ANNEX S · ID- und Login-Fragmentierungs-Inventur Digitales Amt Österreich · v1.0 · September 2026
Annex S · Fragmentierungs-Inventur · v1.0 · September 2026

Jede Institution kocht
ihren eigenen Kaffee.

Österreich hat eine der besten E-Government-Rechtsgrundlagen Europas (E-GovG 2004, ff.) und mit ID Austria seit Ende 2023 ein produktives nationales digitales Identitäts­system. Trotzdem trägt jede natürliche Person über 30 Kennungen. Trotzdem muss sie bis zu 50 verschiedene Portale und Logins kennen. Trotzdem betreibt jedes Bundesland ein eigenes E-Government-Ökosystem, jede Sozialversicherung ihre eigene App, jede Behörde ihr eigenes Formularserver-System. Dieses Annex inventarisiert die Fragmentierung — als Grundlage für ihre systematische Konsolidierung.

Annex
S — Fragmentierungs-Inventur
Funktion
Empirische Grundlage für Annex F (Architektur)
Adressaten
Konsolidierungs-Planung, IT-Verantwortliche Bund/Länder, Datenschutzbehörde
Lesezeit
~ 40 Min
Verifikationstiefe
alle Kennungen mit Rechts- oder Portal-Quelle
Stand
September 2026 (ID Austria 4,8 Mio Nutzer, Dez 2025)
Lizenz
CC BY-SA 4.0
Status
v1.0 — Bestandsaufnahme belegbar

§ S.0 · VorbemerkungWas „Fragmentierung" hier bedeutet.

Nicht: „Österreich hat keine Digitalisierung." Sondern: „Österreich hat mehrere Digitalisierungen nebeneinander, die einander nur teilweise kennen."

Diese Inventur macht drei Fragmentierungs-Ebenen sichtbar, die im politischen Diskurs oft verwechselt werden:

  1. Kennungs-Fragmentierung. Wie viele verschiedene Nummern trägt eine Person, weil jeder Verwaltungsbereich sein eigenes Ableitungs- oder Registrierungs­system betreibt.
  2. Login-Fragmentierung. Wie viele verschiedene Anmelde­wege (Zugangs­kennungen, Signatur­verfahren, App-Registrierungen) sind aktiv, obwohl sie technisch konsolidiert werden könnten.
  3. Portal-Fragmentierung. Wie viele separate Web-Oberflächen und Apps müssen aufgesucht werden, um die volle Bandbreite an Verwaltungs­interaktionen abzuwickeln.

Diese drei Ebenen entstehen aus unterschiedlichen Gründen und lassen sich unterschiedlich lösen. Sie in einem Atemzug zu vermengen, verhindert präzise Diskussion. Die Trennung ist die erste Voraussetzung für gezielte Konsolidierung.

Diese Inventur ist bewusst neutral gehalten. Sie kritisiert keine einzelne Institution und keine einzelne Wahl in der Vergangenheit. Jeder der hier dokumentierten Bausteine ist in seinem eigenen Kontext legitim entstanden — als Antwort auf eine konkrete Anforderung, in einem konkreten Zuständigkeits­rahmen, mit einem konkreten Budget. Das Problem ist nicht die Existenz der einzelnen Bausteine, sondern das Fehlen einer Konsolidierungs-Instanz mit Durchgriff.

Die Fragmentierung ist keine Folge von Inkompetenz. Sie ist die Folge von Zuständigkeits­grenzen, die schneller entstehen als sie überwunden werden.

Die vier zentralen Zahlen

Personenkennungen
30+
Verschiedene Nummern, die eine erwachsene Person mit Wohnsitz in Österreich strukturell trägt oder tragen kann.
Separate Logins
50+
Portale und Systeme mit eigener Authentifizierung, die im Verlauf eines durchschnittlichen Erwachsenen-Lebens relevant werden können.
Bundesland-Systeme
9
Landes-E-Government-Ökosysteme mit teils gemeinsamen (AFS-Formularserver), teils eigenen Portalen und Apps.
Sozialversicherungs-Apps
4
MeineSV, Meine ÖGK, MeineBVAEB, svsGO — je nach Versicherungsträger andere App, gleiches Grundproblem.

§ S.1 · Kennungs-LandschaftÜber 30 Personennummern.

Das E-Government-Gesetz von 2004 hat mit der bPK-Architektur ein datenschutzrechtlich fortschrittliches System geschaffen — und damit gleichzeitig die Fragmentierung institutionalisiert.

Die österreichische Kennungs-Architektur folgt einem konsequenten Prinzip: keine übergreifende Personenkennung, sondern für jeden Verwaltungs­bereich eine eigene, kryptographisch abgeleitete Kennung. Das schützt vor bereichsübergreifender Zusammenführung von Daten — und produziert die Fragmentierung, die diese Inventur beschreibt.

Zentrale technische Kennungen

Basis · ZMR-Zahl

Zentrales Melderegister-Zahl (ZMR-Zahl)

Eindeutige Nummer für jede in Österreich meldepflichtige Person im Zentralen Melderegister (§ 16 MeldeG). Verwaltet vom Bundesministerium für Inneres. Grundlage aller weiteren Ableitungen.

Quelle: § 16 Meldegesetz · verwaltet BMI
Basis · Stammzahl

Stammzahl (§ 6 E-GovG)

Kryptographische Ableitung der ZMR-Zahl. Nur bei der Stammzahlenregister­behörde (Bundeskanzleramt, operativ BMI) rückrechenbar. Darf von Behörden nicht dauerhaft im Klartext gespeichert werden. Wird zur Bildung aller bPK verwendet.

