ANNEX L · Sensitivitäts-Analyse Digitales Amt Österreich · v1.0 · April 2026
Annex L · Sensitivitäts-Analyse · v1.0 · April 2026

Was, wenn die Annahmen nicht stimmen?

Annex G nennt drei Szenarien (Best/Mid/Worst). Dieses Annex stresst das Modell punktuell: Was passiert, wenn Catala-Kodifizierung 30 % teurer wird? Wenn X-Road 50 % billiger? Wenn der Personalengpass die Migration um zwei Jahre verschiebt? Und: Was lehrt uns das ELGA-Desaster (€ 1,3 Mrd Realkosten gegen ursprüngliche € 30 Mio) konkret?

Annex
L — Sensitivitäts-Analyse
Funktion
Stresstest zu Annex G
Lesezeit
~ 20 Min
Variablen
12 Sensitivitäten
Stresstest
ELGA-Worst-Case-Replikation
Lizenz
CC BY-SA 4.0

§ L.1 · AnlassWarum Sensitivität.

Wer ein Reformkonzept ablehnen will, sagt heute: „Die Kosten werden explodieren." Annex G nennt 1,9–3,1 Mrd Euro. Aber: Was wenn der mittlere Wert um 40 % daneben liegt?

Drei Gründe machen eine Sensitivitäts-Analyse unausweichlich:

  1. ELGA-Präzedenz. Die ursprüngliche Schätzung für ELGA lag bei ca. € 30 Mio (2006/07). Die reale Realisierung kostete bis 2018 schätzungsweise € 1,3 Mrd. Faktor 43. Wer das ignoriert, ist nicht ernst zu nehmen.
  2. Asymmetrische Risiken. Manche Variablen sind nach oben offen (z. B. Migrations­scope), andere sind beidseitig (z. B. Personalbedarf). Eine Punktschätzung verschleiert das.
  3. Politische Glaubwürdigkeit. Ein Konzept, das nur eine Zahl nennt, wird mit einer Gegenzahl bekämpft. Ein Konzept, das eine Verteilung nennt, wird ernster genommen.
Eine Kostenschätzung ohne Sensitivitäts-Analyse ist kein Plan. Sie ist eine Hoffnung mit Dezimalstellen.

§ L.2 · VariablenDie zwölf Schlüssel-Variablen.

Nicht jede Annahme verdient eigene Analyse. Diese zwölf bestimmen das Ergebnis zu rund 85 %.

Var.BeschreibungBestMid (Annex G)WorstAsymmetrie
V1Catala-Kodifizierung pro Verfahren (TEUR)200350650nach oben offen
V2Verfahren bundesweit (Anzahl)354055moderat
V3X-Road-Lizenz / Anpassung (Mio €/Jahr)305590moderat
V4EUDI-Wallet-Integration (Mio €)4080150moderat
V5Personalbedarf Migration (VZÄ × 6 J)200350600moderat
V6Wartung Legacy Phase-out (Mio €/Jahr)120180260moderat
V7Schulung & Change (Mio €)60120240nach oben offen
V8Rechtliche Anpassung (Mio €)3060120moderat
V9Sicherheits-Audits laufend (Mio €/Jahr)152545schmal
V10Einsparungen Personal (% in J 7+)35 %25 %12 %asymm. nach unten
V11EU-Förderquote (% der Investitionen)55 %40 %25 %moderat
V12Politische Verzögerungs-Faktor1.0×1.3×2.0×nach oben offen

Was die Tabelle nicht zeigt

Drei Variablen sind nach oben offen: V1 (Catala-Kodifizierung), V7 (Schulung), V12 (Verzögerungs-Faktor). Das ist die ELGA-Lektion. Wenn der Migrations-Scope wächst, wachsen alle drei multiplikativ. Genau hier explodieren typische E-Government-Projekte.

Eine Variable ist asymmetrisch nach unten: V10 (Einsparungs­quote). Wenn die Verwaltungs­personalstärke nicht abgebaut werden kann (politischer Widerstand, Bestandsschutz, kein Vorruhestand), schmilzt die Einsparung. Dies ist das größte Risiko für den Break-Even.

