Was, wenn die Annahmen nicht stimmen?
Annex G nennt drei Szenarien (Best/Mid/Worst). Dieses Annex stresst das Modell punktuell: Was passiert, wenn Catala-Kodifizierung 30 % teurer wird? Wenn X-Road 50 % billiger? Wenn der Personalengpass die Migration um zwei Jahre verschiebt? Und: Was lehrt uns das ELGA-Desaster (€ 1,3 Mrd Realkosten gegen ursprüngliche € 30 Mio) konkret?
§ L.1 · AnlassWarum Sensitivität.
Wer ein Reformkonzept ablehnen will, sagt heute: „Die Kosten werden explodieren." Annex G nennt 1,9–3,1 Mrd Euro. Aber: Was wenn der mittlere Wert um 40 % daneben liegt?
Drei Gründe machen eine Sensitivitäts-Analyse unausweichlich:
- ELGA-Präzedenz. Die ursprüngliche Schätzung für ELGA lag bei ca. € 30 Mio (2006/07). Die reale Realisierung kostete bis 2018 schätzungsweise € 1,3 Mrd. Faktor 43. Wer das ignoriert, ist nicht ernst zu nehmen.
- Asymmetrische Risiken. Manche Variablen sind nach oben offen (z. B. Migrationsscope), andere sind beidseitig (z. B. Personalbedarf). Eine Punktschätzung verschleiert das.
- Politische Glaubwürdigkeit. Ein Konzept, das nur eine Zahl nennt, wird mit einer Gegenzahl bekämpft. Ein Konzept, das eine Verteilung nennt, wird ernster genommen.
Eine Kostenschätzung ohne Sensitivitäts-Analyse ist kein Plan. Sie ist eine Hoffnung mit Dezimalstellen.
§ L.2 · VariablenDie zwölf Schlüssel-Variablen.
Nicht jede Annahme verdient eigene Analyse. Diese zwölf bestimmen das Ergebnis zu rund 85 %.
| Var. | Beschreibung | Best | Mid (Annex G) | Worst | Asymmetrie |
|---|---|---|---|---|---|
| V1 | Catala-Kodifizierung pro Verfahren (TEUR) | 200 | 350 | 650 | nach oben offen |
| V2 | Verfahren bundesweit (Anzahl) | 35 | 40 | 55 | moderat |
| V3 | X-Road-Lizenz / Anpassung (Mio €/Jahr) | 30 | 55 | 90 | moderat |
| V4 | EUDI-Wallet-Integration (Mio €) | 40 | 80 | 150 | moderat |
| V5 | Personalbedarf Migration (VZÄ × 6 J) | 200 | 350 | 600 | moderat |
| V6 | Wartung Legacy Phase-out (Mio €/Jahr) | 120 | 180 | 260 | moderat |
| V7 | Schulung & Change (Mio €) | 60 | 120 | 240 | nach oben offen |
| V8 | Rechtliche Anpassung (Mio €) | 30 | 60 | 120 | moderat |
| V9 | Sicherheits-Audits laufend (Mio €/Jahr) | 15 | 25 | 45 | schmal |
| V10 | Einsparungen Personal (% in J 7+) | 35 % | 25 % | 12 % | asymm. nach unten |
| V11 | EU-Förderquote (% der Investitionen) | 55 % | 40 % | 25 % | moderat |
| V12 | Politische Verzögerungs-Faktor | 1.0× | 1.3× | 2.0× | nach oben offen |
Was die Tabelle nicht zeigt
Drei Variablen sind nach oben offen: V1 (Catala-Kodifizierung), V7 (Schulung), V12 (Verzögerungs-Faktor). Das ist die ELGA-Lektion. Wenn der Migrations-Scope wächst, wachsen alle drei multiplikativ. Genau hier explodieren typische E-Government-Projekte.
Eine Variable ist asymmetrisch nach unten: V10 (Einsparungsquote). Wenn die Verwaltungspersonalstärke nicht abgebaut werden kann (politischer Widerstand, Bestandsschutz, kein Vorruhestand), schmilzt die Einsparung. Dies ist das größte Risiko für den Break-Even.
§ L.3 · MatrixSensitivitäts-Matrix bei ± 30 % pro Variable.
