REIZÜBERFLUTUNG & MENSCH-MASCHINE-GRENZE
Open-Science-Synthese · Evidenzgestützt · Falsifizierbar
REV. 2026.04 · STAND: Apr 2026 · QUELLEN: n=24 peer-reviewed

Du beschreibst real Messbares: Aufmerksamkeitsfragmentierung, kognitives Auslagern an Maschinen, Verlust kritischen Denkens, Suchtdynamik durch Reizüberflutung. Diese vier Stränge werden in der Forschung selten zusammen gedacht. Dieses Dashboard trennt was empirisch belastbar ist von was theoretisch plausibel oder spekulativ ist. Pop-Science-Behauptungen wurden ausgeschlossen.

Methode: Evidenzpyramide (Meta-Analyse > präregistrierte RCTs > Längsschnitt-Kohorten > Querschnitt > Theorie). Effektgrößen wo verfügbar. Trennung was-zeigt-Studie / was-zeigt-sie-nicht. Replikationsstatus explizit ausgewiesen.

Bildschirm-Verweildauer 2004
2.5 min
vor Aufgabenwechsel · Mark UC Irvine
Bildschirm-Verweildauer 2016+
47 sek
5× repliziert (44–50s) · Median 40s
Wiederherstellung Fokus
~25 min
nach digitaler Unterbrechung
Arbeitsgedächtnis-Limit
~4 chunks
harte biologische Grenze
Evidenz-Stufen
A · GESICHERTMeta-Analysen oder mehrfache präregistrierte RCTs · konvergente Effekte · überlebt Replikation
B · ROBUSTMehrere RCTs oder große Längsschnitt-Kohorten · Effekte konsistent · Kausalität teilweise umstritten
C · PLAUSIBELTheoretisch konsistent · empirisch dünn · einzelne Studien · Replikation offen
D · WIDERLEGT/SCHWACHReplikationen scheitern · Effektgrößen kollabieren · weiter populär trotz schlechter Datenlage
Filter Domäne: Evidenz:
01 // DIAGNOSE: WAS IST EMPIRISCH BELEGT Befunde nach Evidenzstufe sortiert
Aufmerksamkeitsspanne am Bildschirm halbiert
A · GESICHERT
Mark, UC IrvineLängsschnitt 20 Jahren > 1000
Mediane Bildschirm-Verweildauer von 2.5 min (2004) → 75 sek (2012) → 47 sek (2016+, Median 40s). Computer-Logging, objektiv, unaufdringlich. 5× unabhängig repliziert (Werte 44–50s).
Was sie zeigt Faktische Verkürzung der Verweildauer — nicht der maximalen Aufmerksamkeitskapazität. Korrelation mit Stress, Blutdruckanstieg, IgA-Reaktivität.
Was sie nicht zeigt Keine Aussage über kognitive Fähigkeit per se. Kausalität (Tech → kürzere Spanne) bleibt korrelativ — Selbstselektion möglich.
Mark G. (2023). Attention Span. Hanover Square Press · gloriamark.com
GenAI ↔ kritisches Denken (Microsoft/CMU)
B · ROBUST
Lee et al. CHI 2025n=319 Wissensarbeiter936 Fallbeispiele
Höheres Vertrauen in GenAI korreliert mit weniger eingesetztem kritischem Denken; höheres Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten korreliert mit mehr. Qualitativ: kritisches Denken verschiebt sich Richtung Verifikation, Integration, Aufgaben-Stewardship statt Generierung.
Was sie zeigt Statistisch signifikanter Zusammenhang Vertrauen↔Anstrengung. Praxisnahe Daten (kein Labor).
Was sie nicht zeigt Selbstauskunft, kein objektives Maß. Keine Längsschnitt-Aussage zu Atrophie über Zeit. Keine RCT-Evidenz für „dümmer durch KI".
microsoft.com/research · "The Impact of Generative AI on Critical Thinking" CHI 2025
ChatGPT-Schreibaufgabe: niedrigere kognitive Beteiligung
B · ROBUST
Georgiou 2025 · arXiv:2507.00181kontrollierter Vergleich2 Gruppen
Studierende mit ChatGPT-Hilfe beim Essay zeigten signifikant niedrigere Werte auf der Cognitive Engagement Scale (CES) als die Vergleichsgruppe ohne KI. Hinweis auf cognitive offloading bei akademischem Schreiben.
