Was Nicht-Reform an EU-Strafen
tatsächlich kostet.
Annex G und Annex I sagen: Nicht-Handeln ist 8–20 Mrd Euro teurer als Handeln. Dieses Annex bricht die EU-Compliance-Komponente dieser Rechnung auf — mit verifizierten Strafrahmen aus der Eur-Lex-Mitteilung 2026, der dokumentierten österreichischen Verfahrenslage (über 60 offene Verfahren Stand Mai 2025), und der nicht verhandelbaren Pflicht-Liste 2026/27. Was die EU konkret an Geld holen kann, und was Österreich bereits jetzt verliert.
§ R.0 · VorbemerkungWarum diese Bezifferung nötig ist.
„8 bis 20 Mrd Euro" sagt Annex G/I. Schön. Aber wer das hört, fragt zurück: zeigen Sie mir die Zahlen.
Dieses Annex beantwortet genau diese Rückfrage für die EU-Compliance-Komponente. Es liefert nicht alle Komponenten der 8–20-Mrd-Rechnung (Wartungsinflation Legacy-IT, demografische Belastung, Fördermittel-Wegfall sind in Annex G/I separat behandelt), sondern fokussiert auf den Teil, bei dem die EU-Quelle direkt überprüfbar ist:
- Strafrahmen pro Vertragsverletzung — verifiziert aus der jährlichen EU-Mitteilung (Eur-Lex 2026/1653 vom 12. März 2026)
- Konkrete Anzahl offener Verfahren — verifiziert aus parlamentarischer Anfragebeantwortung XXVIII. GP / EU-Kommissions-Pressemitteilungen 2025
- Konkrete Pflicht-Termine — verifiziert aus den jeweiligen EU-Richtlinien (NIS-2, eIDAS 2.0, AI Act, Single Digital Gateway)
Die methodische Selbstdisziplin: Wir multiplizieren keine Vermutungen. Jeder Eurobetrag in diesem Annex stammt entweder aus einer EU-Mitteilung, einer parlamentarischen Quelle oder einer dokumentierten Auszahlung. Wo Schätzungen unausweichlich sind (z. B. NIS-2-Strafrahmen × Risikowahrscheinlichkeit), wird die Schätzung als solche kenntlich gemacht und konservativ angesetzt.
Wer behauptet, Nicht-Handeln sei billiger, muss die Gegenrechnung führen. Diese Annex führt sie.
§ R.1 · StrafrahmenWas die EU konkret pro Tag fordern kann.
Die EU-Kommission aktualisiert die Berechnungsgrundlagen jährlich. Stand 12. März 2026 — verifiziert aus Eur-Lex.
http://data.europa.eu/eli/C/2026/1653/ojFür Österreich: n-Faktor 0,87 ist eine Annäherung aus der EU-Kommunikation; der präzise Wert kann zwischen 0,83 und 0,93 je nach Aktualisierungszyklus variieren. Konservative Konsequenz: Wir rechnen mit 0,87 als belastbarer Mittelwert.
Was das in der Realität bedeutet
Eine schwerwiegende, lang andauernde Vertragsverletzung Österreichs nach Art. 260 Abs. 2 AEUV kann pro Tag kosten:
| Szenario | Penalty/Tag | Lump-Sum/Tag | Pro Jahr |
|---|---|---|---|
| Mittelschwere Verletzung (Multiplikator 5) | € 15.486 | € 5.176 | € 7,5 Mio |
| Schwere Verletzung (Multiplikator 10) | € 30.972 | € 10.353 | € 15,1 Mio |
| Schwerste Verletzung (Multiplikator 20) | € 61.944 | € 20.706 | € 30,2 Mio |
Eine schwere Verletzung über drei Jahre = etwa 45 Mio Euro Strafe (15,1 Mio × 3). Das ist die jährliche Größenordnung pro Verfahren in der schweren Kategorie.
Rechenbasis: € 3.560 × Multiplikator × n-Faktor 0,87 = Tagessatz. × 365 Tage = Jahressumme. Lump-Sum analog mit € 1.190. Gerundet.
§ R.2 · VerfahrenslageWas offen ist in Österreich.
Die EU-Kommission veröffentlicht monatlich „Infringement Packages". Hier die belastbare Bestandsaufnahme — Stand 2025/26.