Quelle: § 6 E-Government-Gesetz · Stammzahlenregister­behörde BKA/BMI
bPK · bereichsspezifisch

Bereichsspezifisches Personenkennzeichen (bPK)

Für jeden Verwaltungs­bereich eine eigene kryptographische Ableitung aus der Stammzahl. Nach der E-Government-Bereichs­abgrenzungs­verordnung (BGBl. II Nr. 289/2004) existieren rund 25 aktive Bereichskürzel — jeweils eigenes bPK pro Person und Bereich. Häufig verwendete Bereiche: SA (Sozialversicherung/Arbeit), FN (Finanzen), BF (Bildung/Forschung), GH (Gesundheit), ZP (Zivil- und Personenrecht), SV (Steuern und Verwaltung), VR (Vereine), WT (Wirtschaftstreuhänder), GS (Gebühren/Sonstige) u. v. a.

Ergebnis: Eine Person hat für Finanzamt, Sozialversicherung, Schule, Standesamt und Vereinsregister jeweils eine andere Kennung. Zusammenführung ist absichtlich nur mit Verwaltungs­aufwand möglich (vbPK).

Quelle: § 9 E-GovG · E-Gov-BerAbgrV BGBl. II Nr. 289/2004 · BKA Stammzahlenregister
Legacy · SVNR

Sozialversicherungs­nummer (SVNR)

10-stellige Nummer (§ 31 Abs. 4 Z 1 ASVG). Seit ihrer Einführung faktisches „Personenkennzeichen", obwohl datenschutzrechtlich problematisch. Der Datenschutzrat empfiehlt seit 2010 den Verzicht auf die SVNR außerhalb des Sozialversicherungs­bereichs, in der Praxis bleibt sie das am weitesten verbreitete Identifikations­merkmal in österreichischen Formularen.

Quelle: § 31 ASVG · Datenschutzrat Stellungnahme GZ BKA-817.246/0004-DSR/2010

Steuerliche und wirtschaftliche Kennungen

Finanz · Steuernummer

Steuernummer (StNr)

Vom Finanzamt vergebene Nummer für natürliche und juristische Personen mit steuerlicher Anknüpfung. Eigenständige Kennung, nicht identisch mit SVNR oder bPK. Wird in FinanzOnline sichtbar und für alle steuerlichen Verfahren verwendet.

Finanz · UID

Umsatzsteuer-Identifikations­nummer (UID)

Format ATU + 8 Ziffern. Wird bei umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen vergeben und für innergemeinschaftliche Lieferungen verwendet. Eigene Nummer neben Steuernummer und Firmenbuchnummer.

Wirtschaft · Firmenbuch

Firmenbuchnummer (FBN)

Vom zuständigen Firmenbuchgericht vergebene Nummer für protokollierte Unternehmen. Format: mehrstellige Zahl mit Prüfbuchstabe. Eigene Kennung, unabhängig von UID oder Steuernummer.

Wirtschaft · GLN

Global Location Number (GLN)

13-stellige internationale Standort-Kennung, die im österreichischen e-Rechnungs-Verkehr (an Bundes­dienststellen verpflichtend) benötigt wird. Eigene Nummer, muss separat beantragt werden.

Wirtschaft · Vereinsregister

Zentrales Vereinsregister-Nummer (ZVR-Zahl)

9-stellige Nummer für jeden Verein. Vom Bundes­ministerium für Inneres verwaltet. Für Vereins­funktionäre relevante zusätzliche Kennung neben ihrer eigenen SVNR/bPK.

Personen-Dokumenten-Kennungen

Dokument · Reisepass

Reisepass-Nummer

Format „P" + 7 Ziffern. Wird bei jeder Neuausstellung neu vergeben. Nicht personenbezogen konstant.

Dokument · Personalausweis

Personalausweis-Nummer

Ähnlich der Reisepass-Nummer, aber getrenntes Vergabe­system. Wird bei Neuausstellung neu vergeben.

Dokument · Führerschein

Führerschein-Nummer

Vom Zentralen Führerschein­register (BMI) vergebene Nummer. Auf Führerschein-Karte und im digitalen Führerschein (eAusweis-App via ID Austria) verwendet.

Dokument · Zulassungsschein

Fahrzeug-Zulassungsnummer

Kfz-Kennzeichen und interne Zulassungs-Registrierungsnummer. Getrenntes System, verwaltet über die Zulassungs­stellen der jeweiligen Versicherer.

Gesundheits-, Bildungs- und Sonstige Kennungen

Gesundheit · e-card

e-card-Nummer und Kartenfolge­nummer

10-stellige e-card-Nummer plus laufende Kartenfolge­nummer. Bei jeder Neuausstellung ändert sich die Folgenummer. Für ELGA (elektronische Gesundheitsakte) zusätzlich eigene Nutzer­kennung, obwohl auf ID Austria basierend.

Gesundheit · ELGA

ELGA-Widerspruch-Kennung

ELGA nutzt intern das bPK-GH (Gesundheit) für die Zuordnung. Für Widerspruchs­verwaltung existiert ein eigener Portal-Zugang und eigenes Nutzer­konto.

Bildung · Matrikelnummer

Universitäts-Matrikelnummer

Von jeder Universität separat vergebene 7-stellige Nummer. Wer an mehreren Universitäten studiert oder studierte, hat mehrere Matrikelnummern. Zusätzlich existiert die Studierenden­sozialversicherungs-Zuordnung, die eigene ID-Struktur nutzt.

Bildung · bPK-BF

bPK Bildung/Forschung (bPK-BF)

Für die Bildungs­dokumentation (Schulwesen, Universitäten) wurde ab 2020 die schritt­weise Ablöse der SVNR durch bPK-BF beschlossen. Umsetzung läuft, aber uneinheitlich zwischen Bundes­schulen, Landes­schulen, Universitäten, Erwachsenen­bildung.

Quelle: Bildungsdokumentations­gesetz 2020 · RIS
Verwaltung · GZ

Geschäftszahlen der Behörden

Jede Behörde vergibt für ihre Verfahren eigene Geschäftszahlen mit eigener Struktur. Bei einem Verfahren beim Bundes­amt für Fremdenwesen und Asyl (BFA), beim BFG (Bundes­finanzgericht) und beim VwGH bekommt derselbe Sachverhalt drei verschiedene Geschäftszahlen.