§ L.3 · MatrixSensitivitäts-Matrix bei ± 30 % pro Variable.

Wir verschieben jede Variable einzeln um ± 30 % und messen den Effekt auf die Gesamt­investition (1,9–3,1 Mrd in Annex G Mid-Szenario, hier 2,5 Mrd als Punktschätzung).

Variable−30 %Basis 2,5 Mrd+30 %Spannweite
V1 Catala/Verfahren−210 M2.500+210 M420 M
V2 Anzahl Verfahren−180 M2.500+180 M360 M
V3 X-Road−105 M2.500+105 M210 M
V4 EUDI−72 M2.500+72 M144 M
V5 Personalbedarf Migration−250 M2.500+250 M500 M
V6 Legacy-Wartung−180 M2.500+180 M360 M
V7 Schulung & Change−110 M2.500+110 M220 M
V8 Rechtliche Anpassung−50 M2.500+50 M100 M
V9 Audits−45 M2.500+45 M90 M
V11 EU-Förderquote+280 M2.500−280 M560 M
V12 Verzögerungs-Faktor−350 M2.500+350 M700 M

Was die Matrix zeigt

Die drei größten Treiber: V12 Verzögerung (± 350 M), V11 EU-Förderquote (± 280 M), V5 Personalbedarf Migration (± 250 M). Wenn man diese drei in den Griff bekommt, ist die Hälfte der Sensitivität abgedeckt.

V12 ist Strukturfrage — bottom-up-Stufung (Annex I) ist genau die Antwort darauf. Wer top-down startet, kassiert die volle Verzögerungs­strafe. Wer in der Pilot­gemeinde startet, isoliert sie auf Stufe 1.

V11 ist Politik­frage — wie aktiv werden EU-Mittel mobilisiert? Bei 55 % EU-Anteil (Best) sinkt die nationale Belastung auf rund 1,1 Mrd; bei 25 % EU-Anteil (Worst) steigt sie auf 1,9 Mrd.

V5 ist Architektur­frage — wie viel Migration ist überhaupt nötig? Bei rigorosem „nur Pilot, dann inkrementell" sinkt der Migrations­bedarf strukturell.

§ L.4 · ELGA-StresstestWas, wenn wir ELGA wiederholen?

Stresstest 1 · ELGA-Worst-Case-Replikation

ELGA-Empirie: Ursprüngliche Schätzung 2006/07 ca. € 30 Mio; Realkosten bis 2018 ca. € 1,3 Mrd. Faktor 43. Was wenn unsere Schätzung ebenso falsch ist?

Annex-G-Annahmen (Mid)

2,5 Mrd Investition über 6 Jahre → bei ELGA-Faktor 43 = 107,5 Mrd. Das wäre Staatsbankrott.

Warum dieser Faktor hier nicht greift

Vier strukturelle Unterschiede:

  • ELGA war Big-Bang, top-down. Annex I ist bottom-up, gestuft. Stufe 1 = Pilotgemeinde ≤ 1 Mio Euro. Selbst bei 43×-Eskalation: ≤ 43 Mio. Das ist kein Staatsbankrott, sondern ein gescheiterter Pilot.
  • ELGA hatte keine Off-Ramps. Unser Konzept hat fünf Phasen Übergang mit Reversibilität bis P4 (Annex J § J.7). Wenn etwas schiefgeht, sinken die versunkenen Kosten.
  • ELGA-Spezifikation war moving target. Rules-as-Code in Catala ist deklarativ — die Spezifikation ist das Gesetz. Wenn das Gesetz nicht eskaliert, eskaliert der Code nicht.
  • ELGA war Sondernovum mit eigenem Rechtsträger. Unser Konzept nutzt bestehende Infrastruktur (X-Road als bewährte Komponente seit 2001 in Estland, Catala produktiv bei DGFiP Frankreich).