Was sie zeigt Akute Reduktion der mentalen Anstrengung in der konkreten Aufgabe.
Was sie nicht zeigt Keine Aussage über Lerneffekte langfristig. Niedrige Beteiligung ≠ schlechteres Lernergebnis (mögliche „desirable difficulty" vs. „expert offloading"-Frage).
arXiv:2507.00181 · "ChatGPT produces more lazy thinkers"
Mobile-Internet-Blockade: Aufmerksamkeit + Wohlbefinden ↑
A · GESICHERT
Castro et al. PNAS Nexus 2025präregistrierter RCTn=467 (Compliance: 119)
2 Wochen Sperre des mobilen Internets (Wi-Fi+Mobilfunk) per App „Freedom" — Anrufe/SMS bleiben möglich. Verbesserungen in (1) subjektivem Wohlbefinden, (2) mentaler Gesundheit, (3) anhaltender Aufmerksamkeit. Cross-over-Design, objektive Compliance-Messung.
Was sie zeigt Kausale Evidenz: weniger ständige Konnektivität → bessere Funktion. Kleine bis mittlere Effektgrößen.
Was sie nicht zeigt Hohe Drop-out-Rate (75% nicht compliant) — zeigt indirekt Suchtcharakter. Aussage gilt strikt nur für die Compliers (Selbstselektion).
academic.oup.com/pnasnexus · pgaf017 (2025)
Screen-Time ≤2h/Tag: Stress, Wohlbefinden, Schlaf
A · GESICHERT
Pieh et al. 2025 (Krems, AT)RCTn=111 Studierende
3 Wochen Reduktion der Smartphone-Screen-Time auf ≤2h/Tag. Signifikante Effekte (klein bis mittel, η² Zeit×Gruppe) auf WHO-5-Wohlbefinden, PHQ-9-Depression, PSQ-Stress, ISI-Schlaf. Effekte bis t2 (6 Wochen post) teilweise stabil.
Was sie zeigt Dosis-Wirkung kausal. Reduktion (nicht Verzicht) reicht für messbare Verbesserung.
Was sie nicht zeigt Junge gesunde Kohorte. Effektstärken klein-mittel — keine Wundermittel-Wirkung. Nicht-blinded.
PubMed PMID:39985031 · BMC Medicine 2025
30 min/Tag Social-Media-Limit ↓ Depression/Einsamkeit
B · ROBUST
Hunt et al. 2018 J. Soc. Clin. Psychol.RCTn=143
3 Wochen Begrenzung von Facebook/Instagram/Snapchat auf je 10 min/Tag. Vs. unbegrenzt: signifikante Reduktion von Einsamkeit und Depressionssymptomen, besonders bei Personen mit hohen Ausgangswerten.
Was sie zeigt Kausale Evidenz für Limitierung als Intervention.
Was sie nicht zeigt Selbstreport-Compliance. Studentische Stichprobe. Keine Aussage zu längerfristigen Effekten > 3 Wochen.
"No More FOMO" (Hunt, Marx, Lipson, Young) · J. Soc. Clin. Psychol. 37(10)
Arbeitsgedächtnis als harte Engstelle
A · GESICHERT
Sweller, Cowan, Klingberg50+ Jahre Replikationtausende Experimente
Working-Memory-Kapazität: ~4 chunks (Cowan), ~7±2 (Miller, weniger streng). Cognitive Load Theory: extraneous load durch Interface-Design + intrinsic load durch Aufgabenkomplexität konkurrieren um identische Ressource. Multitasking ist neuronal Aufgabenwechsel mit Kosten.
Was sie zeigt Universelle, biologisch fixierte Engstelle. Switching-cost real, neurologisch verortbar.
Was sie nicht zeigt Trainierbarkeit der Kapazität selbst ist umstritten (Klingberg ja, andere widerlegt). „Brain Training" Apps: weitgehend gescheitert.
Sweller (1988); Cowan (2001); Klingberg (2009)
Variable-Ratio-Reinforcement im Belohnungssystem
C · PLAUSIBEL
Skinner-Paradigma + Lembke 2021Tiermodell solideMensch: korrelativ
Unvorhersehbare Belohnung (Likes, Push, Notification, Slot) erzeugt mesolimbisches Dopamin-Signal — bei Tieren reproduzierbar verhaltenssteigernd. Hypothese: Apps nutzen identisches Schema → Suchtmuster.