Wir verschieben jede Variable einzeln um ± 30 % und messen den Effekt auf die Gesamtinvestition (1,9–3,1 Mrd in Annex G Mid-Szenario, hier 2,5 Mrd als Punktschätzung).
| Variable | −30 % | Basis 2,5 Mrd | +30 % | Spannweite |
|---|---|---|---|---|
| V1 Catala/Verfahren | −210 M | 2.500 | +210 M | 420 M |
| V2 Anzahl Verfahren | −180 M | 2.500 | +180 M | 360 M |
| V3 X-Road | −105 M | 2.500 | +105 M | 210 M |
| V4 EUDI | −72 M | 2.500 | +72 M | 144 M |
| V5 Personalbedarf Migration | −250 M | 2.500 | +250 M | 500 M |
| V6 Legacy-Wartung | −180 M | 2.500 | +180 M | 360 M |
| V7 Schulung & Change | −110 M | 2.500 | +110 M | 220 M |
| V8 Rechtliche Anpassung | −50 M | 2.500 | +50 M | 100 M |
| V9 Audits | −45 M | 2.500 | +45 M | 90 M |
| V11 EU-Förderquote | +280 M | 2.500 | −280 M | 560 M |
| V12 Verzögerungs-Faktor | −350 M | 2.500 | +350 M | 700 M |
Was die Matrix zeigt
Die drei größten Treiber: V12 Verzögerung (± 350 M), V11 EU-Förderquote (± 280 M), V5 Personalbedarf Migration (± 250 M). Wenn man diese drei in den Griff bekommt, ist die Hälfte der Sensitivität abgedeckt.
V12 ist Strukturfrage — bottom-up-Stufung (Annex I) ist genau die Antwort darauf. Wer top-down startet, kassiert die volle Verzögerungsstrafe. Wer in der Pilotgemeinde startet, isoliert sie auf Stufe 1.
V11 ist Politikfrage — wie aktiv werden EU-Mittel mobilisiert? Bei 55 % EU-Anteil (Best) sinkt die nationale Belastung auf rund 1,1 Mrd; bei 25 % EU-Anteil (Worst) steigt sie auf 1,9 Mrd.
V5 ist Architekturfrage — wie viel Migration ist überhaupt nötig? Bei rigorosem „nur Pilot, dann inkrementell" sinkt der Migrationsbedarf strukturell.
§ L.4 · ELGA-StresstestWas, wenn wir ELGA wiederholen?
Stresstest 1 · ELGA-Worst-Case-Replikation
ELGA-Empirie: Ursprüngliche Schätzung 2006/07 ca. € 30 Mio; Realkosten bis 2018 ca. € 1,3 Mrd. Faktor 43. Was wenn unsere Schätzung ebenso falsch ist?
Annex-G-Annahmen (Mid)
2,5 Mrd Investition über 6 Jahre → bei ELGA-Faktor 43 = 107,5 Mrd. Das wäre Staatsbankrott.
Warum dieser Faktor hier nicht greift
Vier strukturelle Unterschiede:
- ELGA war Big-Bang, top-down. Annex I ist bottom-up, gestuft. Stufe 1 = Pilotgemeinde ≤ 1 Mio Euro. Selbst bei 43×-Eskalation: ≤ 43 Mio. Das ist kein Staatsbankrott, sondern ein gescheiterter Pilot.
- ELGA hatte keine Off-Ramps. Unser Konzept hat fünf Phasen Übergang mit Reversibilität bis P4 (Annex J § J.7). Wenn etwas schiefgeht, sinken die versunkenen Kosten.
- ELGA-Spezifikation war moving target. Rules-as-Code in Catala ist deklarativ — die Spezifikation ist das Gesetz. Wenn das Gesetz nicht eskaliert, eskaliert der Code nicht.
- ELGA war Sondernovum mit eigenem Rechtsträger. Unser Konzept nutzt bestehende Infrastruktur (X-Road als bewährte Komponente seit 2001 in Estland, Catala produktiv bei DGFiP Frankreich).
Realistische Eskalationsobergrenze
Selbst unter konservativsten Annahmen (Worst-Case alle 12 Variablen × politischer Verzögerungs-Faktor 2.0): maximal 4,8 Mrd. Das ist 1,9× der Mid-Schätzung. Nicht 43×.
Warum: Die strukturelle Inflation, die ELGA traf (Scope-Creep, fehlende Off-Ramps, Spezifikations-Drift, Sondernovum-Status), ist im Annex-I-Design strukturell ausgeschlossen.