Wirtschaft · Dienstgeberkontonummer

Dienstgeberkontonummer (DGKN)

Von der ÖGK vergebene Nummer für Dienstgeber, unter der die Sozial­versicherungs­beiträge abgerechnet werden. Bei Wechsel der Rechtsform oder Zusammenlegung entstehen neue DGKN.

Was ergibt die Zählung

Wer alle strukturell möglichen Kennungen aufzählt, kommt für eine erwachsene, erwerbstätige, in Österreich meldepflichtige Person mit KFZ und Krankenversicherung auf mindestens:

KategorieAnzahl typische Kennungen
Basis-Register (ZMR, Stammzahl)2
bPK je Verwaltungsbereich (aktiv genutzt)10–15
Steuer- und wirtschaftliche Kennungen2–4
Sozialversicherungs-Kennungen (SVNR, e-card, Folge)3
Dokumenten-Kennungen (Pass, Ausweis, Führerschein, Kfz)4
Bildungs-Kennungen (Matrikel, bPK-BF, ggf. mehrere Unis)2–5
Sonstige (GZ, Vereinsregister, Behörden-interne)5–10
Summe strukturell möglich28–43

Für eine durchschnittliche erwachsene Person liegt die reale Zahl bei etwa 30. Für eine Person mit Selbständigkeit, mehreren Universitäts­abschlüssen, Vereinstätigkeit und mehreren Kfz kann sie 45+ erreichen.

§ S.2 · Login-LandschaftÜber 50 separate Zugänge.

Die Kennungen sind das Eine — die Zugangs­verfahren sind das Andere. Nicht jede Kennung entspricht einem Login. Aber die Login-Fragmentierung ist mindestens so hoch wie die Kennungs-Fragmentierung, und sie ist für die Alltags­wahrnehmung entscheidender.

Zentrale nationale Login-Systeme

National · ID Austria

ID Austria

Nationales digitales Identitäts­system, seit 5. Dezember 2023 als Nachfolger der Handy-Signatur produktiv. Stand Dezember 2025: rund 4,8 Mio Nutzer:innen. Zwei Ausbaustufen: Basisfunktion (Sozialversicherungs-Anmeldung) und Vollversion (Behörden­gang erforderlich). Rund 2/3 der 2.100 Gemeinden fungieren als Registrierungs­stellen. Ermöglicht Zugang zu „über 400 Diensten" nach BMF-Angabe (2023).

Quelle: BMF, ID Austria FAQ · VIENNA.AT 15.12.2025 · id-austria.gv.at
National · Handy-Signatur

Handy-Signatur (Legacy, migriert)

Vor-System der ID Austria, seit 5. Dezember 2023 abgelöst. Zum Zeitpunkt der Ablöse aktive Kennungen: 3 Mio+. Migration lief automatisiert. Historisch relevant, weil viele Verfahren und Portale seit über 15 Jahren auf Handy-Signatur ausgelegt waren.

Quelle: BMF-Pressemitteilung Dez 2023
National · Bürgerkarte

Bürgerkarten-Funktion (e-card, Chipkarte)

Auf e-card oder Chip-Ausweisen aktivierbare Bürger­karten­funktion. Konzeptionell die älteste Ausprägung des staatlichen elektronischen Identitäts­nachweises, technologisch überholt, aber juristisch weiter vorgesehen.

National · EU-Login

EU-Login

Alternative Authentifizierungs­möglichkeit an österreichischen Portalen (FinanzOnline, USP), gesetzlich vorgesehen. Nutzt EU-Kommissions-Infrastruktur, nicht identisch mit ID Austria.

National · EUDI-Wallet

EUDI-Wallet (2026)

Aus eIDAS 2.0 (Verordnung (EU) 2024/1183) resultierendes zusätzliches Wallet-Verfahren. Österreich muss bis Ende 2026 Akzeptanz der EUDI-Wallet sicherstellen. Damit tritt ein weiteres nationales/EU-weites Login-System hinzu, das mit ID Austria interoperieren muss.

Quelle: Verordnung (EU) 2024/1183

Portal-eigene Login-Verfahren

Portal · FinanzOnline

FinanzOnline-Kennung

Eigenes Zugangsverfahren mit Teilnehmer-Identifikation, Benutzer-Identifikation und PIN. Seit 1. Oktober 2025 verpflichtende 2-Faktor-Authentifizierung. Weiterhin parallel zur ID Austria nutzbar; USP-Login mit FinanzOnline-Kennung wird ausgephast, ohne datiertes Enddatum.

Quelle: BMF, FinanzOnline-Verordnung 2006 · Aktualisierung Jänner 2026
Portal · USP

USP-Zugangskennung (dreiteilig)

Dreiteilige Kennung für Unternehmens­serviceportal. Verwaltet über USP-Administrator-Rolle je Unternehmen. Für Einzelunternehmen und Einpersonen­gesellschaften anders geregelt als für größere Rechtsformen. Login mit ID Austria möglich, aber USP-eigene Kennung bleibt parallel bestehen.

Quelle: usp.gv.at, Anmeldungs-Hilfe
Portal · MeineSV

MeineSV-Zugang

Sozialversicherungs­portal für Versicherungsdaten. Zugang mit ID Austria oder (historisch) Bürgerkarte/Handy-Signatur. Eigenes Portal-Konto neben ID Austria.

Quelle: sozialversicherung.at · meinesv.at
Portal · Meine ÖGK

Meine ÖGK

Eigenes Portal + App der Österreichischen Gesundheitskasse. Nur für ÖGK-Versicherte. Login mit ID Austria. Bietet einige Services, die in MeineSV nicht enthalten sind (z. B. Rezeptgebühren-Konto, ÖGK-spezifische Anträge).

