ETHOSLAB – Methodenspezifikation v1.0
ETHOSLAB
Digitales Ethikkommissions-Deliberationssystem
Wissenschaftliche Methodenspezifikation --- Version 1.0
Dokumenttyp:
Methodenspezifikation · Peer-Review-fähiger Entwurf
Zitierbarkeit: Ja (nach Abschluss der externen Begutachtung)
Reproduzierbarkeit: Vollständig --- deterministische Berechnungsmethodik
Falsifizierbarkeit: Ja --- explizite Testbarkeitskriterien in Abschnitt 7
Stand: 2025 | Domäne: Forschungsethik, Regulatorik, Technikfolgenabschätzung
Kontakt: forschung@tschueller.com | ORCID 0009-0003-9799-6747
Abstract
ETHOSLAB ist ein formalisiertes Multi-Criteria-Deliberationssystem für ethische Bewertungen in Forschung, Technologieentwicklung und regulatorischen Verfahren. Im Unterschied zu bestehenden Ethikkommissions-Workflows, die auf nicht-quantifizierten Expertenurteilen und Prosa-Gutachten basieren, operationalisiert ETHOSLAB alle Bewertungsdimensionen in messbare, gewichtete Kriteriensets. Die resultierende Entscheidung ist vollständig reproduzierbar: identische Eingaben erzeugen identische Ergebnisse. Abweichungen zwischen Bewertern sind quantifizierbar und auf spezifische Gewichtungsdifferenzen zurückführbar.
Das Verfahren kombiniert Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA, ISO 15288-basiert) mit modifizierter Dempster-Shafer-Evidenztheorie für Unsicherheitsquantifizierung, einem formalisierten Dual-Use Threat Assessment nach Fink Report (NRC 2004) und NSABB-Kriterien sowie einer strukturierten Interessenkonflikt-Matrix mit Inkommensurabilitätsprüfung nach Chang (1997). Alle Entscheidungsknoten sind mit publizierten ethischen, rechtlichen und wissenschaftlichen Referenznormen verknüpft.
Ziel ist nicht die Automatisierung ethischer Entscheidungen, sondern deren Strukturierung: ETHOSLAB erzeugt einen nachvollziehbaren, anfechtbaren, zitierfähigen Entscheidungspfad --- die finale Entscheidung verbleibt bei der menschlichen Kommission.
1 Grundprinzipien und epistemologische Rahmung
1.1 Wissenschaftlichkeitskriterien
ETHOSLAB erfüllt die vier Kernkriterien wissenschaftlicher Methodik nach Popper (1935) und Kuhn (1962):
| Kriterium | Anforderung | Umsetzung in ETHOSLAB |
| Reproduzierbarkeit | Gleiche Inputs → gleiche Outputs | Deterministische MCDA-Formel; keine stochastischen Elemente im Kernalgorithmus |
| Falsifizierbarkeit | Methode muss widerlegbar sein | Explizite Testbarkeitskriterien; Validierung gegen historische Fälle (Abschn. 7) |
| Transparenz | Vollständige Nachvollziehbarkeit | Alle Gewichte, Formeln und Referenzen sind öffentlich dokumentiert |
| Intersubjektivität | Unabhängig vom Bewerter | Operationalisierte Kriterien; Bewerter-Divergenz wird quantifiziert |
1.2 Erkenntnistheoretische Grenzen
Ethische Bewertungen sind nicht vollständig formalisierbar. ETHOSLAB behauptet nicht, eine "richtige" Antwort zu berechnen, sondern einen strukturierten Argumentationsrahmen bereitzustellen, der:
alle relevanten Dimensionen systematisch erfasst,
Gewichtungsentscheidungen explizit und anfechtbar macht,
Unsicherheiten quantifiziert statt verdeckt,
und Dissens formal dokumentiert statt ignoriert.
Inkommensurable Wertkonflikte nach Chang (1997) --- d.h. Konflikte, bei denen keine gemeinsame Bewertungseinheit existiert --- werden als solche ausgewiesen und erfordern eine explizite Priorisierungsentscheidung mit vollständiger Begründung. Sie werden nicht durch Mittelwertbildung aufgelöst.
1.3 Verhältnis zu bestehenden Kommissionsverfahren
ETHOSLAB ersetzt keine bestehenden Ethikkommissionen (Universitäts-EK, klinische EK, EK nach § 8 GTG AT). Es strukturiert und dokumentiert deren Deliberationsprozess. Das Verfahren ist als Ergänzungs- und Dokumentationsinstrument konzipiert, nicht als Ersatz menschlicher Urteilsfähigkeit.
