren. Für Österreich heißt das: ID Austria wird zum Wallet erweitert, nicht ersetzt.

Über Wallet: Verifiable Credentials (W3C VC 2.0) und Decentralized Identifiers (DID) sind die Bausteine. Für Zero-Knowledge-Proofs: BBS+ für Selective Disclosure, Groth16 oder Plonk für Range Proofs. Die EUDI-Referenz­architektur der EU spezifiziert das im Detail — Österreich übernimmt und trägt bei.

Kritisch: Zertifizierung der Wallet-Implementierungen. Die Plattform akzeptiert nur Wallets, die vom Bundes­amt für Sicherheit (oder EU-benannter Stelle) zertifiziert sind. Keine „Einbinde deine Google-Wallet-App mit AGB-Trick"-Konstruktion.

Workflow — Camunda 8 oder Temporal

Für die Verfahrens­engine zwei ernsthafte Optionen:

Kriterium Camunda 8 Temporal
Modell BPMN 2.0 (visuell, Geschäfts­analyst­:innen-freundlich) Code-first, Workflows als Funktionen
Lizenz Kommerziell (Enterprise) + Community Edition Apache 2.0, MIT für Client-SDKs
Betrieb Self-hosted möglich, aber Cloud-Offering dominant vollständig self-hosted ohne Zusatzkosten
Stärken BPMN-Visualisierung für Auditoren & Jurist:innen Code-native, ausgezeichnete Zuverlässigkeit bei Long-Running
Empfehlung Camunda für Ressorts mit starkem Fach-Fokus Temporal für technisch lastige Kern­prozesse

Die Empfehlung: beides ist zulässig. Die Plattform selbst kann beides orchestrieren. Einzelne Ressorts wählen, was für ihre Kultur und ihren Team­stack passt. Was nicht geht: proprietäre BPM-Suiten mit Vendor-Lock-in (Pega, IBM BPM, Oracle BPM).

Register-Backend — PostgreSQL (+ Apache AGE)

PostgreSQL ist die wahrscheinlich zuverlässigste Open-Source-Datenbank der Welt. Version 16 ist produktiv, Version 17 im Stable-Release. Das BSI, die EU-Kommission und viele Staaten weltweit setzen PostgreSQL in kritischer Infrastruktur ein.

Für Graph-Beziehungen (Personen ↔ Familie ↔ Firma ↔ Adresse ↔ …) nutzen wir Apache AGE — eine PostgreSQL-Extension, die Graph­abfragen in Cypher-Syntax auf dem gleichen Storage ermöglicht. Das vermeidet den Betrieb eines separaten Graph-DB-Clusters.

Verworfen: Oracle (Lizenz-Kosten, Lock-in), Microsoft SQL Server (CLOUD Act via Microsoft Corp.), MongoDB (SSPL-Lizenz-Probleme, schwach für relationale Integrität).

Audit-Log — Merkle-Chain + Shamir-Shared Keys

Ein unveränderlicher Audit-Log ist die zentrale Sicherung gegen Insider-Sabotage (Annex D A4). Die Konstruktion ist bewährte Kryptographie, nicht neue Erfindung:

// Jeder Audit-Eintrag wird Teil eines Merkle-Baums
// Die Wurzel wird periodisch signiert und extern gespeichert

entry = {
  timestamp:  "2026-05-14T10:23:17Z",
  actor_role: "sachbearbeitung.sozialamt.wien.40",
  action:     "query",
  subject:    pseudonym_hash("citizen_id"),
  purpose:    "Sozialhilfe-Verlängerungsprüfung",
  legal:      "Wiener SHG § 12 Abs. 2",
  hash:       sha3_256(previous_hash + entry_content)
}

// Alle 10 Minuten: Root-Hash signieren, verteilt
merkle_root = compute_root(all_entries_since_last_root)
signature   = shamir_combine(
  rechnungshof_share,
  dsb_share,
  volksanwaltschaft_share,
  parlament_share,
  threshold=3   // 3 von 4 müssen signieren
)

Zu den Shamir-Shares: Das Geheimnis (Signatur-Schlüssel) wird in vier Teile geteilt, drei davon sind notwendig, um zu signieren. Kein einzelner Akteur — auch kein böswilliger Insider in einer Institution — kann das Log manipulieren. Erst Kollusion von drei institutionell getrennten Stellen würde es ermöglichen, was eine sehr hohe Hürde ist.