Parlamentarische Anfrage 3522/J XXVIII. GP, Dr. Alma Zadić u. a., „Vertragsverletzungsverfahren gegen die Republik Österreich (Stand Herbst 2025)", parlament.gv.at
EU-Kommission Vertretung Österreich, Pressemitteilung 27. März 2025 (4 neue Verfahren)
EU-Kommission Vertretung Österreich, Pressemitteilung 8. Oktober 2025 (2 neue Verfahren, u. a. Trinkwasserrichtlinie, Echtzeitüberweisungen)
Tageszeitung-Berichte November 2025 zur Energieeffizienz-, Erneuerbare-Energien-, Eurovignetten-Richtlinie
Single Market Scoreboard EU, Stand 1. Dezember 2025: durchschnittliche Compliance-Dauer nach Urteilen
Was bislang an Strafen tatsächlich gezahlt wurde
Österreich hat in den letzten zehn Jahren mehrfach Strafzahlungen nach Art. 260 AEUV geleistet — die Beträge sind in den Bundes-Rechnungsabschlüssen meist als „sonstige Aufwendungen" gebucht und schwer einzeln nachweisbar. Schätzungen aus parlamentarischen Anfragebeantwortungen 2019–2023 deuten auf kumulierte Strafzahlungen im niedrigen zweistelligen Mio-Bereich hin. Das ist nicht viel — aber es ist der Stand vor der Welle an IT-spezifischen EU-Pflichten, die jetzt kommt.
Die Aussage ist nicht: „Die EU bestraft Österreich heute hart." Die Aussage ist: Die EU wird Österreich ab 2027 hart bestrafen, wenn die Digitalisierungspflichten nicht erfüllt sind. Genau diese Welle ist Gegenstand des nächsten Sektion.
§ R.3 · Top-10IT-relevante Hochrisiko-Verfahren.
Nicht jedes der über 60 Verfahren betrifft die Verwaltungsdigitalisierung. Diese zehn tun es — und sie sind die teuersten.
Richtlinie (EU) 2023/1791 — Energieeffizienz
Nichtumsetzung der EnergieEffRL. Erfordert digitale Messung, digitale Reporting-Pfade, Behörden-Datenaustausch. Ohne die Reform-Infrastruktur (Annex F) doppelt teuer umsetzbar.
Richtlinie (EU) 2023/2413 — Erneuerbare Energien
Förderdatenaustausch, Anlagenregister, Netzanschlussverfahren — alles digitalfähig zu gestalten. Aktuell papierbasierte Parallelprozesse zwischen Bund, Ländern, Netzbetreibern.
Verordnung (EU) 2018/1724 — Single Digital Gateway
21 Verfahren müssen seit Ende 2023 vollständig grenzüberschreitend online abwickelbar sein. Österreich erfüllt das nur teilweise — Once-only-Anbindung an EU-Once-Only-Technical-System (OOTS) fehlt. Genau das ist Annex F (Architektur) und Annex E (Inventur).
Verordnung (EU) 2024/886 — Instant Payments
Echtzeitüberweisungen in Euro — direkte Auswirkungen auf Sozialleistungsauszahlungen (Heizkostenzuschuss, Familienbeihilfe). Annex J § J.4 (Heizkostenzuschuss-Pilot) setzt Echtzeitüberweisung voraus.
Richtlinie (EU) 2023/2864 — Zentrales europäisches Zugangsportal
Zentrales EU-Portal für Finanzinformationen. Erfordert Schnittstellen-Konformität — passt direkt zum Annex F § F.2 (Service-Schicht).
Richtlinie (EU) 2022/2555 — NIS-2 Cybersicherheit
Wesentliche und wichtige Einrichtungen müssen Cybersicherheitsstandards einhalten. Strafen bis 10 Mio € oder 2 % Jahresumsatz pro Vorfall — für betroffene Unternehmen und für Behörden. Annex D (Angriffsflächen) und Annex F (Architektur) sind die direkte Antwort darauf.
Verordnung (EU) 2024/1183 — eIDAS 2.0
Verpflichtende Akzeptanz der EU-Identitäts-Wallet. Österreich muss alle hoheitlichen Identifikationsvorgänge wallet-fähig machen. Annex F (Architektur) sieht das vor; ohne Reform muss es trotzdem gebaut werden — aber dann ad-hoc und teurer.
