Haltung und Diskurs
Werte, Grenzen und eine Streitkultur, die den Regelkreis am Leben hält
Thomas Schüller · Syntagma Forschung Wien · Slug: haltung-und-diskurs
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forschung@tschueller.com · Wien / Tulln, Österreich · Lizenz: CC BY 4.0
Teil I — Haltung
1 Freiheit des Wortes und der Kunst
Wir stehen für die journalistische und künstlerische Freiheit und für die Meinungsfreiheit als hohes Gut unserer Gesellschaft und demokratischer Ordnungen (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 19). Toleranz und Respekt gegenüber anderen sowie gewaltfreie Kommunikation (Rosenberg, 2003) verstehen wir als elementare Grundlagen von Gesellschaft und Demokratie — und als Arbeitsgrundlage jeder gemeinsamen Forschung.
2 Klare Grenzen
Wir distanzieren uns von jeder Art politisch oder religiös motivierten Extremismus, von Sexismus und von jeder Form der Diskriminierung. Keine Gewalt — verbal oder nonverbal, online oder offline. Die Privatsphäre jeder Person ist zu achten. Diese Grenzen sind nicht verhandelbar; alles andere ist es.
Offenheit endet dort, wo sie missbraucht wird, um die Offenheit selbst abzuschaffen — das Toleranz-Paradox ist seit Popper (1945) benannt. Eine Gemeinschaft, die alles duldet, verliert die Bedingungen, unter denen Dulden möglich ist. Darum sind die Grenzen kurz, klar und die einzige Stelle, an der nicht diskutiert wird.
3 Forschende sind Forschende
Syntagma versteht sich eher als Vereinigung denn als Verein: ein Zusammenschluss von Menschen, die wissenschaftlich-forscherisch tätig sind — gleich welcher Disziplin, mit oder ohne Titel, Abschluss, Institution, gleich welcher Herkunft. Diese Trennlinien sollen aufbrechen: Forschende sind Forschende. Ebene und Niveau machen keinen Statusunterschied, solange zwei Dinge gelten: die Mindestgrundsätze dieser Haltung und das Arbeiten nach wissenschaftlichen Standards, nach Stand der Technik. Der Vergleich trägt: Wie Führerschein und Überprüfung beim Fahrzeug prüft der Standard das Werk und die Praxis — nie die Person. Qualitätsprüfung ja, Zugangsschranke nein: keine Bezahlschranken, keine Zertifikats-, Alters-, Lebenslauf- oder Kapitalhürden vor dem Mitforschen.
4 Zusammenarbeit statt Konkurrenz
Zusammen sind wir stärker: mehr Wissen, mehr Hände, mehr Rechenleistung, keine unnötige Mehrfacharbeit. Konkurrenz als Organisationsprinzip macht alle zu Verlierern, die einander bekämpfen und das Arbeiten schwer machen; respektvolles Miteinander entwickelt schneller, effizienter, bewusster und ressourcenschonender. Vernetzt wird ohne Ansehen der Form: Private, Institutionen, Wirtschaft, Industrie, Bildungseinrichtungen, NGOs, Einzelpersonen, Netzwerke. Was zählt, ist die Richtung und die Auslegung der Mindeststandards — so viel wie nötig, so wenig wie möglich, abhängig von Disziplin, Ziel und Fragestellung, offen gegenüber Interessen und Beteiligten (Stakeholder werden benannt, nicht versteckt).
5 Global, ohne Grenzen im Kopf
Forschung ist global und in der Sache grenzenlos: Ein Pass hat im Thema nichts verloren, ebenso wenig Herkunft, Hautfarbe oder Nationalität. Und sie ist generationenübergreifend: Wir denken an die nächsten Generationen und anerkennen Pflichten gegenüber den noch Ungeborenen, gegenüber Umwelt und Natur — als Prüfkriterium, nicht als Etikett: kein Greenwashing, kein Socialwashing. Was aufgeblasen und unehrlich ist, wird herausgenommen, damit Platz für Neues entsteht — echtes Wachstum statt Ausbeutung.
6 Neutralität ist Arbeit
Neutral, unvoreingenommen, nicht urteilend — das ist kein Zustand, sondern eine Fähigkeit, die trainiert werden muss. In jedem Menschen laufen unbewusste Mechanismen mit, die er nicht direkt steuern kann; die Kognitionsforschung hat diese Verzerrungen breit dokumentiert (Kahneman, 2011). Die Konsequenz ist methodisch: Wir behaupten nicht Neutralität, wir bauen sie — durch Offenlegung, Gegenlesen, Prüfverfahren und die Bereitschaft, eigene Ergebnisse als verzerrbar zu behandeln. Wer sich für unvoreingenommen hält, hat die erste Verzerrung bereits übersehen.
Teil II — Der lebende Diskurs
7 Geordnetes Chaos, kein letztes Wort
Forschung und Entdeckung laufen nicht nach Lehrbuch, Praxis und Wirklichkeit meist auch nicht — und wer sie in klassische Hierarchien zwingt, beschränkt sich selbst mit hohem Aufwand. Die Organisationsform ist darum geordnetes Chaos: Struktur ohne festgelegte Hierarchie, Regeln nur am Rand (Grenzen, Standards, Feedback-Pflicht), dazwischen freier Lauf. Es gibt kein letztes Wort; es gibt den lebenden Diskurs. Streit ist dabei kein Betriebsunfall, sondern die Erkenntnisfunktion selbst: Argumentieren ist evolutionär eine soziale Prüftechnik — Gruppen, die respektvoll streiten, schlagen Einzelne, die sich selbst bestätigen (Mercier & Sperber, 2011).
