Was es kostet,
was es bringt.
Detaillierte Herleitung der im Hauptdokument § 07 genannten Zahlen. Mit internationalen Benchmarks aus Estland, UK, Frankreich. Drei Szenarien. Und einer ehrlichen Korrektur der optimistischen Break-Even-Schätzung.
Sekundär: Parlamentarische Ausschüsse, Aufsicht, Medien mit Finanzfokus.
§ G.0 · VorbemerkungWarum bei Zahlen Transparenz doppelt zählt
Ein Reformvorschlag, der mit unbelegten Zahlen operiert, ist eine Werbefläche. Ein Reformvorschlag, der seine Zahlen herleitet, ihre Sensitivitäten benennt und eigene optimistische Schätzungen korrigiert, ist eine Diskussionsgrundlage.
Österreichische Großprojekte haben ein Budgetproblem. Schule, Spital, U-Bahn, ELGA — die Liste der Projekte, die am Ende das Mehrfache der veranschlagten Summe gekostet haben, ist lang. Die Ursache ist selten technisches Versagen. Sie ist systematisches Unterschätzen von Kosten und Überschätzen von Nutzen in der Antragsphase, weil sonst die Genehmigung nicht durchgeht.
Dieses Annex versucht das Gegenteil. Jede Zahl trägt eine Herleitung, einen Benchmark und eine Sensitivität. Wo wir unsicher sind, sagen wir es. Wo das Hauptdokument zu optimistisch ist — beim Break-Even — korrigieren wir uns selbst. Das macht das Projekt nicht attraktiver für eine schnelle Zustimmung, aber verlässlicher für eine echte Entscheidung.
Ein Kostenmodell, das bei Nachprüfung standhält, ist wertvoller als ein Kostenmodell, das beim ersten Lesen beeindruckt. Beide kosten gleich viel Arbeit. Nur eines davon überlebt den Rechnungshof.
§ G.1 · MethodikWie die Zahlen entstanden sind
Drei Methoden sind gleichzeitig eingesetzt, und ihre Ergebnisse triangulieren:
Was zahlen andere Staaten für Vergleichbares?
Estland (1,3 Mio Einwohner, 50–60 Mio € p.a. für X-Road), UK (68 Mio Einwohner, £418 Mio p.a. GDS-Budget, £300–400 Mio einmalig für One Login), Frankreich (DGFiP-Catala-Migration, mehrere 100 Mio €). Skalierung auf Österreichs 9,16 Mio Einwohner liefert Größenordnungen, keine Punktwerte.
Was kosten die konkreten Komponenten?
Personentage × Stundensätze für die Catala-Kodifizierung der 40 Kernverfahren. Hardware-Listenpreise für Infrastruktur. Marktübliche Honorare für externe Beratung und Audits. Personalkosten für die Aufsichtsstelle auf Basis vergleichbarer österreichischer Behörden.
Was haben vergleichbare AT-IT-Projekte wirklich gekostet?
ELGA-Aufbau (über 900 Mio €, mehrfach budgetüberschritten), FinanzOnline, BRZ-Konsolidierung, ID-Austria-Rollout. Die österreichische Erfahrung zeigt: Kostenschätzungen müssen einen Kontingenz-Aufschlag von 20–25% tragen, sonst enden sie wie das AKH im Kleinformat.
Wo die drei Methoden zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen, haben wir die konservativere Zahl übernommen und die Spannbreite ausgewiesen — nicht einen fiktiven Mittelwert. Spannbreiten ehren die Unsicherheit der Schätzung.
§ G.2 · InvestitionenWas einmalig zu zahlen ist
Sechs Investitionsphasen über 6 Jahre, teils parallel laufend. Die Summen sind in Spannbreiten angegeben (konservativ ↔ optimistisch). Jede Position ist nachvollziehbar.
I.1 · Plattform-Kernaufbau (Monate 0–18)
I.2 · Rules-as-Code-Migration (Monate 12–48)
I.3 · Anbindung bestehender Systeme (Monate 6–36)
I.4 · Schulung & Change Management (über 6 Jahre)
I.5 · Rechtliche Anpassung & Kommissionsarbeit (Monate 0–60)
I.6 · Sicherheit & Audit (laufend in Aufbauphase)
I.7 · Kontingenz
Öffentliche IT-Großprojekte unter 20–25% Kontingenz-Aufschlag zu kalkulieren ist naiv und führt zu den bekannten Kostenexplosionen. Wir rechnen konservativ 20%.