§ F.5 · LiefermodellWie entwickelt wird, wie betrieben

Entwicklung

Zentraler Plattform-Code in einem Mono-Repo, Ressort-spezifische Fach­anwendungen in Poly-Repos. Grund: Die Plattform muss in sich konsistent sein (Mono), Ressorts müssen autonom entwickeln können (Poly).

Bereich Werkzeug / Standard Warum
Code-Hosting GitLab (self-hosted) oder Forgejo EU-konform, kein US-Cloud-Lock-in
Build Nix oder Bazel (reproducible) Byte-identische Builds, Supply-Chain-Sicherheit
SBOM SPDX 3.0 oder CycloneDX für jede Artefakt-Version vollständige Stückliste
Provenance SLSA Level 3 Build-Nachvollziehbarkeit, Schutz gegen Supply-Chain-Angriffe
CI/CD GitLab CI + ArgoCD Pipeline-as-Code, GitOps, reproduzierbar
Tests Unit · Integration · E2E · Load · Security · Fairness alle automatisiert, Deploy nur bei Grün
Deployments Canary → 5% → 25% → 100%, Auto-Rollback Risiko­minimierung, Rollback < 10 Min

Open-Source-Politik

Die Prinzipien sind „Public Money, Public Code" konform:

  1. Reziproke Lizenzen. Eigen­entwicklungen werden unter EUPL v1.2 (für Back-End, EU-kompatibel) oder AGPLv3 (für Anwendungen mit Netzwerk-Nutzung) veröffentlicht.
  2. Upstream-Kontribution. Verbesserungen an X-Road, Catala, OpenFisca, Keycloak u.a. fließen zurück in die Upstream-Projekte — keine „Government Forks" ohne Wartung.
  3. Dokumentation als Artefakt. Code ist ohne Docs unvollständig. Dokumentation lebt im gleichen Repo wie der Code, wird mit-reviewed, mit-released.
  4. Öffentliches Repository. Der Plattform-Code ist öffentlich zugänglich auf code.gv.at (Staats-Forge). Einsicht durch Bürger, Presse, Forschung.

Audit & Compliance

Zertifizierung ist Teil der Entwicklung, nicht nachgeschalteter Haken:

§ F.6 · VerworfenesWas nicht verwendet wird — und warum

Die stärkste Architektur­entscheidung ist oft das Nein. Wir benennen acht Technologien oder Muster, die naheliegend klingen, aber ausgeschlossen sind.

Nein zu: Hyperscaler (AWS, Azure, GCP) für Kern-Register

Attraktiv wegen Reife, Skalierung, fertigen Services. Aber: Der US-CLOUD Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten, auch wenn sie in EU-Regionen gespeichert sind. Sophos Attack, Crowdstrike-Ausfall 2024, Ransomware-Kampagnen gegen Cloud-Tenants — die Abhängigkeit ist strukturell.

Verletzt: P1 (Souveränität) · Axiom A0 · Annex D V8 (Geopolitik)

Nein zu: Oracle, Microsoft SQL Server als Standard-DB

Lizenz-Kosten, Lock-in, Vendor-Abhängigkeit. PostgreSQL deckt alle Anforderungen ab und ist nachweislich zuverlässig. Oracle kann weiter bei Übergangs­betrieb existierender Fachsysteme Rolle spielen — aber nicht bei Neubau.