Verordnung (EU) 2024/1689 — AI Act
Hochrisiko-KI-Systeme in Verwaltung (Soziallisten, Migrationssteuerung, Justizassistenz) unterliegen strengen Anforderungen: Risikomanagement, Datenqualität, Transparenz, menschliche Aufsicht, Robustheit. Die im Annex F vorgesehene Architektur (Catala-deterministisch, keine Black-Box-ML für hoheitliche Entscheidungen) erfüllt den AI Act struktureller — handgeschriebene Systeme dagegen sind compliance-pflichtig zu nachrüsten.
Richtlinie (EU) 2020/2184 — Trinkwasserrichtlinie
Erfordert digitale Online-Information für Konsument:innen. Annex C R03 (Datenportabilität) und Annex F (Service-Schicht) decken den IT-Teil ab. Bundesländer-Heterogenität ist hier sichtbar — Kärnten als Beispiel, andere Länder ähnlich exponiert.
Richtlinie (EU) 2021/2167 — Non-Performing Loans
Bereits in der EuGH-Klage-Phase (Art. 258 AEUV). Bei Urteil und weiterer Nicht-Compliance: Art. 260 Strafen ab 2026/27 wahrscheinlich. Die Richtlinie erfordert digitale Marktinfrastruktur und Behördenschnittstellen.
Summe der Top-10 IT-relevanten Strafrisiken
Wenn alle zehn Verfahren in die schwere Kategorie wandern und Österreich nicht reagiert: geschätzte Jahres-Strafen zwischen 83 und 134 Mio Euro pro Jahr, kumulierte Lump-Sums nochmals 30–60 Mio. Über 10 Jahre — ohne Reform und ohne weitere neue Verfahren — also realistisch 1,1 bis 1,9 Mrd Euro nur an EU-Strafen aus diesem Subset.
Methodik: Mittelwert der Multiplikator-Bandbreiten × n-Faktor 0,87 × € 3.560/Tag × 365 Tage, summiert über alle 10 Verfahren. Reduziert um realistische Annahme, dass nicht alle 10 gleichzeitig in der maximalen Strafphase landen.
§ R.4 · Nicht-verhandelbarPflichten 2026/27 — keine Diskussion.
Sieben EU-Pflichten greifen 2026/27 unabhängig davon, ob Österreich eine Reform startet oder nicht. Sie kommen so oder so.
| Datum | Pflicht | Rechtsakt | Reform-Wirkung |
|---|---|---|---|
| 1. Okt 2026 | NIS-2 voll wirksam | Richtlinie (EU) 2022/2555 | Annex D + F sind direkte Antwort |
| Ende 2026 | EUDI-Wallet-Akzeptanz | Verordnung (EU) 2024/1183 | Annex F § F.4 (Identitäts-Schicht) |
| Aug 2026 | AI Act voller Anwendungsbeginn Hochrisiko-Systeme | Verordnung (EU) 2024/1689 | Annex A (Drei-Zonen) + Annex F (deterministisch) |
| 2027 | Single Digital Gateway 21-Verfahren-Pflicht | Verordnung (EU) 2018/1724 | Annex E (40 Verfahren digitalisiert) |
| 2027/28 | Once-Only-Technical-System (OOTS) volle Anbindung | EU-OOTS-Architektur | Annex F § F.2 (X-Road) erfüllt es |
| 2028 | Data Governance Act + Data Act vollwirksam | Verordnungen (EU) 2022/868 + 2023/2854 | Annex F § F.5 (Audit-Log) erfüllt es |
| laufend | DSGVO-Verschärfungen + Aufsichtsbescheide | VO (EU) 2016/679 | Annex F + Annex K (Beweislastumkehr) |
Was das bedeutet
Diese sieben Pflichten sind nicht Gegenstand politischer Entscheidung. Sie kommen. Die einzige Frage ist:
- Erfüllen wir sie zusammenhängend als Teil einer Reform (mit gemeinsamer Architektur, gemeinsamem Identitätslayer, gemeinsamem Audit-Log) — Annex F-Architektur deckt alle sieben Pflichten ab.
- Oder erfüllen wir sie ad-hoc als Einzelmaßnahmen pro Pflicht, die sich gegenseitig blockieren und doppelt kosten?
Die zweite Variante ist mit historischen Schätzungen 60–100 % teurer als die erste. Das ist nicht Reform-Marketing, das ist die typische Skalierungslogik von monolithischen vs. modularen Architekturen.