Portal · MeineBVAEB

MeineBVAEB

Eigenes Portal + App der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau. Für BVAEB-Versicherte (öffentlicher Dienst, ÖBB, u. a.). Wieder eigenes Login-Konto.

Portal · svsGO

svsGO

Eigenes Portal + App der Sozial­versicherungs­anstalt der Selbständigen (SVS). Für Selbständige, Gewerbetreibende, Bauern. Wieder eigenes Login-Konto, das parallel zu MeineSV existiert.

Portal · ELGA

ELGA-Portal

Elektronische Gesundheitsakte. Zugang über ID Austria, aber eigenes Portal (gesundheit.gv.at/elga-portal) mit eigenen Berechtigungen. Widerspruchs­verwaltung separat.

Portal · ELDA

ELDA (elektronischer Datenaustausch mit Sozial­versicherung)

Für Dienstgeber, Steuerberater und Sozialversicherungs­dienstleister. Eigenes System der Sozialversicherung, eigene Berechtigungs­verwaltung. Zugang seit ID-Austria-Migration nur mit ID Austria möglich, aber ELDA-eigene Berechtigungen bleiben.

Portal · WEBEKU

WEBEKU (Beitrags­konto Sozialversicherung)

Dienstgeber-Zugang zum Beitragskonto der ÖGK. Eigenes Portal, eigene Berechtigungen für Dienstgeber und deren Vertreter.

Portal · eAMS

eAMS-Konto

Portal des Arbeitsmarkt­service. Für Arbeitsuchende (Meldung, Statusprüfung), Dienstgeber (Stellenangebote, Kurzarbeit), Kursanbieter. Getrennte Berechtigungen. Zugang über ID Austria.

Portal · e-Zustellung

Elektronische Zustellung („MeinPostkorb")

Zentrale Zustellung behördlicher Schriftstücke. Für Unternehmen seit einigen Jahren verpflichtend. Eigenes Portal-System, das über ID Austria angesteuert wird, aber e-Zustellungs-Registrierung ist zusätzlich erforderlich.

Weitere Login-Systeme im Verwaltungs- und halb-öffentlichen Bereich

Die folgenden Systeme haben jeweils eigene Zugangs­verfahren, teils mit, teils ohne ID-Austria-Anbindung:

Zählung

Ein erwachsener Mensch mit Wohnsitz in Österreich, in einem Angestellten- oder Selbständigen­verhältnis, mit Kfz, Krankenversicherung und irgendwann in seinem Leben einer Universitäts­einschreibung, kommt strukturell auf:

KategorieAnzahl typische Logins
Nationale Basis-Systeme (ID Austria, EU-Login, EUDI-Wallet)2–3
Steuer- und Wirtschafts-Portale (FinanzOnline, USP, ggf. beide getrennt)1–3
Sozialversicherungs-Portale (MeineSV, Meine ÖGK/BVAEB/svs, ELGA)3–5
Weitere hoheitliche Portale (eAMS, e-Zustellung, ELDA, WEBEKU u. a.)3–6
Bundesland-Portale (nach Wohnsitz-Bundesland und ggf. Landeswechsel)1–4
Kommunale Portale (Wien, Graz, Linz u. a. mit eigenen Systemen)1–3
Universitäts-Portale (aktive + historische Immatrikulationen)1–4
Halb-öffentliche und Aufsichts-Portale (Notariat, Register, ZWR u. a.)0–8
Landes-spezifische Fachportale (Wohnbauförderung, Umwelt, Landwirtschaft)1–4
Digital-Amt-App und Frontend-Instanzen1–3
Katastrophen-, Sonder- und einmalige Registrierungen2–6
Summe strukturell möglich16–49

Für den durchschnittlichen Fall — Erwerbsleben, Familienphase, KFZ, Krankheiten, ggf. Selbständigkeit oder Umzug in ein anderes Bundesland — liegt die reale Zahl aktiv relevanter Logins bei etwa 25–35. Für Selbständige mit mehreren Geschäftszweigen und Vereins­tätigkeit werden die 50+ erreicht, die im Titel dieses Annex stehen.

Der Wert „50+" ist keine willkürliche Marketing-Zahl, sondern die dokumentierbare Obergrenze bei vollständiger Erfassung aller strukturell möglichen Zugänge. Der Alltags-Median liegt niedriger.

§ S.3 · Portal-LandschaftWas jede Person kennen muss.

Über die Kennungen und Logins hinweg entsteht die eigentliche Belastung: die kognitive Karte, wo welcher Amtsweg zu finden ist.

Die nachfolgende Liste zeigt die Portale, die für das erwachsene Leben in Österreich relevant sind — mit ihrer jeweiligen Zuständigkeit und Trägerschaft. Sie ist nicht erschöpfend, aber vollständig genug für den Alltags-Median.

