Epistemische Infrastruktur · Open Source · Thomas Schüller · Wien
Das Wissen, das wir haben, reicht. Was fehlt ist Synthese.
Die Wissenschaft fragmentiert schneller, als irgendein Mensch noch folgen kann. Der Quantenphysiker kennt seine Atome bis ins Letzte — aber nicht die Biologie, die Soziologie, das Recht. Das Wissen existiert. Es ist nicht vernetzt. EPISTEME ist ein lebendiges System, das kartiert was wir wissen, wie sicher wir sind, wo es sich berührt — und wo es sich widerspricht.
Jede wissenschaftliche Aussage ist ein Knoten. Abhängigkeiten sind Kanten. Wird Knoten A revidiert, werden alle nachgelagerten Knoten automatisch markiert. Nichts verschwindet — es bekommt eine Revisionshistorie.
02
Konfidenz-Schicht
Jeder Claim trägt einen Konfidenzwert — basierend auf Replikationsrate, Studienqualität, Konsensniveau und Aktualität. Nicht binär wahr/falsch. Graduiertes epistemisches Gewicht.
03
Widerspruchs-Detektor
Domänenübergreifende logische Konflikte werden automatisch sichtbar gemacht. Wenn quantenmechanische Nichtlokalität die klassische Kausalität herausfordert — wird diese Spannung explizit, nicht in getrennten Papers begraben.
04
Disziplin-Brücken
Explizite Verlinkungen zwischen Domänen, die normalerweise nicht miteinander sprechen. Thermodynamik → Biologie → Kognition. Informationstheorie → Soziologie. Das ist die Karte der Karten.
05
Temporales Versioning — die lebendige Schicht
Wissenschaft ist keine statische Wahrheit. Sie ist ein Prozess. Jeder Claim hat eine Zeitlinie: wann er aufgestellt wurde, wann er angezweifelt, wann revidiert, wann umgestoßen. Das System erlaubt "Zeitreisen" in jeden epistemischen Zustand der Geschichte — und zeigt, was sich heute geändert hat, und warum das für alles Verbundene relevant ist. Das ist der Regelkreis, der EPISTEME zu einem lebendigen Organismus macht, nicht zu einer Datenbank.
Aktive Widersprüche (Auswahl)
Alle 61 →
Quantenphysik⟷Klass. Kausalität
● Kritisch
Nichtlokalität vs. Lokaler Realismus — Bell-Theorem widerlegt klassische Kausalität auf fundamentaler Ebene
Bell-Ungleichungs-Verletzungen bestätigen Quantennichtlokalität. Dies untergräbt die Annahme des lokalen Realismus, die dem Großteil der klassischen Physik und dem gesunden Menschenverstand der Kausalität zugrunde liegt.
Kausale Modelle in Biologie, Neurowissenschaft und Recht setzen lokalen Realismus voraus. Diese Annahme ist faktisch widerlegt.
Schlüssel-Papers
Bell 1964 · Aspect et al. 1982 · Hensen et al. 2015 (Loophole-free) · Giustina et al. 2015
Konfidenz-Delta
Quantennichtlokalität: 97% gesichert. Implikationen für Makrowelt: 12–28% je nach Interpretationsrahmen.
Evolutionsbiologie⟷Kognitionswiss.
● Warnung
Genetischer Determinismus vs. Neuroplastizität — wie fest ist "Natur"?
Evolutionäre Standardmodelle nehmen stabile Merkmalexpression an. Neuroplastizitäts-Forschung deutet auf ZNS-Umstrukturierung hin, die feste Verhaltensvererbung infrage stellt. Epigenetik fügt eine dritte Schicht hinzu.
Brücken
Epigenetik verbindet Evolutionsbiologie und Kognitionswissenschaft — aber auch Psychiatrie, Rechtsphilosophie (Schuldfähigkeit) und Soziologie.
Offene Fragen
Welche kognitiven Merkmale sind plastisch? Über welchen Zeitraum? Auf Populationsebene vs. Individuum? Keine Einigung in der Literatur.
Thermodynamik⟷Biologie
● Warnung
Entropiezunahme (2. Hauptsatz) vs. biologische Selbstorganisation
Der 2. Hauptsatz besagt, dass Entropie in geschlossenen Systemen zunimmt. Leben verringert lokal Entropie in massivem Ausmaß durch Metabolismus. Die thermodynamische Gesamtrechnung ist auf Systemebene nie vollständig gelöst worden.