Was sie zeigt Mechanismus im Tiermodell sehr robust. App-Design nutzt diese Schemata bewusst (Eyal, Hooked).
Was sie nicht zeigt „Dopamine Detox" als Therapie ist Pop-Science — keine RCT-Evidenz. Lembkes Klinik-Anekdoten ≠ kontrollierte Studien. Begriff „digitale Sucht" ist im DSM-5/ICD-11 nur partiell aufgenommen (Gaming Disorder ja, „Social Media Addiction" nein).
Lembke A. (2021) Dopamine Nation · Skinner BF (1948)
Smartphones ↔ Jugend-Mental-Health-Krise
B · ROBUST (umstritten)
Twenge / Haidt vs Odgers / OrbenKausalität debattiertinternationale Daten
Ab ~2012 in Anglosphäre (US, UK, CA, AU, NZ): Sprung in Depressions-, Angst-, Selbstverletzungs-Raten bei Jugendlichen, parallel zu Smartphone- und Social-Media-Penetration. Mehrere RCTs zeigen kleine bis mittlere Effekte für Reduktion. Schul-Handyverbote: in Norwegen (Abrahamsson 2024) signifikante Effekte auf Mental Health; andere Studien gemischt.
Was sie zeigt Korrelation Zeitpunkt+international robust. Mehrere experimentelle RCTs mit positiven Effekten.
Was sie nicht zeigt Kausalität nicht erschöpfend. Orben/Odgers: Effektgrößen klein, Konfundierung mit ökonomischen/sozialen Faktoren möglich. National Academies (2024): „insufficient evidence" für reine Tech-Kausalität bei großem Effekt. Polarisierter Diskurs.
Haidt J. Anxious Generation (2024) · Orben A. Soc Psychiatry (2020) · Nature 2025
Ego Depletion / Decision Fatigue (Willenskraft erschöpfbar wie Muskel)
D · GROSSTEILS WIDERLEGT
Baumeister 1998Replikationen scheiternMany-Lab-Project 2016
Ursprünglich populär: Selbstkontrolle ist ein erschöpfbarer Pool, sinkt mit jedem Entscheid. Many-Lab-Replikation (Hagger et al. 2016, n=2141 über 23 Labs): Effekt nahe Null. Folge-Meta-Analysen finden Publikationsbias.
Was bleibt Müdigkeit + niedriger Blutzucker beeinflussen Performance — trivial. Aber das spezifische Ego-Depletion-Modell ist gescheitert.
Vorsicht Wird in Selbsthilfeliteratur weiter zitiert. Nicht mehr als wissenschaftliche Begründung verwenden.
Hagger MS et al. (2016) Perspectives Psych Sci · Many-Lab Project
Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR/MBCT)
C · TEILREPLIZIERT
Kabat-Zinn 1979 ff.viele RCTsHeterogen
Strukturierte 8-Wochen-Achtsamkeitsprogramme: konsistente kleine bis mittlere Effekte auf Stress, Angst, chronische Schmerzen. Bei Depression-Rückfallprophylaxe (MBCT): NICE-empfohlen.
Was bleibt Klinische Anwendungen mit Evidenz: Rückfallprophylaxe Depression, chronische Schmerzen, Stress-Bewältigung.
Vorsicht Van Dam et al. 2018 „Mind the Hype": Forschung methodisch oft mangelhaft, Effekte überschätzt. Adverse Effekte (Angst, Depersonalisation) bei Vulnerablen unterberichtet. „Mindfulness Apps" ≠ MBSR.
Van Dam et al. (2018) Perspectives Psych Sci 13(1) · Goyal JAMA 2014
„Multitasking" ist sequenzielles Task-Switching mit Kosten
A · GESICHERT
Rubinstein, Meyer, Evans 2001vielfach repliziertfMRI-Bestätigung
Echtes paralleles Verarbeiten zweier kognitiver Aufgaben ist neurologisch nicht möglich (Ausnahme: hochautomatisierte Routinen). Was wir „Multitasking" nennen: schnelles Hin-und-Her mit Reorientierungskosten. Heavy media multitasker schneiden in Aufmerksamkeitstests SCHLECHTER ab (Ophir, Nass, Wagner 2009).
Was sie zeigt Switching ist kognitiv teuer. „Productive Multitasking" ist ein Mythos.
Was sie nicht zeigt Routinen + Denkaufgabe (Bügeln + Podcast) ist OK. Nicht alles Switchen ist gleich schädlich.