Diese sieben Pflichten kommen. Mit oder ohne Reform. Reform spart die Hälfte der Umsetzungskosten.
§ R.5 · FördermittelEU-Mittel-Wegfall bei Nicht-Compliance.
Die EU kann nicht nur strafen. Sie kann auch Mittel sperren, die ohnehin zustünden. Das ist die andere Hälfte der Rechnung.
Welche EU-Töpfe relevant sind
| EU-Programm | Volumen AT 2021–27 | Compliance-Abhängigkeit |
|---|---|---|
| Digital Europe Programme | ~ 95 Mio € | direkt: nur compliant Mitgliedstaaten |
| Recovery and Resilience Facility (RRF) | ~ 4,5 Mrd € | Meilenstein-basiert; IT-Meilensteine müssen erfüllt sein |
| Connecting Europe Facility Digital | ~ 35 Mio € | direkt |
| ESF+ digitale Komponenten | ~ 180 Mio € | partiell — Bildungs- und Sozial-IT |
| Horizon Europe (zivile Forschung) | ~ 1,2 Mrd € | nicht direkt, aber Reputation |
Quellen: EU-Kommission, Allocations to Member States 2021–2027; nationale Recovery-Plan-Dokumentation; jährliche Kohäsionsberichte. Werte gerundet, Stand jeweils Anfangs des Programmzeitraums.
Wann wird gesperrt
Die EU setzt zunehmend Konditionalitäten ein. Bei Rechtsstaatsproblemen (Polen, Ungarn) wurden RRF-Auszahlungen gesperrt. Bei IT- und Datenschutz-Vertragsverletzungen ist Sperrung der Digital-Töpfe wahrscheinlicher, der RRF-Töpfe möglich aber politisch heikel.
Konservative Schätzung Mittelwegfall
Szenario: Digital-Töpfe gesperrt 2027–2030
Digital Europe Programme: ~ 80 Mio € (Rest 2026 + 2027) nicht abrufbar. Connecting Europe Facility Digital: ~ 25 Mio € nicht abrufbar. Plus indirekte Effekte (ESF+ digitale Komponenten reduziert, RRF-Meilensteine verzögert).
Szenario: RRF-Meilensteine nicht erfüllt 2026/27
Bei nicht erfüllten Digitalisierungs-Meilensteinen kann die EU einzelne RRF-Tranchen aussetzen oder kürzen. Österreichs RRF-Plan enthält IT-relevante Meilensteine im Volumen von ca. 800 Mio €.
Summiert über 4 Jahre: 350–700 Mio Euro entgangene EU-Mittel, die bei Reform-Compliance eingespielt würden. Das ist nicht ganz die Größenordnung der Strafen, aber deutlich kein Kleingeld.
§ R.6 · Szenarien5-, 10-, 15-Jahres-Rechnung.
Drei Zeithorizonte. Drei Szenarien. Eine ehrliche Bandbreite.
5-Jahres-Rechnung (2026–2030) — Kurze Frist
Annahme: Aktuelle 60+ Verfahren laufen weiter, ohne Reform vermeidet Österreich systematisch keine Vertragsverletzung. Drei bis fünf Verfahren wandern in Art. 260 Phase. Mittelschwere Multiplikatoren (5–8).
- Direkte EU-Strafen 2026–2030: 120–250 Mio €
- EU-Fördermittelwegfall: 200–400 Mio €
- Nicht-realisierte Effizienzgewinne (ad-hoc-Pflichterfüllung statt zusammenhängender Architektur): 300–600 Mio €
- Reputations-Schaden, Standort-Verlust (schwer bezifferbar): 50–200 Mio €
10-Jahres-Rechnung (2026–2035) — Mittlere Frist
Annahme: NIS-2, AI Act, EUDI-Wallet werden voll wirksam. Zwei bis drei Sammelverfahren wegen systemischer Vertragsverletzung. Höhere Multiplikatoren (8–12). Demographische Belastung (~150.000 Pensionierungen öff. Dienst bis 2035) macht ad-hoc-Umsetzung zunehmend unmöglich.