2 Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) --- Kerналgorithmus
2.1 Formale Definition
Die Grundstruktur folgt dem gewichteten additiven Modell der MCDA (Keeney & Raiffa 1976; Figueira et al. 2005):
R = Σ (wᵢ × sᵢ) für i = 1 bis n
wobei:
R = Gesamtrisikowert [0, 100]
wᵢ = Kriteriengewicht, Σwᵢ = 1
sᵢ = Kriteriumsscore [0, 10]
n = Anzahl aktiver Kriterien (domänenabhängig)
Das Modell ist additiv, nicht multiplikativ. Interdependenzen zwischen Kriterien werden in Phase 2 (Interessenkonflikt-Matrix) separat erfasst.
2.2 Domänenspezifische Kriterienkataloge
Jede Domäne besitzt einen eigenen Kriterienkatalog mit standardisierten Gewichten. Die Gewichte basieren auf publizierten regulatorischen Rahmenwerken:
| Domäne | Hauptreferenz | Kriterienanzahl | Schwergewicht |
| Medizin / klinisch | Helsinki-Deklaration 2013; ICH GCP E6 | 8 | Informed Consent (w=0.25) |
| Gentechnik / Synthetische Bio | EU GTR; Cartagena-Protokoll; NSABB | 8 | Keimbahneingriff (w=0.30) |
| Künstliche Intelligenz | EU AI Act 2024/1689; DSGVO Art.22 | 8 | Bias/Diskriminierung (w=0.22) |
| Technik / Infrastruktur | EU Maschinenverordnung; VDI-Ethik | 8 | Dual-Use (w=0.20) |
| Umwelt / Ökosystem | Rio-Deklaration; Natura 2000 | 8 | Biodiversität (w=0.28) |
| Sozialwissenschaft | APA Ethics Code; DSGVO Art.89 | 8 | Machtgefälle (w=0.22) |
2.3 Operationalisierung der Kriterien
Jedes Kriterium wird über operationalisierte Indikatoren gemessen, nicht durch freie Einschätzung. Beispiel für Kriterium "Informed Consent" (Medizin-Domäne):
| Score | Operationalisierter Indikator |
| 1--2 | Schriftliche, freiwillige, informierte Einwilligung aller Betroffenen vorhanden; unabhängige Aufklärung dokumentiert |
| 3--4 | Einwilligung vorhanden, aber Lücken: z.B. keine Aufklärung über Langzeitrisiken oder unklare Freiwilligkeit |
| 5--6 | Einwilligung nur teilweise möglich (z.B. Minderjährige, eingeschränkte Handlungsfähigkeit) --- Schutzmaßnahmen unvollständig |
| 7--8 | Einwilligung strukturell eingeschränkt (Abhängigkeitsverhältnis, institutioneller Druck) ohne ausreichende Gegenmaßnahmen |
| 9--10 | Keine Einwilligung möglich oder nicht eingeholt; oder Täuschung der Probanden |
Analoges Operationalisierungsschema existiert für alle 48 Kriterien (6 Domänen × 8 Kriterien). Vollständige Tabelle: Anhang A.
3 Unsicherheitsquantifizierung --- Modifizierte Dempster-Shafer-Theorie
3.1 Begründung
Klassische MCDA setzt voraus, dass Bewerter sichere Urteile abgeben können. In der Forschungsethik ist dies häufig nicht der Fall: Evidenz ist unvollständig, Langzeitfolgen sind unbekannt, Expertenmeinungen divergieren. Einfache Mittelwertbildung verdeckt diese Unsicherheit.