Rubinstein et al. JEP:HPP 2001 · Ophir et al. PNAS 2009
Short-Form-Video-Konsum ↔ Aufmerksamkeit (Meta-Analyse)
B · ROBUST
Meta-Analyse 2026n ≈ 100.000TikTok/Reels/Shorts
Mehr Konsum von algorithmisch zugespielten Kurzvideos korreliert mit messbar schlechterer Aufmerksamkeit und schlechterer inhibitorischer Kontrolle. Effekt dosisabhängig.
Was sie zeigt Robuste Korrelation über zehntausende Probanden. Konsistent mit Hyperstimulationshypothese.
Was sie nicht zeigt Korrelation ≠ Kausalität — Selbstselektion möglich (Personen mit niedriger inhibitorischer Kontrolle wählen Kurzvideos).
Meta-Analyse 2026 (Vorabauswertung)
Mental-Health-Apps: kleine reale Effekte
A · GESICHERT
Linardon et al. World Psychiatry 2024Meta von 176 RCTsn > 33.000
Apps zur Behandlung von Depression: Hedges' g = 0.28 (klein), NNT ≈ 11.5. Generalisierte Angst: g = 0.26, NNT ≈ 12.4. Signifikant, aber kleiner als psychotherapeutische Standardinterventionen.
Was sie zeigt Apps wirken — auf Bevölkerungsebene niedrigschwellig nützlich.
Was sie nicht zeigt Effekt klein. App ≠ Therapieersatz. Hohe Heterogenität, viele Apps untersucht — wenige tatsächlich verfügbar.
Linardon et al. (2024) World Psychiatry · DOI:10.1002/wps.21183
Google-Effekt / Cognitive Offloading
B · ROBUST
Sparrow Liu Wegner 2011Risko & Gilbert 2016repliziert
Wenn wir wissen, dass Information später verfügbar bleibt, behalten wir schlechter den INHALT, dafür besser WO sie liegt (Transactive Memory). Replizierbar mehrfach. KI verstärkt diesen Effekt potenziell — empirisch noch jung.
Was sie zeigt Reales kognitives Auslagern. Effekt ist neutral — kann adaptiv sein (Effizienz) oder schädlich (Verlust an Tiefe).
Was sie nicht zeigt Keine generelle „Verdummung". Externalisierung ist seit Schrift menschlich. Frage ist Balance, nicht Existenz des Effekts.
Sparrow et al. Science (2011) · Risko & Gilbert TICS (2016)
02 // LÖSUNGSANSÄTZE NACH EVIDENZGRAD Was hält Falsifizierung stand
Intervention Evidenz Mechanismus / Studienlage Effektgröße Was tatsächlich tun Quelle
Mobile-Internet-Block A RCT Castro et al. — 2 Wochen App-basierte Sperre, objektive Compliance klein-mittel auf 3 Outcomes Freedom-App / „Dumb-Phone-Modus" / Wi-Fi+Mobilfunk-Toggle. Anrufe/SMS bleiben. PNAS Nexus 2025
Screen-Time ≤2h/d A RCT Pieh et al. — 3 Wochen, 4 Outcomes verbessert (WHO-5, PHQ-9, PSQ, ISI) η² klein-mittel iOS Bildschirmzeit-Limit / Android Digital Wellbeing — App-Limits hart setzen. BMC Med 2025
Social-Media 30min/d B Hunt 2018 RCT — 10min pro App, 3 Wochen klein-mittel Pro Plattform 10min Hardlimit. Wirkt am stärksten bei hohem Baseline-Distress. J Soc Clin Psych
Schlaf 7-9h A Stärkster bekannter Modulator von Aufmerksamkeit, Stimmung, Konsolidierung groß über alle kognitiven Domänen Konstante Zeiten, keine Geräte im Schlafzimmer (Lemola, Carter Meta). Walker (2017), Carter Meta
Bewegung >150min/Woche A Aerob: BDNF↑, Hippocampus-Volumen↑ (Erickson 2011 RCT, fMRI) mittel auf Kognition 3× moderate-vigorous ~50min. Kraft + Ausdauer kombiniert. Erickson PNAS 2011
Naturexposition (ART) B Attention Restoration Theory (Kaplan); Berman 2008 + neuere RCTs klein-mittel Min. 120min/Woche grüne Umgebung (White et al. 2019, n=20.264). Berman, Kaplan
MBSR/MBCT C Strukturierte Programme — Klinik solider als App-„Mindfulness" klein-mittel, heterogen 8-Wochen-Programm präsenz, nicht App. Vorsicht bei Trauma-Anamnese. Goyal JAMA 2014