Zur Konsistenz mit dem Hauptdokument (1,9–3,1 Mrd €): Die höhere Zahl entsteht, wenn auch die laufenden Betriebskosten der 6-jährigen Migrationsphase hinzugerechnet werden — die werden im Hauptdokument zur Investitionssumme addiert. Siehe § G.3 unten: Betriebskosten 200–375 Mio € p.a. × 6 Jahre = 1,2–2,25 Mrd €. Gesamt: 1,88–3,55 Mrd €. Das entspricht der Range im Hauptdokument, mit realistischer oberer Grenze.
§ G.3 · Laufender BetriebWas ab Jahr 7 jährlich anfällt
Nach Abschluss der Migrationsphase (Ende Jahr 6) sind die laufenden Kosten die entscheidende Größe — sie bleiben auf Dauer.
Diese 200–375 Mio € p.a. sind zusätzlich zu den bestehenden IT-Ausgaben der Ressorts — nicht alternativ. Aber: Sie ersetzen über die Zeit redundante Insellösungen (siehe Einsparung E.5 unten).
§ G.4 · EinsparungenWas an Gegenwert entsteht
Einsparungen zerfallen in zwei Gruppen: fiskale Einsparungen (Entlastung des Staatshaushalts) und volkswirtschaftliche Effekte (Gewinn für Bürger und Wirtschaft, der nur teilweise als Steueraufkommen zurückkommt). Wir weisen beide getrennt aus, weil sie unterschiedliche politische Bedeutung haben.
Gruppe A · Fiskale Einsparungen (direkt im Budget)
Gruppe B · Volkswirtschaftliche Effekte (nicht direkt Budget)
Fiskaler Rückfluss aus Gruppe B
Volkswirtschaftliche Effekte kommen zum Teil als Steueraufkommen zurück. Die Staatsquote liegt in Österreich bei etwa 50%, die effektive marginale Rückflussrate bei neu geschaffener Wertschöpfung konservativ bei 25–35%. Das heißt:
Das entspricht der im Hauptdokument § 07 genannten Range von 2,8–4,6 Mrd €, wenn man den vollen volkswirtschaftlichen Nutzen mitrechnet. Die direkte fiskale Einsparung allein liegt im Bereich 0,5–1,3 Mrd € p.a. — und das ist die Zahl, die ein Finanzminister verteidigen kann, ohne sich auf volkswirtschaftliche Annahmen zu verlassen.
Transparenz-Hinweis: E.1 ist keine Budgeteinsparung
Die Personal-Umwidmung (E.1, 960–1.600 Mio € p.a.) ist keine Einsparung im Staatshaushalt. Das Personal bleibt, es arbeitet nur anders — weniger Papierroutine, mehr Qualitätsarbeit in Zone Gelb und Rot. Der Wert wird sichtbar in besseren Bescheiden, weniger Fehlern, kürzeren Wartezeiten. Ein Finanzminister kann diese Zahl nicht als „eingesparte Mio €" verbuchen.
Wir zählen sie trotzdem, weil sie real ist: Sie entspricht dem Wert der Zeit, die heute von 15.000–20.000 Vollzeitkräften in repetitive Routine investiert wird und morgen für gesellschaftlich relevante Arbeit frei wird. Ein Staat, der diesen Wert nicht sieht, unterschätzt sich selbst.
§ G.5 · Break-EvenWann das Projekt sich rechnet
Das Hauptdokument § 07 nennt 4–6 Jahre Break-Even. Das ist bei sauberer Rechnung zu optimistisch. Die Korrektur:
Korrektur: Die 4–6-Jahre-Zahl im Hauptdokument ist zu optimistisch
Das Hauptdokument hat den Break-Even aus reinen Jahresvergleichen gerechnet, ohne die 6-jährige Aufbauphase in Rechnung zu stellen. Realistisch sieht es so aus: In den ersten 6 Jahren wird investiert, es gibt kaum Einsparungen. Erst ab Jahr 7 greifen die laufenden Einsparungen voll. Der echte Break-Even liegt 2–4 Jahre nach Vollbetrieb — also 8–10 Jahre nach Projektstart, bei realistischer Rechnung.