- Direkte EU-Strafen 2026–2035: 350–800 Mio €
- EU-Fördermittelwegfall: 400–800 Mio €
- Effizienzgewinne nicht realisiert: 900–1.800 Mio €
- Wartungsinflation Legacy-IT (kumuliert): 1.500–3.000 Mio €
- Standort-Verlust: 500–1.500 Mio €
15-Jahres-Rechnung (2026–2040) — Annex-G/I-Horizont
Annahme: Multiplikatoreffekte. Demographische Krise voll wirksam. EU-Vertragsverletzungsquote weiter erhöht. Zunehmender Druck zur Beitritts-Konditionalitätslogik.
- Direkte EU-Strafen 2026–2040: 500–1.300 Mio €
- EU-Fördermittelwegfall: 600–1.300 Mio €
- Effizienzgewinne nicht realisiert: 1.800–3.500 Mio €
- Wartungsinflation Legacy-IT: 3.000–6.500 Mio €
- Standort-Verlust: 1.500–4.500 Mio €
- Demografie-Lücke nicht digital geschlossen: 1.000–3.000 Mio €
Konvergenz mit Annex G / I
Die 15-Jahres-Bandbreite von 8,4 bis 20,1 Mrd Euro ist deckungsgleich mit der Annex-I-Aussage von „8–20 Mrd Euro Delta Nicht-Handeln vs. Handeln". Dieses Annex bricht den Annex-I-Wert in konkrete, primärquellenbelegte Komponenten herunter.
Damit ist die Behauptung „Nicht-Handeln ist teurer" nicht mehr eine Schätzung, sondern eine durchgerechnete Position. Wer sie bestreitet, muss in einer der sechs Komponenten konkret bessere Zahlen vorlegen.
§ R.7 · Polen und UngarnWas passiert, wenn man weiter nicht reagiert.
Österreich ist nicht Polen oder Ungarn. Aber die EU-Sanktionslogik wird, einmal eingespielt, auf alle Mitgliedstaaten angewandt.
Polen — Justizreform-Streit
Im Streit um die polnische Justizreform (2017–2023) sperrte die EU schrittweise Recovery-Plan-Mittel. Auflaufende RRF-Mittel im Volumen von ca. 35 Mrd Euro waren zeitweise gesperrt; nach Reformumkehr 2023/24 freigegeben. Ständige Zwangsgelder nach Art. 279 AEUV: 1 Mio € pro Tag (höchster jemals verhängter Tagessatz).
Beschluss des EuGH-Vizepräsidenten vom 27. Oktober 2021 (Rechtssache C-204/21 R) verhängte gegen Polen 1 Mio € pro Tag wegen Nichteinhaltung einer einstweiligen Anordnung. Akkumuliert über mehrere Monate: ~ 500 Mio €.
Ungarn — Rechtsstaatskonditionalität
Ungarn verlor 2022/23 RRF-Mittel im Volumen von 22 Mrd Euro durch die EU-Rechtsstaatskonditionalitätsverordnung. Erst nach Reformschritten wurden Teile freigegeben.
Was das für Österreich bedeutet
Drei Lehren aus den Polen/Ungarn-Fällen — auch wenn Österreich nicht in dieser Kategorie ist:
- Die EU ist bereit zur Eskalation. Tagessätze von 1 Mio Euro sind kein theoretischer Wert mehr.
- Mittelsperren funktionieren. Die EU hat das Instrument getestet und politisch durchgesetzt — bei größeren Mitgliedstaaten als Österreich.
- Reformdruck wirkt. Polen und Ungarn haben in unterschiedlichem Tempo reagiert, aber beide reagiert. Wer dauerhaft blockiert, verliert Mittel und Vertrauen.
Österreich ist nicht in dieser Liga. Aber die Sanktionsinstrumente, die für Polen/Ungarn entwickelt wurden, sind jetzt verfügbar — und werden eines Tages auch für IT-Vertragsverletzungen angewandt werden. Vorab handeln ist günstiger als nachträglich reagieren.
Die EU lernt schnell zu eskalieren. Mitgliedstaaten sollten schneller lernen zu reformieren.
§ R.8 · GesamtbildWas Nicht-Reform wirklich kostet.
Eine Zahl. Eine Bandbreite. Eine Aussage, die belegbar ist.
Die Aussage
Nicht-Reform kostet Österreich über 15 Jahre 8,4 bis 20,1 Mrd Euro. Davon entfallen 1,1 bis 2,1 Mrd Euro direkt auf EU-Strafen und Mittelwegfall. Der Rest entsteht durch nicht-realisierte Effizienzgewinne, Wartungsinflation Legacy-IT, demografische Belastung, Standort-Verlust.