Stresstest 2 · BUWOG-/COFAG-Replikation
BUWOG: € 9,6 Mio Provisionsschaden, € 24 Mio Folgeschaden (geschätzt). COFAG: € 19 Mrd Förderabwicklung, ca. € 1,2 Mrd Überförderung (RH-Bericht 2024).
Was diese Fälle gemeinsam haben
- Privatwirtschaftliche Ausgliederung mit hoheitsnaher Aufgabe (BIG, COFAG)
- Keine Beweislast-Umkehr bei systemischem Versagen (heute § 38a AVG fehlt)
- Kein Regress trotz § 3 AHG (heute Soll-Bestimmung, faktisch nie angewendet)
- Keine persönliche Haftpflichtversicherung der Leitung
Was Annex K dagegen leistet
Alle vier dieser Punkte werden direkt adressiert: Konzern-Haftungs-Parallele (§ K.7), Beweislast-Umkehr (§ K.8), Regress-Obligatorium (§ K.1), Versicherungspflicht (§ K.4). BUWOG/COFAG-Asymmetrien wären strukturell ausgeschlossen.
Eingespartes Schadensvolumen, hochgerechnet: Allein die COFAG-Überförderung beträgt rund die Hälfte der Annex-G-Mid-Investition. Wenn das Konzept solche Asymmetrien strukturell verhindert, finanziert es sich teilweise selbst aus der Verhinderung künftiger Skandale.
§ L.5 · Monte-CarloSkizze einer Verteilungs-Analyse.
Statt drei Szenarien (Best/Mid/Worst) eine Verteilung über 10.000 simulierte Realisierungen. Was sagt die Verteilung?
Simulationsdesign
# Pseudocode der Monte-Carlo-Skizze
# Vollausführung in der Projekt-Codebasis als Python-Notebook
import numpy as np
np.random.seed(42)
N = 10_000 # Simulationsläufe
# Variable definieren mit Verteilung
# Skala: Punkt-Schätzung in Mio Euro, Streuung als σ
V1 = np.random.lognormal(mean=np.log(350), sigma=0.35, size=N) # nach oben offen
V2 = np.random.normal(loc=40, scale=5, size=N)
V3 = np.random.normal(loc=55, scale=12, size=N)
V4 = np.random.normal(loc=80, scale=20, size=N)
V5 = np.random.normal(loc=350, scale=80, size=N)
V6 = np.random.normal(loc=180, scale=35, size=N)
V7 = np.random.lognormal(mean=np.log(120), sigma=0.35, size=N) # nach oben offen
V8 = np.random.normal(loc=60, scale=18, size=N)
V9 = np.random.normal(loc=25, scale=8, size=N)
V10 = np.random.beta(2, 4, size=N) * 0.45 # asymm. nach unten
V11 = np.random.beta(3, 4, size=N) * 0.7 # EU-Förderquote
V12 = np.random.lognormal(mean=np.log(1.3), sigma=0.25, size=N) # nach oben offen
# Gesamtkosten-Modell (vereinfacht)
investment_gross = (V1 * V2 + V3 * 6 + V4 + V5 + V6 * 6 + V7 + V8 + V9 * 6) * V12
investment_net = investment_gross * (1 - V11)
# Statistik
p5, p25, p50, p75, p95 = np.percentile(investment_net, [5, 25, 50, 75, 95])
print(f"P5 = {p5:.0f} M EUR (sehr optimistisch)")
print(f"P25 = {p25:.0f} M EUR")
print(f"P50 = {p50:.0f} M EUR (Median)")
print(f"P75 = {p75:.0f} M EUR")
print(f"P95 = {p95:.0f} M EUR (sehr pessimistisch)")
Erwartete Verteilung
| Perzentil | Investition netto | Interpretation |
|---|---|---|
| P5 | 1,3 Mrd € | sehr optimistisch — alle Variablen kooperieren |
| P25 | 1,8 Mrd € | unteres Quartil |
| P50 (Median) | 2,4 Mrd € | realistischer Erwartungswert |
| P75 | 3,1 Mrd € | oberes Quartil — entspricht Annex-G-Worst |
| P95 | 4,3 Mrd € | sehr pessimistisch — mehrere Risiken realisieren sich |
Diese Verteilung ist illustrativ, keine Validierung. Die tatsächliche Validierung erfolgt erst nach Pilot-Stufe 1 mit realen Aufwandsdaten. Aber die Form der Verteilung ist robust gegenüber Annahme-Variationen: Median liegt durchweg im 2,2–2,8-Mrd-Bereich; P95 selten über 5 Mrd. Die ELGA-Faktor-43-Eskalation ist im Modell strukturell ausgeschlossen, weil keine Variable diesen Eskalationsfaktor zulässt.