Das ist nicht schlecht. Große Infrastrukturinvestitionen (Bahn, Kraftwerke, Schulen) haben oft ähnliche Amortisationszeiten. Aber die Zahl muss ehrlich sein — sonst verliert das Projekt die Rechnungshof-Prüfung nach zwei Jahren, und mit ihr alle Glaubwürdigkeit.
Die drei Szenarien
Das pessimistische Szenario ist nicht rhetorisch — es entspricht dem Kostenpfad, auf dem deutsche und britische Staats-IT-Projekte der 2000er-Jahre gelandet sind. Wenn sich dieser Pfad abzeichnet, greift das Kill-Switch-Protokoll aus Annex D § D.7: geordneter Rückbau, strukturelle Korrektur, Teilrettung. Nicht verharren im Desaster.
Was ist das Worst Case realistisch?
Ehrlicher geht es so: Selbst im pessimistischen Szenario erzeugt die Investition drei Dinge von bleibendem Wert:
- EUDI-Wallet-konforme Identitätsinfrastruktur — muss ohnehin bis Ende 2026 aufgebaut werden, EU-Akzeptanzpflicht.
- X-Road-Austauschlayer — wird unabhängig vom Projekterfolg von Behörden gebraucht und weiter genutzt.
- Rules-as-Code für Zone Grün — selbst wenn Zone Gelb/Rot scheitert, bleibt der Nutzen der vollautomatisierten Verfahren.
Die Frage ist also nicht „funktioniert das vollständig?", sondern „funktioniert genug davon?". Eine Teilrealisierung ist kein Totalverlust.
§ G.6 · BenchmarksWas andere Staaten zahlen
Estland — der Vorreiter
X-Road kostet nach Angaben der Harvard Innovations Review und mehreren Quellen 50–60 Mio € pro Jahr inklusive Wartung, Personal, Investitionen. Das Gesamtbudget der estnischen öffentlichen IT liegt laut Staatsrechnungshof bei etwa 181 Mio € pro Jahr (100 Mio Betrieb + 81 Mio Neuentwicklung).
Bei 1,3 Mio Einwohnern ergibt das ca. 140 € pro Kopf und Jahr für die gesamte öffentliche IT. Estland schätzt die volkswirtschaftliche Einsparung durch die Digitalsignatur allein auf rund 2% des BIP jährlich. Das entspricht in Österreich dem Wert von 9,6 Mrd € jährlich — die obere Schranke der volkswirtschaftlichen Effekte, die wir im Modell mit 0,3–0,8% BIP sehr konservativ angesetzt haben.
AT Gesamt-IT linear: 181 Mio × 7,05 = 1.276 Mio € p.a.
UK — Government Digital Service (GDS)
Das GDS-Budget ist 2024/25 bei £273 Mio gelegen und soll 2025/26 auf £418 Mio steigen. Das ist nur das Budget der zentralen Digital-Einheit — die gesamten IT-Ausgaben der UK-Ressorts sind ein Vielfaches davon. Das One-Login-Identitätssystem (ähnlich ID Austria + EUDI) wird auf £300–400 Mio einmalig geschätzt.
Umgerechnet auf Österreich (9,16 Mio EW): GDS-Größenordnung entspricht etwa 50–60 Mio € p.a. für eine zentrale Digital-Einheit, One Login skaliert entspricht 45–60 Mio € einmalig. Beide Zahlen liegen unterhalb unserer Schätzung, was konsistent ist — unser Modell bildet das gesamte Projekt ab, nicht nur die zentrale Einheit.
One Login pro Kopf: £4,40 = ~5,15 € · AT skaliert: 47 Mio € einmalig
Frankreich — DGFiP Catala-Migration
Das französische Finanzministerium hat mit der Catala-Migration gezeigt, dass Rules-as-Code auf Staatsskala funktioniert. Bei der Kodifizierung des französischen Familienleistungsrechts (ca. 200 Paragraphen) wurde ein Bug in der offiziellen Referenzimplementierung aufgedeckt — durch die formale Natur des Catala-Codes. Die Kosten: im einstelligen Millionenbereich pro Rechtsmaterie, bei mehreren Personenjahren Aufwand über 2–3 Jahre.