Die Belegkette
- EU-Strafrahmen: Eur-Lex 2026/1653 — primärquellenbelegt
- Verfahrenslage: parlamentarische Anfragebeantwortung XXVIII. GP — primärquellenbelegt
- NIS-2, AI Act, EUDI, SDG: EU-Verordnungen mit datierten Inkrafttretens-Terminen — primärquellenbelegt
- Wartungsinflation, Demografie: Annex G und Annex I, mit eigenen Quellenketten
- Polen/Ungarn-Fälle als Eskalationsszenario — primärquellenbelegt
Was Reform kostet (zum Vergleich, aus Annex G)
- Investition + Migration: 1,9–3,1 Mrd € über 6 Jahre
- Break-Even ab Jahr 7: 0,5–1,3 Mrd € jährliche Einsparung
- Netto über 15 Jahre Reform-Variante: plus 1,4–4,5 Mrd € (Einsparung)
Die Delta-Rechnung
Reform-Variante netto: +1,4 bis +4,5 Mrd € (Einsparung über 15 Jahre)
Nicht-Reform-Variante netto: −8,4 bis −20,1 Mrd € (Kosten über 15 Jahre)
Delta zwischen Reform und Nicht-Reform: 9,8 bis 24,6 Mrd Euro über 15 Jahre.
Bei einer Bevölkerung von 9,2 Mio Menschen sind das pro Kopf 1.065 bis 2.674 Euro über 15 Jahre. Pro Haushalt von 2,2 Personen (Statistik Austria 2024): 2.340 bis 5.880 Euro.
Wer politisch behauptet, „die Reform ist zu teuer", schickt diese Beträge an jeden österreichischen Haushalt — als zukünftige Steuerlast. Das ist nicht Rhetorik, das ist Arithmetik.
§ R.9 · GrenzenWas diese Bezifferung nicht leistet.
Grenze 1 — Multiplikator-Schätzungen sind Mittelwerte
Der konkrete Multiplikator pro Verfahren wird von der EU-Kommission im Einzelfall festgelegt. Wir haben Mittelwerte aus historischen Vergleichsfällen geschätzt. Die tatsächlichen Werte können 30–50 % höher oder niedriger liegen. Die Bandbreite in Sektion R.6 reflektiert das.
Grenze 2 — Mittelwegfall ist Wahrscheinlichkeitsrechnung
EU-Mittel werden nicht automatisch bei jeder Vertragsverletzung gesperrt. Es braucht politische Eskalation oder konkrete Konditionalitätsbescheide. Unsere Schätzung 200–400 Mio € basiert auf Annahmen über die politische Verschärfung der EU-Compliance-Logik bis 2030. Diese Annahmen sind plausibel, aber nicht determiniert.
Grenze 3 — Wir können neue EU-Pflichten nicht voraussehen
Bis 2040 werden weitere EU-Verordnungen kommen, die wir heute nicht kennen. Die Bandbreite unterschätzt diese unbekannten Pflichten eher, als sie zu überschätzen. Sie ist also konservativ.
Grenze 4 — Sektor-Verschiebung könnte das Bild ändern
Wenn die EU bis 2030 ihren Fokus von IT- auf Klimakompetenz verlagert (oder umgekehrt), würden die Verfahrensschwerpunkte sich verschieben. Unsere Rechnung geht von der aktuellen Sektorverteilung aus.
Grenze 5 — Inflation und Wechselkurseffekte sind nicht modelliert
Die EU-Mitteilung 2026 enthält die Strafrahmen in nominaler Euro-Größe. Über 15 Jahre würde Inflation die realen Werte verändern. Wir rechnen in heutigen Euro — die realen Belastungen können dadurch in beide Richtungen abweichen.
Grenze 6 — Soft-Faktoren sind unterbewertet
Reputationsschaden, Standort-Attraktivität, Vertrauen in den Staat — alles in unserer Rechnung mit konservativen Werten angesetzt. Die realen Effekte könnten ein Mehrfaches betragen. Wir wollten unangreifbar bleiben, nicht maximal überzeugen.
Wer die EU-Compliance-Kosten von 1,1–2,1 Mrd Euro über 15 Jahre für überschätzt hält, soll die bessere Rechnung vorlegen. Wir warten.