PortalTrägerZweck
oesterreich.gv.atBKA / BMDWBürger:innen-Einstiegsportal, Amtsservices allgemein
id-austria.gv.atBMI / BMFID-Austria-Verwaltung, App-Aktivierung
digital.austria.gv.atBKAInfo-Portal E-Government-Strategie
finanzonline.bmf.gv.atBMFSteuerangelegenheiten, Arbeitnehmer­veranlagung, Unternehmen
usp.gv.atBMF / BMAWUnternehmens­serviceportal, One-Stop-Shop Wirtschaft
sozialversicherung.at (MeineSV)Dachverband SVVersicherungsdaten übergreifend
meine.oegk.atÖGKÖGK-Versicherte, Anträge, Bewilligungen
meinebvaeb.atBVAEBöffentlich Bedienstete, Eisenbahn, Bergbau
svsgo.atSVSSelbständige, Gewerbetreibende, Bauern
chipkarte.atDachverband SV / SVCe-card-Verwaltung
gesundheit.gv.at/elga-portalELGA GmbHElektronische Gesundheitsakte, Widerspruch
ams.at / eAMS-KontoAMSArbeitsmarkt­service, Meldung, Kurzarbeit
bmf.gv.atBMFMinisterium, Formulare, allgemeine Info
brz.gv.atBRZ GmbHRechenzentrums-Dienste des Bundes, teilweise für Fachanwender:innen
ris.bka.gv.atBKARechtsinformations­system, Bundes- und Landesrecht
justizonline.gv.atBMJJustiz-Zugangsportal (Elektronischer Rechtsverkehr, Anmerkungen)
wien.gv.at + mein.wien.gv.atStadt WienWien-spezifische Verwaltungs­services
graz.at / mein.graz.atStadt GrazGraz-spezifische Services
linz.at / mein.linz.atStadt LinzLinz-spezifische Services
e-government.steiermark.atLand SteiermarkSteiermark-Formularserver AFS
wien.gv.at/Amt-elektronischLand WienWiener Landes-Amtsservices (getrennt vom AFS-Verbund)
noel.gv.atLand NÖNiederösterreich, eigenes System (nicht AFS)
vorarlberg.atLand VorarlbergVorarlberg, eigenes System
tirol.gv.atLand TirolTirol, eigenes System
start.stmk.gv.atLand SteiermarkStart-Portal Steiermark (Bürger:innen)
e-government.ktn.gv.atLand KärntenKärnten (im AFS-Verbund)
land-oberoesterreich.gv.atLand OÖOberösterreich (im AFS-Verbund)
land-salzburg.gv.atLand SalzburgSalzburg (im AFS-Verbund)
burgenland.atLand BurgenlandBurgenland (im AFS-Verbund)
firmenbuch.at + justiz-PortaleBMJFirmenbuch-Auszug, Änderungen
Grundbuch (grundbuch.gv.at)BMJGrundbuch-Auszug, Eintragungen

Zusätzlich für viele Menschen: Universitäts-Portale, Studien­beihilfen (studienbeihilfe.at), Familien­beihilfe-Rechner, ÖSTAT-Meldungen für Selbständige, u. v. a.

§ S.4 · BundesländerNeun eigene Ökosysteme.

Die föderale Struktur Österreichs wirkt sich in der Verwaltungs-IT unmittelbar aus. Nicht negativ per se — aber sichtbar.

Die Bundesländer haben ihre Landes­verwaltungs-IT teils gemeinsam (AFS-Verbund), teils vollständig getrennt aufgebaut. Der AFS-Formularserver („Amtliches Formular Service") ist ein Kooperations­projekt, dem sich die Länder Burgenland, Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und Steiermark angeschlossen haben. Niederösterreich, Wien, Tirol und Vorarlberg betreiben eigene Systeme.

Wien

  • mein.wien.gv.at
  • wien.gv.at/amtselektronisch
  • eigene MA-Portale (Meldeservice, Wohnen)
  • WIENER LINIEN-Konto
  • Wiener Wohnen-Portal
Portale: 5–8 · eigenes System

Niederösterreich

  • noel.gv.at
  • e-Government NÖ eigenständig
  • Bürgerkonto Land NÖ
  • Katastrophenwarn-System NÖ
Portale: 4–6 · eigenes System

Oberösterreich

  • land-oberoesterreich.gv.at
  • AFS-Verbund (Steiermark)
  • DORIS Landes­geografisches Info-System
  • Wohnbauförderungs-Portal OÖ
Portale: 4–6 · AFS-Verbund + eigene

Steiermark

  • start.stmk.gv.at (Bürger:innen)
  • e-government.steiermark.at
  • AFS-Formularserver (führt Verbund)
  • Land Steiermark App
Portale: 4–6 · führt AFS-Verbund

Salzburg

  • land-salzburg.gv.at
  • AFS-Verbund
  • SAGIS Salzburger geografisches Info-System
  • Wohnbauförderungs-Portal Salzburg
Portale: 4–6 · AFS-Verbund + eigene

Tirol

  • tirol.gv.at
  • eigenes E-Government Land Tirol
  • tiris Tiroler Rauminfo-System
  • Wohnbauförderungs-Portal Tirol
Portale: 4–6 · eigenes System

Vorarlberg

  • vorarlberg.at
  • eigenes Land-Portal-System
  • vogis Vorarlberger geografisches Info-System
  • Wohnbauförderungs-Portal Vorarlberg
Portale: 4–5 · eigenes System

Kärnten

  • e-government.ktn.gv.at
  • ktn.gv.at
  • AFS-Verbund
  • KAGIS geografisches Info-System
Portale: 4–6 · AFS-Verbund + eigene

Burgenland

  • burgenland.at
  • AFS-Verbund
  • eigenes Bürger:innen-Portal
  • Wohnbauförderung-Portal
Portale: 3–5 · AFS-Verbund + eigene

Was das für den Umzug bedeutet

Eine Person, die von Wien nach Salzburg umzieht, wechselt nicht nur Melde­gemeinde, sondern das gesamte Landes-E-Government-Ökosystem. Wohnbauförderung, Kinder­betreuungs-Anmeldung, Umweltförderung, kommunale Abfall-Regelungen, Wasserwirtschaft — alles über andere Portale mit teils anderen Anmelde­verfahren. Das gilt strukturell für alle inner­österreichischen Umzüge über Landes­grenzen hinweg.

Die föderale Zuständigkeit ist verfassungsrechtlich gesichert (Art. 15 B-VG). Die Konsolidierungs-Frage ist nicht, ob die Länder ihre Kompetenzen behalten, sondern ob sie einen gemeinsamen technischen Layer nutzen — analog zu FinanzOnline, das trotz föderaler Zuständigkeits­schnittstellen zentral funktioniert.

§ S.5 · Sozial­versicherungVier Apps für ein System.

Der Dachverband der Sozialversicherungs­träger konsolidiert die Träger seit Jahrzehnten. Die App-Landschaft folgt dieser Konsolidierung nicht.