Teilweise gelöst durch dissipative Systemtheorie. Vollständige Reconciliation auf Systembiologie-Ebene ausständig. Implikationen für Ursprung des Lebens ungeklärt.
Bewusstsein⟷Physik (alle)
● Markiert
Hard Problem of Consciousness — keine physikalische Theorie erklärt Qualia
Kein existierender physikalistischer Rahmen — klassisch oder quantenmechanisch — liefert eine befriedigende Erklärung für subjektives Erleben. Penrose-Hameroff Orch-OR, IIT und Global Workspace Theory bleiben umstritten. Konfidenz: 31%.
Konkurrierende Theorien
Integrated Information Theory (Tononi) · Global Workspace (Baars/Dehaene) · Orch-OR (Penrose/Hameroff) · Higher-Order Theories · Illusionismus (Frankish)
Warum es wichtig ist
Ohne Bewusstseinstheorie bleibt das Fundament von Psychologie, Psychiatrie, KI-Ethik, Rechtspersönlichkeit und Lebensende-Entscheidungen philosophisch ungesichert.
Claim-Abhängigkeits-Graph — Quantenphysik-Cluster
Vollgraph →
Reset
Pause
Gesichert (>80%)
Mittel (40–80%)
Umstritten (<40%)
Widerspruch
Brücke
Widerspruchs-Datenbank
61 aktive Widersprüche across 12 Domänen
Widersprüche sind keine Fehler — sie sind Erkenntnispotenzial. Jeder aufgedeckte Konflikt zwischen Domänen markiert eine Forschungsfrontier.
Alle (61)
● Kritisch (3)
● Warnung (11)
● Markiert (47)
Quantenphysik
Biologie
Bewusstsein
Soziologie/Recht
Quantenphysik⟷Klass. Kausalität
● Kritisch
Nichtlokalität vs. Lokaler Realismus
Bell-Theorem invalidiert klassische Kausalität auf fundamentaler Ebene. Implikationen für Makrowelt kaum erforscht.
247 Claims in Kausalitätsmodellen (Biologie, Neurowiss., Recht, Soziologie) sind indirekt betroffen.
Forschungsbedarf
Explizite Revision kausaler Rahmenwerke in Biologie und Sozialwissenschaften. Quantenbiologie als Brückendisziplin.
Quantenphysik⟷Bewusstsein
● Kritisch
Messproblem und Beobachterrolle — kollabiert Bewusstsein die Wellenfunktion?
Verschiedene QM-Interpretationen (Kopenhagen, Viele Welten, Relationistische QM) kommen zu radikal verschiedenen Schlüssen über die Rolle von Beobachtern. Keine empirisch entscheidbar.
Interpretationen
Kopenhagen (Bohr): Bewusstsein irrelevant · Von Neumann/Wigner: Bewusstsein kollabiert · Everett: kein Kollaps
Status
Empirisch unentscheidbar mit aktuellen Mitteln. Möglicherweise prinzipiell unentscheidbar.
Bewusstsein⟷Rechtswiss.
● Kritisch
Freier Wille als Rechtsfundament vs. deterministisches/probabilistisches Gehirn
Das gesamte Strafrecht (Schuldfähigkeit, §20/§21 StGB) baut auf einem Konzept von Willensfreiheit, das neurowissenschaftlich und philosophisch massiv in Frage steht. Libet-Experimente, Determinismus, Kompatibilismus.
Rechtliche Implikation
Wenn kein freier Wille: kein retributives Strafrecht. Nur präventive/rehabilitative Modelle wären konsistent. Strukturell systemverändernde Konsequenz.
Aktueller Stand
Rechtssystem ignoriert das Problem weitgehend. Kompatibilismus als philosophisches Feigenblatt. Kein Konsens.
Thermodynamik⟷Biologie
● Warnung
2. Hauptsatz vs. biologische Selbstorganisation
Entropiezunahme vs. lokale Ordnungsentstehung durch Leben. Teilweise gelöst (Prigogine), aber nicht vollständig.
Kein Konsens über Plastizitätsgrad auf Populationsebene.
Soziologie⟷Kognitionswiss.
● Markiert
Rationales Handlungsmodell (Homo oeconomicus) vs. kognitive Verzerrungen
Wirtschaft und viel Soziologie baut auf rationalem Akteur. Verhaltensökonomik und Kognitionswissenschaft zeigen systematische Irrationalität. Modelle werden kaum korrigiert.
