Lehrer:innen-Handreichung — PDI v2.1
Philosophische Entscheidungsanalyse im Unterricht Didaktische Hinweise für Sekundarstufe II und Hochschule
Mai 2026 · CC BY 4.0 Autor: Thomas Schüller · ORCID 0009-0003-9799-6747 · forschung@tschueller.com
1. Vor dem Einsatz
Was das Tool ist
Das PDI ist ein digitales Werkzeug, das ethische Dilemmata strukturiert durch zwölf philosophische Theorien analysiert. Es gibt keine moralischen Urteile, sondern macht die Begründungs-Architektur verschiedener Schulen sichtbar.
Was das Tool nicht ist
- Keine Antwort-Maschine ("So ist es richtig")
- Kein Ersatz für Lektüre der Primärtexte
- Kein Ersatz für mündliche Diskussion im Unterricht
- Kein Bewertungs- oder Prüfungstool für Schüler:innen-Leistungen
Voraussetzungen
- Computer / Tablet mit Browser
- Internetzugang (ruft Anthropic-API)
- Vorwissen: mindestens grobe Bekanntschaft mit 2–3 ethischen Theorien (sonst Tool als Lehrwerk nutzen)
Niveau-Wahl
| Niveau | Empfohlen für |
|---|---|
| Schule (Sek. II) | 6./7./8. Klasse AHS, 5. Klasse berufsbildende Schulen, BMS |
| Bachelor | 5./6. Klasse Maturaklasse, Universitäts-Einführung, Erwachsenenbildung |
| Master | Vertiefungsseminare, Lehramts-Masterausbildung, Berufsethik-Workshops |
2. Unterrichtskonzepte
2.1 Konzept A — "Das Trolley-Problem neu denken" (45–90 min, Sek. II)
Phase 1 (10 min): Klassische Trolley-Variante vortragen. Spontane Diskussion: Wer würde was tun?
Phase 2 (15 min): Klasse in 4–5 Gruppen teilen, jede bekommt eine andere Variante: - Standard-Trolley (5 vs. 1) - "Fat Man"-Variante (Person vom Brückengeländer stoßen) - Loop-Variante (Person dient als "Bremse") - Tunnel-Variante (eigene Verwandte unter den 5) - Bürokratie-Variante (man bedient den Hebel als Angestellte:r)
Phase 3 (20 min): Jede Gruppe gibt ihre Variante ins PDI ein (Niveau "Schule", 5 Theorien). Lest gemeinsam die Theorieanalyse durch. Diskutiert: Welche Theorie spricht zu uns? Welche überrascht?
Phase 4 (20 min): Gruppenpräsentation. Vergleich der Theorienreaktionen über Varianten hinweg. Diskussion: Wo wechseln die Theorien ihre Empfehlung? Warum?
Lernziel: Verständnis, dass moralische Urteile von Details der Situation abhängen und verschiedene Theorien verschieden sensibel auf diese Details reagieren.
2.2 Konzept B — "Eigene Fälle, fremde Theorien" (Doppelstunde, BA-Niveau)
Phase 1 (Hausaufgabe): Studierende sammeln je ein ethisches Dilemma aus ihrem eigenen Leben/Umfeld (anonymisiert). Mindestlänge: 80 Wörter, mit klar erkennbaren Optionen.
Phase 2 (20 min): Studierende geben ihren Fall einzeln ins PDI ein (Niveau "Bachelor", alle 12 Theorien).
Phase 3 (30 min): In Zweiergruppen Analyse-Ergebnisse austauschen. Aufgabe: Identifiziert die Theorie, die am wenigsten zu eurer eigenen Intuition passt. Lest die zugehörige Analyse intensiv. Was übersieht eure eigene Intuition?
Phase 4 (25 min): Plenum. 3–4 freiwillige Studierende stellen ihre "fremdeste Theorie" vor. Diskussion: Welche blinden Flecken haben unsere alltäglichen ethischen Intuitionen?
Phase 5 (Hausaufgabe): 2-seitiger Essay: "Wie meine alltägliche ethische Intuition vom Pluralismus herausgefordert wurde."
Lernziel: Reflexion eigener moralischer Voreinstellungen durch konfrontativen Theorienvergleich.
2.3 Konzept C — "Seminararbeit mit Methodensektion" (Semester, MA-Niveau)
Wochen 1–3: Klassische Theorielektüre (Kant, Mill, Aristoteles + 2–3 weitere).