Aktueller Stand (September 2026):

App / PortalTrägerZielgruppeDigitale e-card
MeineSV Dachverband SV / SVC alle Versicherten, übergreifend ja
Meine ÖGK ÖGK nur ÖGK-Versicherte (~7,3 Mio) ja
MeineBVAEB BVAEB nur BVAEB-Versicherte (öffentl. Dienst, ÖBB, ~800.000) ja
svsGO SVS nur SVS-Versicherte (Selbständige, ~800.000) ja

Vier Apps, die dieselbe Grundfunktion (digitale e-card, Versicherungsdaten, Rechnungs­einreichung) unterschiedlich stark ausgeprägt implementieren. Wer Beruf oder Erwerbsstatus wechselt (Angestellte:r wird selbständig, Selbständige:r wird angestellt, angestellt bei ÖGK-Betrieb, dann bei ÖBB), muss die Apps wechseln oder mehrere parallel führen.

Der Rezensions-Auszug aus Apple App Store zur Meine-ÖGK-App im Recherche­material verdient direkte Wiedergabe, weil er den Wahrnehmungs­befund einer Nutzerin bündelt: „Die MeineSV ist zwar auch in Ordnung, aber vom Funktions­umfang wesentlich schlechter und von der Benutzer­oberfläche halt einfach ‚billig'. Dagegen ist die Meine ÖGK ein angenehmer Luxus." Wer in eine BVAEB-Versicherung wechselt, verliert diesen „angenehmen Luxus" und wechselt auf MeineBVAEB.

Der Dachverband arbeitet seit Jahren an einer konsolidierten „Sozialversicherungs-App-Plattform". Die vier Apps sind faktisch parallel weitergeführt worden.

Quellen: chipkarte.at · Apple App Store „Meine ÖGK" Rezensionen · sozialversicherung.at · ÖGB.at, „Digitale e-Card schrittweise am Handy nutzen" 09.04.2026

§ S.6 · Fallstudie Bürger:inWas wirklich gebraucht wird.

Um die abstrakte Zählung greifbar zu machen: der Katalog einer konkret vorstellbaren Person.

Fall A — Anna, 42, Angestellte bei ÖGK-Betrieb in Wien, verheiratet, zwei Kinder, PKW, Eigentumswohnung

Aktive Kennungen (mindestens):

  • ZMR-Zahl, Stammzahl (nicht sichtbar, aber Basis)
  • bPK-FN, bPK-SA, bPK-GH, bPK-BF (für Kinder), bPK-ZP, bPK-SV — mindestens 6 bPK aktiv
  • SVNR (10-stellig), e-card + Folgenummer, ELGA-Zugang
  • Steuernummer
  • Reisepass-Nr, Personalausweis-Nr, Führerschein-Nr
  • Kfz-Zulassungsnummer, Kfz-Kennzeichen
  • Wiener Wohnen-Kundennummer (falls Genossenschaft)
  • Bank-IBAN(s), ggf. Studien-Matrikel (historisch)

Anzahl: ~25–30 aktive Kennungen.

Aktive Portale und Apps im Jahres­verlauf:

  • oesterreich.gv.at + Digital-Amt-App (allgemeine Amtswege)
  • FinanzOnline (Arbeitnehmer­veranlagung, Familien­beihilfe)
  • MeineSV oder Meine ÖGK (Krankmeldungen, Rezepte)
  • ELGA-Portal (bei Bedarf)
  • mein.wien.gv.at (Meldung, Kinder­betreuung, Wohnen)
  • Wiener Linien-Konto (Jahreskarte)
  • Schul-Portale der Kinder (WebUntis, evtl. Sokrates-Zugriff)
  • e-Zustellung MeinPostkorb (bei behördlichen Zustellungen)
  • Kfz-Versicherungs-Portal (Vertragsverwaltung)
  • Notariat/Anwalt-Portale bei Wohnungs­kauf oder -verkauf
  • Bank-Portale (nicht öffentlich, aber alltagsprägend)
  • Grundbuchsauszug (bei Bedarf, über Anwalt/Notar)

Anzahl: ~12–18 aktive Logins pro Jahr, davon ~5 mehrmals monatlich.

Anna hat rund 27 aktive Kennungen und muss 15 Portale bedienen können — bei einem völlig unauffälligen Erwachsenen­leben.

Fall B — Bernd, 55, Wohnsitz-Wechsel von Salzburg nach Kärnten, Pensionist mit Nebenverdienst als Vereinskassier

Zusätzlich zu Fall A entstehen bei Wohnsitz-Wechsel:

  • Neue Landes-Bürger:innen-Portale (Salzburg abmelden, Kärnten anmelden)
  • Neue Wohnbau- oder Wohn­beihilfen-Anträge (Salzburg-System kennt Kärntner Situation nicht)
  • Neue kommunale Portale (Gemeinde-System Kärnten)
  • Neue Katastrophen­warn-App (KAT-Warn Kärnten statt Salzburg)
  • Neue Wasser- und Kanal-Anbieter mit eigenen Portalen

Zusätzliche Kennungen und Logins beim Umzug: ~6–10.

Ein Umzug innerhalb Österreichs verdoppelt kurzzeitig die administrative Portal-Landschaft, weil das alte System nicht sofort weggeht und das neue schrittweise dazukommt.

§ S.7 · Fallstudie Einzelunternehmer:inWas wirklich gebraucht wird.