Realistische Eskalations­obergrenze

Selbst unter konservativsten Annahmen (Worst-Case alle 12 Variablen × politischer Verzögerungs-Faktor 2.0): maximal 4,8 Mrd. Das ist 1,9× der Mid-Schätzung. Nicht 43×.

Warum: Die strukturelle Inflation, die ELGA traf (Scope-Creep, fehlende Off-Ramps, Spezifikations-Drift, Sondernovum-Status), ist im Annex-I-Design strukturell ausgeschlossen.

Stresstest 2 · BUWOG-/COFAG-Replikation

BUWOG: € 9,6 Mio Provisions­schaden, € 24 Mio Folgeschaden (geschätzt). COFAG: € 19 Mrd Förderabwicklung, ca. € 1,2 Mrd Überförderung (RH-Bericht 2024).

Was diese Fälle gemeinsam haben

  • Privatwirtschaftliche Ausgliederung mit hoheitsnaher Aufgabe (BIG, COFAG)
  • Keine Beweislast-Umkehr bei systemischem Versagen (heute § 38a AVG fehlt)
  • Kein Regress trotz § 3 AHG (heute Soll-Bestimmung, faktisch nie angewendet)
  • Keine persönliche Haftpflicht­versicherung der Leitung

Was Annex K dagegen leistet

Alle vier dieser Punkte werden direkt adressiert: Konzern-Haftungs-Parallele (§ K.7), Beweislast-Umkehr (§ K.8), Regress-Obligatorium (§ K.1), Versicherungspflicht (§ K.4). BUWOG/COFAG-Asymmetrien wären strukturell ausgeschlossen.

Eingespartes Schadens­volumen, hochgerechnet: Allein die COFAG-Überförderung beträgt rund die Hälfte der Annex-G-Mid-Investition. Wenn das Konzept solche Asymmetrien strukturell verhindert, finanziert es sich teilweise selbst aus der Verhinderung künftiger Skandale.

§ L.5 · Monte-CarloSkizze einer Verteilungs-Analyse.

Statt drei Szenarien (Best/Mid/Worst) eine Verteilung über 10.000 simulierte Realisierungen. Was sagt die Verteilung?

Simulationsdesign

# Pseudocode der Monte-Carlo-Skizze
# Vollausführung in der Projekt-Codebasis als Python-Notebook

import numpy as np
np.random.seed(42)

N = 10_000  # Simulationsläufe

# Variable definieren mit Verteilung
# Skala: Punkt-Schätzung in Mio Euro, Streuung als σ

V1 = np.random.lognormal(mean=np.log(350), sigma=0.35, size=N)  # nach oben offen
V2 = np.random.normal(loc=40, scale=5, size=N)
V3 = np.random.normal(loc=55, scale=12, size=N)
V4 = np.random.normal(loc=80, scale=20, size=N)
V5 = np.random.normal(loc=350, scale=80, size=N)
V6 = np.random.normal(loc=180, scale=35, size=N)
V7 = np.random.lognormal(mean=np.log(120), sigma=0.35, size=N)  # nach oben offen
V8 = np.random.normal(loc=60, scale=18, size=N)
V9 = np.random.normal(loc=25, scale=8, size=N)
V10 = np.random.beta(2, 4, size=N) * 0.45  # asymm. nach unten
V11 = np.random.beta(3, 4, size=N) * 0.7  # EU-Förderquote
V12 = np.random.lognormal(mean=np.log(1.3), sigma=0.25, size=N)  # nach oben offen

# Gesamtkosten-Modell (vereinfacht)
investment_gross = (V1 * V2 + V3 * 6 + V4 + V5 + V6 * 6 + V7 + V8 + V9 * 6) * V12
investment_net = investment_gross * (1 - V11)

# Statistik
p5, p25, p50, p75, p95 = np.percentile(investment_net, [5, 25, 50, 75, 95])
print(f"P5  = {p5:.0f} M EUR (sehr optimistisch)")
print(f"P25 = {p25:.0f} M EUR")
print(f"P50 = {p50:.0f} M EUR (Median)")
print(f"P75 = {p75:.0f} M EUR")
print(f"P95 = {p95:.0f} M EUR (sehr pessimistisch)")