Woche 4: PDI-Einführung. Vergleich PDI-Output vs. eigene Lektüreergebnisse: Wo simplifiziert das Tool? Wo ist es genau? Wo fehlen ihm Argumente, die in der Primärlektüre stehen?
Wochen 5–10: Studierende wählen eigene Fallstudie (medizinethisch, technikethisch, wirtschaftsethisch). Recherche, Primärliteratur, eigene Analyse.
Wochen 11–14: Seminararbeit (15–25 Seiten). Methodensektion enthält explizit: - Welche Theorien wurden ausgewählt, warum? - Wie wurde das PDI als heuristisches Hilfsmittel genutzt? - Wo wurde PDI-Output verworfen, korrigiert, ergänzt? - Mit welchen Zitaten aus Primärliteratur wurde gearbeitet?
Lernziel: Methodisch reflektierter Umgang mit KI-Werkzeugen in der akademischen Arbeit. Tool als Heuristik, nicht als Quelle.
2.4 Konzept D — "Ethikkommissions-Simulation" (Halbtagsworkshop, Berufsbildung)
Zielgruppe: Pflegekräfte, Mediziner:innen, Sozialarbeiter:innen, Compliance-Verantwortliche.
Phase 1 (30 min): Kurzeinführung in 5 Theorien (Kant, Util, Tugend, Care, Diskurs).
Phase 2 (60 min): Realistischer Fall: z.B. "Patient verweigert Behandlung, Angehörige drängen, Tochter bittet uns um Stillschweigen." Teilnehmer:innen geben Fall ins PDI ein. Diskussion in 4er-Gruppen.
Phase 3 (60 min): Rollenspiel-Ethikkommission. Jede:r Teilnehmer:in vertritt eine Theorie. Aufgabe: Gemeinsam zu einer begründeten Empfehlung mit Dissens-Protokoll kommen.
Phase 4 (30 min): Reflexion. Was hat das PDI nicht gesehen? Welche Aspekte sind nur durch menschliche Diskussion zugänglich?
Lernziel: Tool-Kompetenz für die Praxis — wo hilft es, wo nicht?
3. Konkrete Fallbeispiele für den Einstieg
Niveau Schule
Du hast bei einer Klassenarbeit gesehen, wie deine beste Freundin abgeschrieben hat. Sie hat es nötig, weil ihre Eltern bei schlechten Noten massiv unter Druck setzen. Die Lehrkraft fragt dich direkt, ob du etwas bemerkt hast.
Theorien öffnen erkennbare Konflikte: Loyalität (Care) vs. Wahrheit (Kant) vs. Schaden (Util) vs. Charakter (Tugend) vs. Fairness gegenüber Mitschüler:innen (Rawls).
Niveau Bachelor
Ein Forschungsprojekt analysiert Social-Media-Posts von Jugendlichen, um Frühwarnsignale für Suizidalität zu identifizieren. Die Daten sind öffentlich. Eine Einwilligung der Betroffenen wurde nicht eingeholt. Die Studie könnte Leben retten. Soll das Projekt durchgeführt werden?
Klare Spannung zwischen Konsequentialismus (Leben retten), Deontologie (Einwilligungsprinzip), Care Ethics (Verletzlichkeit) und Diskursethik (Würden Betroffene zustimmen?).
Niveau Master
Ein autonomer Algorithmus im Personalwesen sortiert Bewerbungen vor. Eine empirische Studie zeigt: Bewerbungen mit migrantischen Namen werden statistisch signifikant schlechter bewertet, obwohl die Qualifikationen vergleichbar sind. Das Unternehmen weiß davon. Ein Audit würde 6 Monate dauern und das laufende Geschäft stören.
Vielschichtige Spannung: Naturrecht (Würde), Feministische Ethik (strukturelle Diskriminierung), Habermas (Diskursverpflichtung), Util (Folgenabwägung), Pragmatismus (was bewährt sich?).
4. Didaktische Tipps
Was funktioniert
- Vergleichsfragen stellen. "Wo widersprechen sich Kant und Mill in deinem Fall?" ist produktiver als "Was ist die richtige Antwort?"
- Den Vergleichsschritt nutzen. Im Output ist Schritt 3 (Theorienvergleich) didaktisch der wichtigste. Dort steht, warum die Theorien anders empfehlen.