Institutionelle Trägheit: Standardmodelle werden in Lehrbüchern weiter verwendet, obwohl empirisch überholt.
Technische Systemarchitektur
Wie EPISTEME funktioniert
Ein lebendiges epistemisches System besteht aus sechs Schichten, die gemeinsam einen Regelkreis bilden: Neue Erkenntnisse fließen ein, Claims werden bewertet, Widersprüche sichtbar gemacht, und das Gesamtbild aktualisiert sich — kontinuierlich.
Der Regelkreis — epistemische Rückkopplungsschleife
📄
Ingest
arXiv, PubMed, DOI-Feeds
→
🧠
Extraktion
LLM parst Claims
→
⬡
Graph-Insert
Neo4j mit Provenienz
→
⚡
Konflikt-Check
Logikschicht prüft Kanten
→
📊
Re-Score
Konfidenz propagiert
→
🌐
Interface
React-UI + Open API
⤴
∞
Regelkreis
Neue Evidenz startet neu
Technologie-Stack
LAYER 01 · STORAGE
Graph-Datenbank
Claims als Knoten, Abhängigkeiten + Brücken als typisierte Kanten. Native Graph-Traversal für Konfliktdetektion. Temporales Versioning via Zeitstempel-Kanten.
Neo4j · ArangoDB (Fallback)
LAYER 02 · INGEST
Live-Ingest-Pipeline
arXiv, PubMed, CrossRef-DOI Feeds. Neue Papers werden kontinuierlich geparst. Claims werden mit Provenienz-Chain extrahiert und in den Graphen eingefügt.
Python · Celery · Redis Queue
LAYER 03 · AI
Claim-Extraktion via LLM
Strukturierte Extraktion von Kernaussagen, Methodik, Konfidenzindikatoren und Domänen-Tags aus wissenschaftlichen Papers. Halluzinationscheck via DOI-Verankerung.
Claude API · Structured Outputs
LAYER 04 · LOGIC
Konfidenz-Engine
Gewichtetes Scoring: Replikationsrate, Meta-Analyse-Konsens, Publikationsaktualität, Experten-Dissens-Index. Propagation durch den Graphen wenn Upstream-Knoten revidiert werden.
Python · NetworkX · Custom Scorer
LAYER 05 · DETECTION
Widerspruchs-Detektor
Logikschicht flaggt formale Widersprüche zwischen Claims über Domänengrenzen. Alert-System wenn neue Publications bestehende Knoten betreffen. Severity-Scoring.
Prolog-Subset · Graph-Traversal
LAYER 06 · INTERFACE
Navigator + Open API
React-Frontend für Exploration. Jedes externe System kann aktuelle Konfidenzwerte abfragen. Open API ermöglicht Integration in andere Forschungstools und Bildungssysteme.
React · FastAPI · REST + GraphQL
Lizenz & Governance
Lizenz
AGPL-3.0 · Vollständig Open Source. Jede Nutzung erfordert Offenlegung von Modifikationen. Wissenschaftliche Nutzung uneingeschränkt.
Trägerschaft
Thomas Schüller, Wien (Konzept) · Angestrebt: dezentrale Community-Governance. Kein privater Lock-in.
Ethik
Keine militärische Nutzung · Keine Kooperation mit Waffenindustrie · Transparenz-first · Keine proprietären Datenmauern.
Entwicklungs-Roadmap
Von der Idee zur epistemischen Infrastruktur
EPISTEME ist kein Produkt — es ist ein Infrastrukturprojekt. Wie das Internet keine zentrale Instanz hat, soll EPISTEME als dezentrales, föderiertes System funktionieren, das niemand besitzt und alle nutzen können. Der Aufbau erfolgt in Phasen, jede Phase für sich nutzbar.
PHASE 01
Konzept & Proof of Concept
Jetzt
Systemarchitektur definiert
Claim-Graph-Modell, Konfidenz-Scoring-Framework, Widerspruchsdetektion konzeptualisiert. Dieses Interface als Proof of Concept.
Domänen-Kuratierung (manuell)
12 Kerndomänen mit 50–200 exemplarischen Claims und Widersprüchen. Manuell kuratiert als Grundlage für automatisches Lernen.
Open-Source-Veröffentlichung Konzept
Architektur-Paper, Datenmodell-Spezifikation, Governance-Entwurf unter AGPL-3.0.