Für Österreich: Die 40 Kernverfahren zu kodifizieren (Annex E) kostet nach unserer Bottom-Up-Rechnung 8–20 Mio €. Das passt zu den französischen Erfahrungswerten.
BRZ — der bestehende österreichische Anker
Das Bundesrechenzentrum hat 2025 einen Umsatz von 559 Mio €, betreibt 3.000 Server auf 1.200 Standorten, beschäftigt 1.800 Mitarbeiter:innen und unterstützt 400+ E-Government-Anwendungen für 5 Millionen Nutzer. Es wickelt 525.000 Gehaltsabrechnungen pro Monat über SAP ab.
Das bedeutet: Die Infrastruktur ist nicht Null. Das Digitalamt-Projekt ist kein Neubau auf der grünen Wiese, sondern eine Weiterentwicklung und Vereinheitlichung der BRZ-Basis. Das reduziert die Investition erheblich — und erklärt, warum wir mit deutlich unter 1 Mrd € netto an reinen Investaufwendungen auskommen.
§ G.7 · RisikenWo das Kostenmodell scheitern kann
Jede Zahl ist unsicher. Die Risiken sind benennbar, und jedes hat ein Korrektiv.
Die meisten Risiken sind im Korpus (Annex D, Annex F) schon adressiert. Das zeigt: Die Dokumente hängen zusammen. Wer Annex G liest, ohne Annex D zu kennen, sieht nur die Hälfte.
§ G.8 · GrenzenWas dieses Modell nicht leistet
Fünf ehrlich benannte Grenzen:
Grenze 1 — Die Zahlen sind Spannbreiten, keine Punktwerte
Wer aus dieser Herleitung einen exakten Wert zieht, hat das Prinzip verfehlt. Alle Zahlen tragen Unsicherheit in der Größenordnung von ±30–50%. Das ist normal für Kostenschätzungen vor Vergabe und Detailplanung.
Grenze 2 — Volkswirtschaftliche Effekte sind indirekt
Die 1,45–3,85 Mrd € volkswirtschaftlicher Nutzen p.a. sind real, aber sie landen nicht eins zu eins im Budget. Für die Haushaltsrechnung zählt nur der Rückfluss über Steuern (25–35%), nicht der Gesamteffekt. Wir haben das klar getrennt und empfehlen, das auch in der politischen Kommunikation zu tun.
Grenze 3 — Aktueller IT-Bestand ist schwer präzise zu beziffern
Was die österreichische öffentliche IT insgesamt kostet, ist nicht transparent: Ressort-Budgets enthalten versteckte IT-Posten, Gemeinde-Ausgaben sind nicht konsolidiert, Legacy-Wartungsverträge sind teils geheim. Unsere Schätzung von 2,5–3,5 Mrd € Gesamt-IT ist eine Extrapolation — die genaue Zahl ist Teil der Inventur.
Grenze 4 — Kein Modell deckt politische Entscheidungen ab
Ob der Break-Even nach 8 Jahren erreicht wird, hängt zu 70% von Faktoren ab, die kein ökonomisches Modell darstellen kann: politischer Wille, föderaler Konsens, Koalitionskontinuität, öffentlicher Rückhalt. Wir können die Wirtschaftlichkeit darstellen — die Durchsetzbarkeit ist eine separate Frage.
Grenze 5 — Nicht-quantifizierte Nutzen sind nicht Null
Vermiedene Grundrechtsverletzungen. Gestärkter Rechtsstaat. Vertrauensgewinn in Institutionen. Widerstandsfähigkeit gegen Desinformationskampagnen. Demokratiestabilität. All das steht nicht im Modell, weil es nicht monetarisierbar ist. Aber es ist der eigentliche Grund, warum dieses Projekt sich lohnt — selbst wenn die fiskale Rechnung am Rand des Break-Even stünde.
Eine Investition, die nur auf Euro und Cent hinausläuft, verdient keinen Staat. Ein Staat, der nur auf Euro und Cent hinausläuft, verdient keine Bürger.