8 Feedback als Respekt
Ehrliches Feedback ist ein Zeichen des Respekts, keine Beleidigung; wer schweigt, bricht den Regelkreis. Der Feedback-Loop muss aufrechterhalten werden — er erzeugt, belebt, steuert. Das wird ingenieursmäßig angegangen: Jede Arbeit bekommt eine Rückmeldung, jede Rückmeldung eine Antwort, jede offene Frage einen Ort. Zwei erprobte Regeln machen Kritik fruchtbar: Erst die Position des anderen so wiedergeben, dass er zustimmt „genau so meine ich es", dann nennen, was man gelernt hat — und erst dann widersprechen (Rapoport-Regeln, nach Dennett, 2013). Und wo zwei Lager sich dauerhaft widersprechen, wird gemeinsam ein Experiment entworfen, das beide vorab als entscheidend anerkennen (adversarial collaboration: Mellers, Hertwig & Kahneman, 2001).
9 Streitkultur als Format: vom Clash zum Erkenntnis-Battle
Die Vorlagen für eine lebendige, respektvolle Streitkultur existieren längst — außerhalb der Wissenschaft: Poetry Slam, Battle-Rap und Freestyle-Battle, der Soundclash der Soundsystem-Kultur (ritualisierter Wettbewerb mit festen Regeln und Publikumsurteil — in der eigenen Monographie zur freien Soundsystem-Kultur bereits als Konzept erfasst), der sportliche Wettkampf. Gemeinsamer Kern: harter Wettbewerb in der Sache, strikte Regeln, Respekt vor der Person, das Publikum als Instanz. Science Slams gibt es — hier geht es um das nächste Level: Wettkampfformate, die nicht Präsentation prämieren, sondern Argument, Prüfung und Verständlichkeit. Vier abgeleitete Formate als Startaufstellung:
Zwei Positionen zur selben Fachfrage, je gleiche Redezeit, Pflichtrunde nach Rapoport (erst wiedergeben, dann widersprechen). Das Publikum bewertet die Argumente, nicht die Show; Urteil wird begründet und dokumentiert.
Eine Person verteidigt ihre These spontan gegen Einwände aus dem Raum — auf Zeit, ohne Folien. Prämiert wird die beste Antwort auf den stärksten Einwand; „weiß ich nicht, prüfe ich" zählt als gültiger Zug.
Zwei Teams, dieselbe Fragestellung, zwei Wege — offener Vergleich von Ansatz, Aufwand und Ergebnis nach vorab gemeinsam festgelegten Kriterien (adversarial collaboration als Bühnenformat).
Ein Thema, mehrere Disziplinen, je fünf Minuten. Gewertet wird Verständlichkeit für Fachfremde — Übersetzung als Wettkampfdisziplin (Systemschrift §3).
Für alle Formate gelten dieselben Sätze: Angegriffen wird das Argument, nie die Person. Feedback ist Pflicht und Teil des Formats. Alles wird offen dokumentiert — der Battle ist Erhebung, nicht nur Ereignis. Und das Urteil von heute ist Einspruch von morgen: kein letztes Wort.
10 Werkzeuge einer neuen Ära
KI ist für diese Forschung Werkzeug, Instrument — Teil einer neuen Ära des Arbeitens, so wie Teleskop und Rechner es waren. Als Werkzeug wird sie voll genutzt; als Autorität wird sie nicht anerkannt: Generativ erzeugte Angaben gelten als ungeprüft, bis die Primärquelle bestätigt ist (Systemschrift §5). Dasselbe gilt für jedes künftige Instrument. Die Ordnung bleibt dieselbe: Prüfung entscheidet — ehrliches Miteinander, ganzheitlich gedacht, mit Vorgeschichte, Gegenwart und offener Zukunft samt ihrer unsicheren Ausgänge. Keine Illusionen, keine Dogmen: Wissen ist kein Privatgut, und wer es dazu erklärt, blockiert und verzerrt am Ende alle — sich selbst eingeschlossen.
→ Weiterführend
Die Standpunkte mit Quellen: Grundsatzerklärung „Wissen ist Allgemeingut" · der Betrieb: Systemschrift · die Nutzungsordnung: Thesenpapier „Die Ordnung des Teilens".
§ Literatur
Dennett, D. C. (2013). Intuition Pumps and Other Tools for Thinking. Norton, New York. (Rapoport-Regeln.)
Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux, New York.
Mellers, B., Hertwig, R. & Kahneman, D. (2001). Do frequency representations eliminate conjunction effects? An exercise in adversarial collaboration. Psychological Science, 12(4), 269–275.
Mercier, H. & Sperber, D. (2011). Why do humans reason? Arguments for an argumentative theory. Behavioral and Brain Sciences, 34(2), 57–74.
Popper, K. R. (1945). The Open Society and Its Enemies. Routledge, London. (Toleranz-Paradox.)
Rosenberg, M. B. (2003). Nonviolent Communication: A Language of Life. PuddleDancer, Encinitas.
Vereinte Nationen (1948). Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 19.
Schüller, T. (2026). Mehr als eine Nacht. Monographie zur freien Soundsystem-Kultur, Arbeitsstand. (Soundclash als geregelter Wettbewerb; in Vorbereitung.)