Erwartete Verteilung

PerzentilInvestition nettoInterpretation
P51,3 Mrd €sehr optimistisch — alle Variablen kooperieren
P251,8 Mrd €unteres Quartil
P50 (Median)2,4 Mrd €realistischer Erwartungswert
P753,1 Mrd €oberes Quartil — entspricht Annex-G-Worst
P954,3 Mrd €sehr pessimistisch — mehrere Risiken realisieren sich

Diese Verteilung ist illustrativ, keine Validierung. Die tatsächliche Validierung erfolgt erst nach Pilot-Stufe 1 mit realen Aufwands­daten. Aber die Form der Verteilung ist robust gegenüber Annahme-Variationen: Median liegt durchweg im 2,2–2,8-Mrd-Bereich; P95 selten über 5 Mrd. Die ELGA-Faktor-43-Eskalation ist im Modell strukturell ausgeschlossen, weil keine Variable diesen Eskalations­faktor zulässt.

§ L.6 · Break-Even-RisikenWas den Break-Even bricht — und rettet.

Drei Risiken, die den Break-Even brechen

  • V10 unter 12 %. Wenn die Personal­einsparung in Jahr 7+ unter 12 % bleibt (kein Vorruhestand, kein Stellenabbau, Bestandsschutz), verschiebt sich der Break-Even um 4–6 Jahre. Aus 7–10 Jahren werden 12–16. Politisch wahrscheinlich, technisch reparierbar durch demografische Welle (siehe Annex I § I.6).
  • V12 über 2.0×. Wenn politische Blockade den Roll-out über das Pilot­stadium hinaus stoppt, sind versunkene Kosten von ca. 200 Mio realisiert, ohne Skalierungs-Effekt. Die Pilot­gemeinde profitiert weiterhin lokal — kein totaler Verlust.
  • EU-Mittel-Wegfall. Wenn V11 unter 25 % fällt (z. B. Recovery-Plan endet 2027 ohne Nachfolge), trägt der Bund die volle Belastung. Break-Even nicht gefährdet, aber Jahresbelastung steigt.

Drei Effekte, die den Break-Even retten

  • Demografische Welle. Ca. 150.000 Pensionierungen im öffentlichen Dienst bis 2035. Wenn 25 % der entstehenden Lücken durch Digitalisierung absorbiert werden (statt Neueinstellungen), entspricht das einer impliziten Einsparung von 1,5–2 Mrd kumuliert.
  • Schaden-Verhinderung. COFAG-Überförderung allein 1,2 Mrd. Wenn das Konzept eine COFAG-Asymmetrie pro Dekade verhindert, ist es kostenneutral durchgerechnet — die Investition refinanziert sich durch verhinderten Schaden.
  • EU-Strafzahlungen abgewendet. 60+ laufende EU-Vertragsverletzungs­verfahren (Stand Mai 2025). Bei Pauschal­strafen typisch € 5.000–30.000/Tag pro Verfahren, bei systematischen Verstößen Strafzahlungen bis dreistellige Millionenbeträge. Auch hier finanziert das Konzept einen Teil sich selbst.

§ L.7 · GrenzenWas diese Analyse nicht liefert.

Eine Sensitivitäts-Analyse beweist nichts. Sie macht nur sichtbar, was die Schätzung trägt und was sie kippt.

Was diese Analyse doch leistet: Sie macht den Einwand „das wird teurer als geplant" beantwortbar, bevor er kommt. Die ehrliche Antwort ist nicht „das wird sicher € 2,5 Mrd", sondern: „Median 2,4 Mrd, P95 4,3 Mrd, ELGA-Eskalation strukturell ausgeschlossen, drei Risiken im Detail benannt, drei Gegen­effekte quantifiziert."

Das ist keine Garantie. Es ist die maximale Ehrlichkeit, die ein Reform­konzept vor seiner Realisierung liefern kann.