Fall C — Clara, 38, Einzelunternehmerin (Grafik-Design), 1 Mitarbeiter (Teilzeit), Wien

Zusätzlich zu Fall A entstehen im Unternehmens­kontext:

  • Steuernummer für Einzelunternehmen (separat von privater SVNR)
  • UID-Nummer (ATU + 8 Ziffern)
  • Dienstgeber-Kontonummer (DGKN) bei ÖGK
  • USP-Zugangskennung (dreiteilig) + FinanzOnline-Kennung (Unternehmen)
  • GLN Global Location Number (für e-Rechnung an Bund)
  • ELDA-Zugang für SV-Meldungen
  • WEBEKU-Zugang für Beitragskonto
  • e-Zustellung-Verpflichtung für Unternehmen
  • Firmenbuchnummer (nur bei Protokollierung)
  • WKÖ-Mitglieds­nummer
  • Landes-Wirtschaftskammer-Zugang
  • ggf. AMS-eAMS-Konto Dienstgeber-Ansicht

Zusätzliche Kennungen und Logins: ~15–20.

Aktive Portale pro Monat:

  • FinanzOnline (Umsatzsteuer­voranmeldung, Einkommensteuer­vorauszahlung, Lohnzettel)
  • USP als Dashboard
  • WEBEKU (Beitragskonto)
  • ELDA (An-, Abmeldungen)
  • e-Rechnungs-Portal für Bundesaufträge (falls relevant)
  • e-Zustellung MeinPostkorb
  • WKÖ-Mitglieds­portal + Landes-WK-Portal
  • Bank-Portale, Versicherungs-Portale
Clara hat als Einzelunternehmerin rund 45 Kennungen und muss 20+ Portale bedienen können — bei einem Ein-Mitarbeiter-Betrieb.

Die Rechnung wird komplexer, wenn Clara Vereinstätig ist (ZVR-Zahl, Vereins-bPK), landwirtschaftliche Nebenerwerbs­tätigkeit ausübt (SVS-Zugang zusätzlich), oder mehrere Betriebsstätten in verschiedenen Bundesländern führt.

§ S.8 · Die „eigener Kaffee"-TheseStrukturelle Ursachen.

Warum sich die Fragmentierung erhält, obwohl sie seit Jahren beklagt wird.

Die Beobachtung, dass „jede Institution ihren eigenen Kaffee kocht", ist keine österreichische Besonderheit. Sie ist eine strukturelle Folge folgender Kräfte, die überall wirken, in Österreich aber besonders sichtbar werden, weil die föderale Kompetenz­verteilung sie institutionell verankert:

Ursache 1 — Zuständigkeits-Souveränität

Jede Behörde und jede öffentliche Institution ist rechtlich für ihre eigenen Prozesse zuständig. Wer Vereins­register verwaltet, entscheidet über seine ZVR-Software. Wer Zulassungs­verfahren führt, entscheidet über sein Zulassungs­system. Wer Sozial­versicherungs­träger ist, entscheidet über seine Versicherungs-App. Konsolidierung ist nicht durch Verwaltungs­struktur vorgesehen, sondern muss aktiv organisiert werden. Sie ist die Ausnahme, nicht der Standard.

Ursache 2 — Kompetenz­struktur des B-VG

Art. 10, 11, 12, 15 B-VG teilen die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern auf. Bereiche wie Gesundheits­wesen (Art. 12 B-VG, Grundsatz­gesetzgebung Bund, Ausführung Länder), Wohnbauförderung (Landessache), Kinder­gärten (Landessache) machen einen gemeinsamen technischen Layer verfassungs­rechtlich zumindest komplex. Nicht unmöglich — FinanzOnline zeigt, dass es geht — aber jedes Konsolidierungs­projekt braucht eine explizite politische Einigung.

Ursache 3 — Historische Pfadabhängigkeit

Viele der heute existierenden Portale sind vor der ID-Austria-Ära entstanden. FinanzOnline stammt aus 2003, USP aus 2010, MeineSV in Vorläufer-Formen aus den 2000er-Jahren, ELDA noch früher. Jedes System hat seine eigene Benutzerbasis, Trainings- und Support-Struktur, Vertrauensverhältnisse aufgebaut. Ablösung ist mit Migrations­kosten und Vertrauens­risiko verbunden.

Ursache 4 — Budget-Verantwortung folgt Zuständigkeit

Wer ein System betreibt, hat auch das Budget dafür. Konsolidierung würde bedeuten, dass eine Institution ihre IT-Souveränität an eine zentrale Stelle abgibt — was Budget-Verantwortung verändert, Personal-Zuordnung verändert, Machtstrukturen verändert. Solche Umstellungen sind organisatorisch schwer durchsetzbar, ohne explizite politische Priorisierung.

Ursache 5 — Datenschutz-Architektur setzt auf Trennung

Die bPK-Architektur ist bewusst so gebaut, dass Behörden Personen­daten nicht bereichsübergreifend zusammenführen können. Das ist datenschutzrechtlich richtig und wichtig. Aber es institutionalisiert die Trennung auf der Ebene, auf der die Fragmentierung wahrgenommen wird. Konsolidierung der Login-Ebene ist möglich (ID Austria zeigt das), aber die Kennungs-Ebene bleibt strukturell fragmentiert.

Die Fragmentierung ist die Nebenwirkung guter Datenschutz-Architektur, guter Föderalismus-Architektur und guter Zuständigkeits-Klarheit. Sie zu beheben, ohne diese Grundlagen zu beschädigen, ist die eigentliche Aufgabe.

§ S.9 · Warum ID Austriadie Fragmentierung nicht auflöst.

ID Austria wird oft als Lösung dargestellt. Sie ist ein wichtiger Baustein — aber nicht die Lösung der hier beschriebenen Fragmentierung.

Was ID Austria leistet:

Was ID Austria nicht leistet:

Das ist keine Kritik an ID Austria. Sie erfüllt die Aufgabe, für die sie gebaut wurde. Die Erwartung, dass ID Austria die gesamte Fragmentierungs-Problematik löst, überfrachtet sie. Konsolidierung braucht zusätzliche Instanzen und Entscheidungen.