Notifications aus B Konsens über mehrere Studien: Push erzeugt Switching-Kosten unabhängig vom Inhalt stark unter Stress Default-Off. Whitelist nur für 3-5 echte Personen. Keine Apps. Mark et al., Microsoft Research
Time-Boxing / Pomodoro C Empirische Basis dünn — Folkmotiv. Aber: konsistent mit Mark's „kinetische Aufmerksamkeit"-Modell unklar (Selbstreport) 20-25 min Single-Task → 5 min Pause. Anfangs einfach, dann steigern. Mark, Cirillo (Praxis)
KI-Friction / Metacognitive Cues C MetaCues (Singh et al. 2026) — Reibung in KI-Interfaces erzwingt Reflexion offen, vielversprechend Bewusst Verifikationsschritte einbauen, KI-Output nicht 1:1 übernehmen. arXiv 2603.19634
Meta-Awareness-Training C Mark: Selbst-Check-Ins reduzieren autopilot-Switching selbstberichtet Stündlich 10s: „Was tu' ich gerade? Will ich das?" Mark Substack 2024
„Brain Training"-Apps D FTC-Settlement gegen Lumosity 2016 — keine Generalisierung jenseits trainierter Aufgaben nahe Null transfer Nicht empfohlen außer als Spaß. Simons Psych Sci PI 2016
„Dopamine Detox" D Pop-Konzept ohne saubere RCT-Basis nicht etabliert Konzept nicht falsch, aber Vermarktung übertrieben. Effekte sind die der Reduktion (siehe oben). Lembke 2021 (Anekdoten)
03 // THEORETISCHE RAHMEN — MENSCH/MASCHINE-GRENZE Konzeptuell wertvoll · empirisch begrenzt
Pharmakon
Bernard Stiegler (1952–2020)
Technik ist immer Heilmittel UND Gift gleichzeitig. Schrift, Buchdruck, Computer, KI: keine entweder/oder-Frage, sondern Frage der „Therapeutik" — wie wir das Pharmakon dosieren und Sorge tragen.
Konzeptuell · nicht falsifizierbar
Extended Mind
Clark & Chalmers (1998)
Geist hört nicht an der Schädeldecke auf. Notizbuch, Smartphone, KI können konstitutiver Teil kognitiver Prozesse sein. Implikation: KI-Auslagern ist nicht per se Verlust, sondern Erweiterung — Frage ist die der Integration.
Philosophisch · empirisch indirekt
Resonanz / Beschleunigung
Hartmut Rosa (Soziologie)
Spätmoderne = soziale, technische, Lebenstempo-Beschleunigung. Pathologie: Resonanzverlust — Welt wird stumm, Verfügbarkeit ersetzt Erreichbarkeit. „Gute Resonanzachsen" als Gegenmittel.
Soziologisch · partiell falsifizierbar
Aufmerksamkeitsökonomie
Goldhaber, Crawford, Wu
Aufmerksamkeit ist die knappe Ressource der Informationsökonomie. Plattformen optimieren auf Engagement = Verweildauer. Externalitäten (mentale Gesundheit, demokratischer Diskurs) werden nicht eingepreist.
Ökonomisch · empirisch belegt
Cognitive Agency Surrender
Xu et al. 2026 (arXiv)
„Zero-Friction"-Design moderner KI-Interfaces nutzt menschliche cognitive miserliness aus — Bedürfnis nach Geschlossenheit wird vorzeitig befriedigt, automation bias verstärkt. Vorschlag: scaffolded AI friction zur Verteidigung epistemischer Souveränität.
Konzept · Forschung jung
Anthropocene of the Mind
Diverse (Carr, Lanier, Harris)
These: Wir sind in einem unkontrollierten Großexperiment menschlicher Kognition. Effekte über Generationen erst ablesbar. Vorsorgeprinzip nahegelegt — symmetrisch zur Klima- und Chemikaliendebatte.
Spekulativ · nicht falsifizierbar
04 // OFFENE FRAGEN — WAS WIR WIRKLICH NICHT WISSEN Ehrliche Wissenslücken
Frage 01
Verändert routinemäßiger KI-Gebrauch die kognitive Architektur über Jahre — analog zu Schreiblesen, Taschenrechner — oder ist es qualitativ neu?