Verletzt: P2 (Open Source) · Haushalts­prinzipien · Exit-Strategie-Pflicht

Nein zu: Public Blockchain (Ethereum, Polygon) als Audit-Log

Klingt modern, ist aber für Behörden­daten technisch und rechtlich ungeeignet: DSGVO Art. 17 (Recht auf Löschung) ist auf unveränderlichen Chains nicht umsetzbar. Gas-Kosten für Millionen Transaktionen sind absurd. Permissioned Chains (Hyperledger) lösen das Problem nicht — sie sind teurer als eine Merkle-Tree-Lösung und haben wenig Vorteile.

Verletzt: DSGVO · P3 (Datensparsamkeit) · praktische Ökonomie

Nein zu: Generative KI / LLMs in hoheitlichen Entscheidungen

Ein LLM, das „entscheidet", ist per Definition eine Black Box. Es kann nicht formal verifiziert werden, seine Entscheidungen sind nicht deterministisch reproduzierbar, es kann Trainings­daten reflektieren, die Biases enthalten. Für hoheitliches Handeln ausgeschlossen. Zulässig ist LLM-Einsatz als Assistenz: Textentwürfe, Zusammen­fassungen, Übersetzung — aber niemals als Entscheidungs­grundlage.

Verletzt: E1 · T5 · EU-AI-Act Art. 14 · Annex D X7

Nein zu: Microservices-Explosion (> 50 Services)

Jedes zusätzliche Service erzeugt: einen Deployment-Pfad, ein Netzwerk­interface, einen potenziellen Fehlerpunkt, eine zu wartende Dokumentation, eine Latenz. Für staatliche Skala (mittlere Millionen Vorgänge/Jahr, nicht Milliarden/Sekunde) sind 10–20 klar definierte Makro-Services das Optimum.

Verletzt: P7 (Modularität statt Explosion) · N1 (Entscheidungs­kosten)

Nein zu: Selbstentwickelte Kryptographie

Regel Nummer Eins: Don't roll your own crypto. Wir verwenden peer-reviewed, standardisierte, maintained Bibliotheken: libsodium (NaCl), RustCrypto, BouncyCastle, OpenSSL. Algorithmen nach NIST und ENISA.

Verletzt: Allgemeiner Sicherheits­konsens seit 30 Jahren

Nein zu: Proprietäre BPM-Suiten (Pega, IBM BPM, Oracle BPM)

Massive Lizenz­kosten, starke Vendor-Bindung, schwer zu migrieren. Open-Source-Alternativen (Camunda Community, Temporal) decken alle notwendigen Funktionen ab.

Verletzt: P2 (Open Source) · Exit-Strategie-Pflicht

Nein zu: No-Code / Low-Code als Basis­plattform

Tools wie OutSystems, Mendix, Salesforce Flow sind für Fachabteilungs-Apps manchmal sinnvoll, aber nicht für eine Staats­plattform: Sie binden an den Vendor, sind nicht auditierbar (Black Box), und skalieren nicht auf staatliche Komplexität. Bürger­formulare entstehen besser mit gut strukturiertem Code + Design-System.

Verletzt: E1 · P2 · P8 (Interoperabilität)

§ F.7 · MigrationVom Status Quo zur Referenz

Niemand baut das in einem Guss. Die Migration folgt dem Phasen­plan aus Annex E § E.6, aber übersetzt in technische Schritte. Das Ziel ist nicht „alles neu", sondern: bestehende Systeme schrittweise anbinden, ersetzen, entlasten.

Plattform-Fundament aufbauen (Monate 0–9)

Infrastruktur (L0) im BRZ mit zwei weiteren Standorten. Kubernetes-Cluster, Identity-Provider mit ID Austria-Anbindung, X-Road Central Server, erste Catala-Entwicklungs­umgebung, Audit-Log-Infrastruktur, zentrale Bürger-App (Wallet-Grundfunktion).

Erste Anbindung: bestehende Register (Monate 6–18)

ZMR, ZPR, URV bekommen X-Road Security Server und werden über die Plattform anfragbar. Keine Änderung am bestehenden Register-Backend — nur ein Zugriffs­weg hinzu. Bürger sehen ihre Daten in der App, Behörden greifen strukturiert zu.