Verfügbare Dienste — die Zählung

BMF-Angabe zum Marktstart ID Austria: „über 200 Behördenwege können online erledigt werden, über 400 Dienste stehen zur Verfügung". Diese Zahl bezieht sich auf durch ID Austria erreichbare Services. Die Gesamtzahl aller Verwaltungs­verfahren in Österreich liegt nach Annex E (Inventur) im Bereich von ~2.000+ Verfahren, wenn Bundes-, Landes-, kommunale und halb-öffentliche Verfahren zusammengezählt werden. Der Abdeckungs­grad der ID Austria liegt also aktuell bei etwa 20 % der gesamten Verwaltungs­interaktion — mit steigender Tendenz, aber weit von 100 %.

Quellen: BMF, ID Austria Pressemitteilung 05.12.2023 · digitalaustria.gv.at Services-Übersicht · Annex E (Verwaltungs-Inventur)

§ S.10 · Konsolidierungs-VorschlagVier Achsen.

Die vier Achsen, entlang derer sich die Fragmentierung ohne Zerstörung der Grundlagen reduzieren lässt.

Achse 1 — Ein Bürger:innen-Konto pro Person

Ein zentrales, ID-Austria-basiertes Bürger:innen-Konto, das die aktive Beziehung zwischen einer Person und der Verwaltung bündelt. Nicht als weiteres Portal, sondern als übergeordnetes Übersichts- und Steuerungs­instrument. Estland-Modell (eesti.ee) zeigt, dass das machbar ist. Anna aus Fall A hätte statt 15 Portale mit unterschiedlichen Oberflächen ein einziges Übersichts­portal, in dem sie ihre Daten sieht und Interaktionen anstößt. Die Fach­portale bleiben, aber sie werden aus der Sicht der Person zu Unter­schichten.

Achse 2 — Ein Unternehmens-Konto pro Rechtssubjekt

Analog zum Bürger:innen-Konto, aber für Rechtssubjekte. USP ist bereits stark in diese Richtung entwickelt. Was fehlt: Verbindliche Integration von FinanzOnline (Migration läuft), von ELDA/WEBEKU/eAMS, von der Landes-Wirtschaftskammer-Ebene. Clara aus Fall C hätte statt 20 Portale ein einziges Unternehmens-Dashboard.

Achse 3 — Bundesland-Ebene: Gemeinsamer Layer

Nicht die Zuständigkeit der Länder ändern, sondern den technischen Layer teilen. Die AFS-Kooperation (5 Länder) zeigt, dass es geht. Wien, Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg müssten sich anschließen — mit expliziter politischer Vereinbarung, dass Landes­kompetenz nicht angetastet, aber Technologie geteilt wird.

Achse 4 — Sozial­versicherung: Ein Portal, mehrere Träger im Backend

Das Front-End („Meine SV Digital") als einzige öffentliche App. Im Hintergrund unterscheiden ÖGK, BVAEB, SVS ihre Zuständigkeiten. Die versicherte Person muss nicht wissen, welcher Träger für sie zuständig ist, um die App zu benutzen.

Alle vier Achsen sind in Annex F (Architektur) im Konzept vorgesehen, aber Annex S liefert die empirische Basis, warum diese Achsen dringlich sind. Die Zahlen aus §§ S.1–S.7 sind das Argument.

§ S.11 · GrenzenWas diese Inventur nicht leistet.

Grenze 1 — Nummern-Zählung ist Rahmen, nicht Präzision

Die konkrete Zahl aktiver Kennungen einer Person variiert stark je nach Lebenssituation. Die „30+" ist ein struktureller Maximalwert für Vollständigkeits-Anspruch, kein statistisch gemessener Median. Wer den Median empirisch bestimmen möchte, müsste eine repräsentative Stichprobe befragen.

Grenze 2 — Login-Zählung erfasst nicht die Nutzungs­intensität

Ein Login, das einmal alle 5 Jahre gebraucht wird (Passamt), zählt in der Statistik genauso wie ein Login, das monatlich gebraucht wird (FinanzOnline für Selbständige). Die Belastung ist qualitativ sehr unterschiedlich.

Grenze 3 — Portal-Liste in § S.3 ist nicht erschöpfend

Die Liste enthält die für den Erwachsenen-Median wichtigsten Portale. Fachspezifische Portale (z. B. Katastrophen­abwehr, Wehrdienst, Landwirtschafts-Förderung, spezifische Gewerbe-Portale) sind nicht vollständig erfasst. Vollständige Bundes-Inventur wäre eigener Rechenschafts-Bericht.

Grenze 4 — Bewertung „gut/schlecht" wurde vermieden

Diese Inventur bewertet die Fragmentierung als strukturelle Beobachtung, nicht als moralische Frage. Für jede Fragmentierung gibt es Gründe. Ob die Gründe die Kosten aufwiegen, ist eine separate politische Diskussion, die dieses Annex nicht führt.

Grenze 5 — Aktualität — laufende Änderungen

Die Landschaft ändert sich schnell. NIS-2 (Oktober 2026), EUDI-Wallet (Ende 2026), AI Act, laufende Portal-Migrationen (FinanzOnline → USP) verändern das Bild jährlich. Diese Inventur bildet Stand September 2026 ab. Für Konsolidierungs­planung im Rahmen von Ausbaustufe 3 des Konzepts wäre eine jährliche Aktualisierung angemessen.

Grenze 6 — Nicht-Portal-Verwaltungs­kontakte fehlen

Persönliche Behörden­gänge, telefonische Anfragen, Papier-Anträge, Notariats-Verfahren, Rechtsanwalts-vermittelte Verfahren sind nicht in dieser Inventur. Sie machen aber einen wesentlichen Teil der tatsächlichen Verwaltungs­interaktion aus. Digitale Fragmentierung ist nur ein Teil der Gesamt-Verwaltungs­fragmentierung.

Diese Inventur ist eine Bestandsaufnahme, keine Wertung. Wer die Zahlen kennt, kann darüber diskutieren. Wer sie nicht kennt, redet an ihnen vorbei.