Status: theoretisch debattiert · keine Längsschnittdaten verfügbar
Frage 02
Welche kognitiven Funktionen sollten NICHT an Maschinen delegiert werden, weil ihr Erhalt selbst Ziel ist (z.B. ethisches Urteilen, Selbstreflexion, Beziehungsarbeit)?
Normativ-philosophisch · keine empirische Antwort möglich
Frage 03
Sind die Mental-Health-Effekte bei Jugendlichen primär durch Tech, oder durch Interaktion (Tech × Schulstress × ökonomische Unsicherheit × Klimaangst × Schlafentzug)?
Aktiv kontrovers · Twenge/Haidt vs. Orben/Odgers
Frage 04
Existiert eine sinnvolle Operationalisierung von „digitaler Sucht" jenseits Gaming Disorder — diagnostisch reliabel, abgrenzbar, behandelbar?
DSM-5/ICD-11: nur partiell · Kontroverse aktiv
Frage 05
Wie stark sind die in RCTs gemessenen Effekte (Screen-Reduktion, Internet-Block) im Alltag jenseits motivierter Probanden replizierbar? Compliance-Probleme deuten auf Übertragungslücke.
Externe Validität offen
Frage 06
Gibt es kritische Entwicklungsfenster (z.B. Adoleszenz, frühe Kindheit), in denen Reizüberflutung andere/stärkere Spuren hinterlässt als bei Erwachsenen?
Orben et al. Nat Comm 2022: Hinweise ja · methodisch dünn
05 // HANDLUNGSLEITFADEN — WAS DAS BEDEUTET Nach Evidenz priorisiert
// PRIORISIERTE INTERVENTIONEN — INDIVIDUELL
A.01
Schlaf zuerst. Stärkster bekannter Modulator. Konstante Zeiten, Geräte aus dem Schlafzimmer, mind. 7h. Alles andere ist ohne Schlaf-Basis nachrangig.
Evidenz A · Effekt groß
A.02
Notifications komplett abschalten. Default off. Whitelist auf 3-5 echte Personen. Keine Apps. Switching-Kosten sind real und akkumulieren.
Evidenz A · einfach umsetzbar
A.03
Screen-Limits hart konfigurieren. ≤2h Smartphone gesamt. Social-Media-Apps je 10 min. Mobile-Internet-Block für Deep-Work-Blöcke.
Evidenz A · zwei RCT-Bestätigungen
A.04
Bewegung & Natur. 3× ≥50min moderate-bis-vigorös Bewegung pro Woche. Mind. 120min/Woche grüne Umgebung. Stärkster nicht-pharmakologischer Hebel auf Kognition+Stimmung.
Evidenz A · Effekt mittel-groß
A.05
KI bewusst mit Reibung nutzen. Output nicht 1:1 übernehmen. Verifikationsschritt einbauen. Eigenes Schreiben/Denken zuerst, KI als Reviewer/Erweiterer — nicht als Generator. Schützt vor Atrophie der Kernkompetenzen.
Evidenz B · Microsoft/CMU CHI 2025
A.06
Meta-Awareness trainieren. Stündliches 10-Sekunden-Check-In: „Was tu' ich gerade? Will ich das?" — wirkt langsam, aber dosis-abhängig.
Evidenz C · selbstberichtet, plausibel
// WAS NICHT
N.01
Keine „Dopamine Detox"-Programme. Konzept Pop-Science. Wirkungen sind die der Screen-Reduktion — also direkt das tun.
Evidenz D · Marketing > Daten
N.02
Keine Brain-Training-Apps. Transfer-Effekte sind nahe Null. FTC-Settlement gegen Lumosity 2016. Spaß ja, kognitive Leistung nein.
Evidenz D · widerlegt
N.03
Kein Selbstvorwurf wegen „mangelnder Disziplin". Mark, Eyal, Lembke: das System ist auf Reizüberflutung optimiert. Architektur ändern (Screen-Limits, dumb-phone, Notifications aus) schlägt Willenskraft.
Konsens · Aufmerksamkeitsökonomie
N.04
Ego-Depletion-Modell nicht mehr verwenden. Many-Lab-Replikation 2016 gescheitert. „Willenskraft erschöpft sich wie Muskel" ist überholt.
Evidenz D · methodisch widerlegt