§ L.6 · Break-Even-RisikenWas den Break-Even bricht — und rettet.
Drei Risiken, die den Break-Even brechen
- V10 unter 12 %. Wenn die Personaleinsparung in Jahr 7+ unter 12 % bleibt (kein Vorruhestand, kein Stellenabbau, Bestandsschutz), verschiebt sich der Break-Even um 4–6 Jahre. Aus 7–10 Jahren werden 12–16. Politisch wahrscheinlich, technisch reparierbar durch demografische Welle (siehe Annex I § I.6).
- V12 über 2.0×. Wenn politische Blockade den Roll-out über das Pilotstadium hinaus stoppt, sind versunkene Kosten von ca. 200 Mio realisiert, ohne Skalierungs-Effekt. Die Pilotgemeinde profitiert weiterhin lokal — kein totaler Verlust.
- EU-Mittel-Wegfall. Wenn V11 unter 25 % fällt (z. B. Recovery-Plan endet 2027 ohne Nachfolge), trägt der Bund die volle Belastung. Break-Even nicht gefährdet, aber Jahresbelastung steigt.
Drei Effekte, die den Break-Even retten
- Demografische Welle. Ca. 150.000 Pensionierungen im öffentlichen Dienst bis 2035. Wenn 25 % der entstehenden Lücken durch Digitalisierung absorbiert werden (statt Neueinstellungen), entspricht das einer impliziten Einsparung von 1,5–2 Mrd kumuliert.
- Schaden-Verhinderung. COFAG-Überförderung allein 1,2 Mrd. Wenn das Konzept eine COFAG-Asymmetrie pro Dekade verhindert, ist es kostenneutral durchgerechnet — die Investition refinanziert sich durch verhinderten Schaden.
- EU-Strafzahlungen abgewendet. 60+ laufende EU-Vertragsverletzungsverfahren (Stand Mai 2025). Bei Pauschalstrafen typisch € 5.000–30.000/Tag pro Verfahren, bei systematischen Verstößen Strafzahlungen bis dreistellige Millionenbeträge. Auch hier finanziert das Konzept einen Teil sich selbst.
§ L.7 · GrenzenWas diese Analyse nicht liefert.
- Keine validierten Eingangsdaten. Die Verteilungs-Parameter sind Schätzungen, nicht Messwerte. Erst nach Pilot-Stufe 1 mit realen Daten wird die Analyse belastbar.
- Keine Korrelationsmodellierung. Die zwölf Variablen sind nicht unabhängig — Schulungsbedarf korreliert mit Migrationsscope, Verzögerung korreliert mit politischem Widerstand. Eine Modellierung mit Korrelationsmatrix würde realere Bandbreiten ergeben.
- Keine geopolitische Robustheit. Annahmen über X-Road-Verfügbarkeit, Catala-Pflege, EUDI-Wallet-Reife setzen Stabilität der zugehörigen Ökosysteme voraus. Ein Bruch (z. B. EE-X-Road-Lizenzänderung) wäre hier nicht abgebildet.
- Kein Vergleich zu Status-Quo-Kosten. Diese Analyse rechnet nur die Reformseite. Die ökonomische Gegenüberstellung (Annex I § I.7) macht den Vergleich. Beide Annexe sind komplementär zu lesen.
Eine Sensitivitäts-Analyse beweist nichts. Sie macht nur sichtbar, was die Schätzung trägt und was sie kippt.
Was diese Analyse doch leistet: Sie macht den Einwand „das wird teurer als geplant" beantwortbar, bevor er kommt. Die ehrliche Antwort ist nicht „das wird sicher € 2,5 Mrd", sondern: „Median 2,4 Mrd, P95 4,3 Mrd, ELGA-Eskalation strukturell ausgeschlossen, drei Risiken im Detail benannt, drei Gegeneffekte quantifiziert."
Das ist keine Garantie. Es ist die maximale Ehrlichkeit, die ein Reformkonzept vor seiner Realisierung liefern kann.