PHASE 02
MVP — Kern-Pipeline
Nächstes
Graph-Datenbank aufsetzen
Neo4j-Instanz mit Datenmodell. Manuelle Import der kuratierten Claims. Erste automatische Konflikterkennung.
Ingest-Pipeline (arXiv + PubMed)
Automatischer Feed von neuen Papers. LLM-gestützte Claim-Extraktion. Provenienz-Chain für jede Aussage.
Konfidenz-Scoring v1
Erstes Scoring-Modell basierend auf Zitationsanzahl, Replikationsstatus, Konsensliteratur.
Public Read-API
REST-Endpunkte für Konfidenzabfragen, Widerspruchslisten, Domain-Übersichten. Für externe Integration.
PHASE 03
Kollaboration & Community
2027
Expert Review Layer
Peer-Review-System für Claims. Fachexperten können Konfidenzwerte kommentieren und anfechten. Reputation-System für Reviewer.
Föderiertes Modell
Institutionen können eigene EPISTEME-Knoten betreiben und synchronisieren. Kein Single Point of Failure, kein zentraler Betreiber.
Bildungs-Interface
Vereinfachtes UI für Schulen und Nicht-Experten. "Erkläre mir diesen Widerspruch" — LLM-gestützte Erklärungsschicht.
PHASE 04
Öffentliche Infrastruktur
2028+
Institutionelle Partnerschaften
Universitäten, Bibliotheken, Open-Access-Verlage als Datenpartner. Mögliche Förderung durch EU Open Science-Programme.
Echtzeit-Regelkreis
Vollautomatische Konfidenz-Propagation. Wenn ein Paper retracted wird, werden alle abhängigen Claims sofort markiert. Live-Alert-System.
Policy-Integration
Behörden und Gerichte können Konfidenzwerte für Entscheidungsgrundlagen abfragen. Epistemische Transparenz in öffentlichen Prozessen.
Über das Projekt
Warum EPISTEME?
Wir haben vielleicht schon genug Wissen. Was fehlt ist Synthese, Vernetzung, und Navigierbarkeit.
— Kernthese, Gespräch Wien, Mai 2026
Das Problem
Die Wissenschaft ist in einem Widerspruch gefangen: Sie produziert mehr Wissen als je zuvor — und gleichzeitig hat niemand mehr einen Überblick. Ein Quantenphysiker kennt seine Atome bis ins letzte Detail, aber nicht die Biologie, nicht die Soziologie, nicht das Recht. Ein Soziologe kennt seine Theorien, aber nicht die Quantenmechanik. Diese Spezialisierung ist nicht das Problem — sie ist eine Stärke. Das Problem ist das Fehlen der Synthese-Schicht darüber.
Dazu kommt das Geschwindigkeitsproblem: Wissenschaft ändert sich schneller als jede Institution, jede Lehrmeinung, jedes Lehrbuch mithalten kann. Bevor du eine Methode verstanden hast, sind drei neue da. Das ist kein persönliches Versagen — es ist strukturell unmöglich geworden, Schritt zu halten.
Der Ansatz
EPISTEME ist kein weiteres Fachtool. Es ist eine Metaschicht über dem Wissen — ein epistemischer Navigator. Nicht tiefer graben, sondern das Vorhandene kartieren. Nicht mehr Forschung um der Forschung willen, sondern: Was wissen wir? Wie sicher sind wir uns? Wo hängt was wovon ab? Wo widerspricht sich das?
Das ist radikal, weil die gesamte akademische Maschinerie auf "mehr Forschung" ausgerichtet ist — nicht auf bessere Integration. Nicht Neuerfindung. Re-Kalibrierung. Regelkreis statt Einbahnstraße.
Prinzipien
Open ScienceAGPL-3.0Dezentral / FöderiertDOI-verankertKeine WerbungKeine MilitärnutzungTransdisziplinärWCAG 2.1 AAPeer-Review-firstTemporal versioned
Ursprung
EPISTEME ist aus einem transdisziplinären Forschungsprojekt entstanden, das sich mit der Frage beschäftigt: Wie denken Systeme? Wie lernen Systeme? Wie korrigieren sich Systeme selbst? Der Regelkreis-Gedanke kommt aus der Kybernetik, die Claim-Graph-Idee aus der Wissensrepräsentation, der Konfidenz-Ansatz aus der Bayesschen Epistemologie.
Kontakt
Thomas Schüller
Unabhängige Forschung · Wien
forschung@tschueller.com
ORCID: 0009-0003-9799-6747
privat finanziert · ohne institutionelle Affiliation