Erste Verfahren auf der Plattform (Monate 12–24)

Zone-Grün-Verfahren aus Annex E Phase 1: Meldewesen, Familien­beihilfe, Wahlkarten, Strafregister­auszug, Grundbuch­abruf. In Catala kodiert, in Camunda orchestriert, mit Audit-Log und Bürger­benachrichtigung.

Zone Gelb mit Fairness-Audit (Monate 24–48)

Pflegegeld, Wohnbauförderung, Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Jedes Verfahren mit Pilot­betrieb, Fairness-Monitoring, Öffentlichem Algorithmen-Register-Eintrag. Menschliche Letzt­entscheidung mit digitaler Vorbereitung.

Zone Rot: Struktur­unterstützung (Monate 36–72)

Asylverfahren, Staats­bürgerschaft (Ermessen), Kinder- und Jugendhilfe bekommen die Plattform als Akten­system und Fristen­manager. Keine algorithmische Entscheidung. Dafür: bessere Dokumentation, vier-Augen-Prinzip, transparente Länder­informationen.

Konsolidierung und Crypto-Migration (ab Monat 60)

Alle Ressorts angeschlossen. Alte Register-Backends werden sukzessive modernisiert. Post-Quanten-Crypto produktiv für kritische Signaturen. Plattform auf EU-Ebene mit X-Road föderiert.

Die Reihenfolge ist nicht zufällig: Wir starten mit niedrig-Risiko / hoch-Nutzen (Zone Grün), lernen, korrigieren, und arbeiten uns in die riskanten Zonen nur vor, wenn das Fundament trägt. Ein Digitalisierungs­skandal in Phase 2 ist verkraftbar; ein Toeslagen-Äquivalent in Phase 5 würde das gesamte Projekt zurückwerfen. Genau deshalb kommt Zone Rot zuletzt.

§ F.8 · GrenzenWas diese Referenz nicht ist

Ehrlichkeit am Schluss. Diese Referenzarchitektur hat vier benannte Grenzen.

Grenze 1 — Sie ist keine Implementierungs­vorgabe

Eine Referenz­architektur ist ein Entscheidungs­raster, keine Blaupause. Die konkrete Umsetzung pro Ressort erfordert eigene Architektur­arbeit, eigene Fach­analyse, eigene Tool­wahl innerhalb der hier definierten Klassen. Wer aus diesem Dokument eine Stück­liste lesen will, hat es missverstanden.

Grenze 2 — Technologie altert

Was heute state of the art ist, kann in fünf Jahren suboptimal sein. Die Architektur ist darauf ausgelegt (Crypto-Agility, Interop über offene Standards, modulare Austauschbarkeit) — aber das gilt nur, wenn die Revision tatsächlich passiert. Ein jährliches Architektur-Review durch die Aufsichts­stelle ist vorgesehen.

Grenze 3 — Die Wahl von Referenz­implementierungen kann falsch sein

Catala könnte sich nicht durchsetzen. X-Road könnte durch etwas Besseres abgelöst werden. EUDI-Wallet könnte gegen die Wand fahren (unwahrscheinlich, aber möglich). Für jede Komponente gibt es einen benannten Plan-B: ein alternatives Produkt oder eine andere Protokoll-Familie. Keine Komponente ist alternativlos.

Grenze 4 — Architektur allein garantiert nichts

Eine gute Architektur in den falschen Händen wird schlecht. Das wichtigste ist nicht der Tech-Stack, sondern: gute Teams, ehrliche Audits, ausreichendes Budget, politischer Rückhalt. Die Architektur ist die notwendige Bedingung, nicht die hinreichende. Ohne sie geht es nicht. Mit ihr allein auch nicht.

Diese Architektur ist nicht visionär — sie ist solide. Sie verwendet Bausteine, die sich woanders bewährt haben. Ein Staat, der das kopiert, begeht keinen Fehler. Er holt nach, was andere vor zehn Jahren gemacht haben.