- Mit kleinen Theoriensets starten. Schule: 3–4 Theorien. Bachelor: 5. Master: alle 12.
- Eigene Beispiele. Konkrete Fälle aus dem Leben der Schüler:innen erzeugen die größte Reflexionstiefe.
Was zu vermeiden ist
- ❌ Tool-Output als "richtige Antwort" werten. Es ist eine Heuristik, kein Urteil.
- ❌ Bewertung von Schüler:innen-Arbeiten durch das Tool. Pädagogisch nicht haltbar.
- ❌ Vorgefertigte Fälle ohne Anpassung. Jeder Fall hat eigene Wendungen.
- ❌ Verzicht auf Primärtexte. Das Tool ergänzt Lektüre, ersetzt sie nicht.
Häufige Missverständnisse von Schüler:innen
| Aussage | Antwort |
|---|---|
| „Wenn 4 Theorien Option A empfehlen, ist A richtig" | Mehrheits-Empfehlung ist kein Wahrheitskriterium. Das Tool zählt Stimmen nicht. |
| „Das Tool weiß die Wahrheit, ich nicht" | Das Tool generiert plausible Texte. Plausibilität ≠ Wahrheit. Du musst prüfen, ob die Argumente tragen. |
| „Eine Theorie ist objektiv besser" | Keine ethische Tradition hat sich monistisch durchgesetzt. Pluralismus ist nicht Faulheit, sondern Erkenntnislage. |
| „Kant/Mill/Aristoteles würde DAS niemals sagen" | Möglich. Tool checken durch Primärlektüre. Fehlerhafte Stellen sind Lern-Anlass, kein Tool-Versagen. |
5. Bewertungskriterien für Schüler:innen-Arbeiten mit PDI-Nutzung
Wenn Schüler:innen das PDI für Arbeiten/Referate nutzen, sind folgende Kriterien sinnvoll:
| Kriterium | Beschreibung | Gewichtung |
|---|---|---|
| Eigenständige Auseinandersetzung | Wurde der Output kritisch geprüft? Wurden Fehler erkannt? | hoch |
| Quellenarbeit | Wurden Primärtexte zur Verifikation herangezogen? | hoch |
| Methodische Transparenz | Wird offengelegt, dass und wie PDI genutzt wurde? | mittel |
| Theoriewahl-Begründung | Wird begründet, welche Theorien einbezogen/ausgeschlossen wurden? | mittel |
| Eigenständige Synthese | Geht die Arbeit über den PDI-Output hinaus? | hoch |
6. Beispiel-Zitierhinweis für Schüler:innen-Arbeiten
Wenn das PDI in einer schriftlichen Arbeit verwendet wurde, sollte das offengelegt werden. Vorschlag:
Die ethische Analyse wurde mit Unterstützung des Philosophical Decision Interface (Schüller 2026, PDI v2.1) durchgeführt. Die Theorieanalysen wurden vor Verwendung mit Primärtexten verglichen und ggf. korrigiert.
Vollzitat:
Schüller, T. (2026). Philosophische Entscheidungsanalyse [PDI v2.1 Academic Edition]. CC BY 4.0.
7. Datenschutz und Verantwortung
- Das PDI sendet eingegebene Texte an die Anthropic-API.
- Sensible / personenbezogene Fälle sollten anonymisiert werden, bevor sie eingegeben werden.
- Im Schulkontext: keine Echtnamen von Schüler:innen, Lehrkräften, Familienangehörigen.
- Das Tool speichert Analysen nur browserseitig (window.storage). Es gibt keinen Cloud-Account.
8. Anschluss-Materialien
| Material | Wo |
|---|---|
| Vollständige Bedienungsanleitung | BEGLEITPAPIER.md |
| Methodisches Paper | PAPER-strukturvergleich-v1.0.md |
| Schema für Tool-Verkettung | SCHEMA-konkordanz-v1.md |
| Flyer für Aushang | FLYER-pdi-v2.1.pdf |
| Tool-Quelltext | pdi-v2.1.jsx |
9. Feedback an Autor
Bei Korrekturen, didaktischen Vorschlägen, weiteren Unterrichtskonzepten oder Theorien-Wünschen:
forschung@tschueller.com
Lehrer:innen-Handreichung · v1.0 · Mai 2026 · CC BY 4.0 Thomas Schüller · ORCID 0009-0003-9799-6747 · Wien