ETHOSLAB implementiert eine vereinfachte Dempster-Shafer-Evidenztheorie (Shafer 1976; Dempster 1967), die Glaubensgrade statt Wahrscheinlichkeiten verwendet:
Bel(A) = Grad der Überzeugung, dass A gilt
Pl(A) = Grad der Plausibilität von A
U(A) = 1 - Bel(A) - Bel(¬A) = Unsicherheitsanteil
Für ETHOSLAB: A = {Kriterium erfüllt}
Bel(A) ∈ [0,1], Bel(¬A) ∈ [0,1], Bel(A) + Bel(¬A) ≤ 1
Unsicherheitsanteil U = 1 - Bel(A) - Bel(¬A)
3.2 Praktische Implementierung
Für jeden Kriterienscore sᵢ erfragt ETHOSLAB zusätzlich die Evidenzqualität εᵢ:
| Evidenzqualität εᵢ | Beschreibung | Gewichtungsmodifikator |
| Hoch (εᵢ = 1.0) | Systematische Reviews, RCTs, regulatorisch anerkannte Studien | Kein Abzug |
| Mittel (εᵢ = 0.75) | Expertenkonsens, Beobachtungsstudien, anerkannte Leitlinien | Score × 0.75 + 2.5 × 0.25 |
| Gering (εᵢ = 0.5) | Expertenmeinung, Fallberichte, Analogieschlüsse | Score × 0.5 + 5 × 0.5 |
| Minimal (εᵢ = 0.25) | Spekulation, fehlende Daten, reine Extrapolation | Score auf 5 (Mitte) gesetzt; U = 0.75 |
Der korrigierte Score sᵢ* ergibt sich als:
sᵢ* = sᵢ × εᵢ + Referenzwert × (1 - εᵢ)
Referenzwert = 5 (maximale Unsicherheit = neutrale Position)
Korrektheitskonfidenz = εᵢ × 100%
Der Gesamtunsicherheitsindex U_gesamt = 1 - (Σ εᵢ × wᵢ) wird im Gutachten als "Konfidenzintervall des Risikoindex" ausgewiesen.
4 Dual-Use Threat Assessment
4.1 Regulatorischer Rahmen
Das Dual-Use-Modul basiert auf drei publizierten Referenzrahmen:
| Dokument | Herausgeber | Jahr | Relevanz |
| Biotechnology Research in an Age of Terrorism ("Fink Report") | NRC / National Academies | 2004 | 7 Kategorien von 'Experiments of Concern'; primäre Referenz für biologische DU-Bewertung |
| Recommendations on Dual Use Research of Concern (DURC) | NSABB | 2012 | Operationale Kriterien für Gain-of-Function und verwandte Experimente |
| EU Dual-Use-Verordnung | Europäische Union | 2021/821 | Rechtsverbindliche Exportkontrolle; Anhang I: kontrollpflichtige Güter und Technologien |
| WHO Guidance: Responsible Science | World Health Organization | 2022 | Globaler Rahmen für biosicherheitsrelevante Forschungskommunikation |
4.2 Bewertungsmatrix --- 8 Achsen
Jede Achse ist einem Fink-Report-Kapitel oder NSABB-Kriterium zugeordnet:
| # | Achse | Referenz | Formel |
| DU-1 | Reproduzierbarkeit des Schadens | Fink Kap. 3.1 | Skala 1--10; 10 = trivial reproduzierbar |
| DU-2 | Skaleneffekt (potenzielle Opferzahl) | NSABB §4a | log₁₀(max. Opfer) × 1.5; gedeckelt bei 10 |
| DU-3 | Wissensdiffusion bei Publikation | Fink Kap. 3.2 | Kontrollierbarkeit-Invers; 10 = unkontrollierbar |
| DU-4 | Hemmung von Gegenmaßnahmen | Fink Kap. 3.3 | Skala 1--10; 10 = vollständige Hemmung |
| DU-5 | Pathogenitäts-/Wirksamkeitssteigerung | Fink Kap. 3.4 | Skala 1--10; 10 = katastrophale Steigerung |
| DU-6 | Einstiegsschwelle (Barrier to Entry) | NSABB §4c | Invers der technischen Anforderungen; 10 = jeder kann es |
| DU-7 | Staatliche/nicht-staatliche Nutzbarkeit | EU 2021/821 Art.4 | Akteurs-Matrix: 0=nein, 5=staatlich, 10=auch sub-staatlich |
| DU-8 | Irreversibilität des Dual-Use-Schadens | Vorsorgeprinzip | Reversibilitäts-Invers; 10 = permanent/global |
4.3 Dual-Use-Score und Schwellenwerte
DUS = Σ (wDUᵢ × DUᵢ) × 10
Standardgewichte: wDU1=0.15, wDU2=0.20, wDU3=0.12,
wDU4=0.12, wDU5=0.15, wDU6=0.10,
wDU7=0.08, wDU8=0.08
DUS ∈ [0, 100]
| DUS-Bereich | Klasse | Handlungsempfehlung | Rechtsreferenz |
| 0--24 | Kein signifikantes DU-Risiko | Standardverfahren; keine Sondermaßnahmen | --- |
| 25--49 | Erhöhtes Risiko | Zugangskontrolle, Need-to-Know, NSABB-Registrierung empfohlen | EU 2021/821 Art.7 |
| 50--74 | Hohes Risiko | Behördliche Genehmigungspflicht; Publikationsrestriktionen; internationale Meldepflicht | § 6 GTG AT; NSABB §5 |
| 75--100 | Kritisch --- Ablehnung empfohlen | Ablehnung oder Moratorium bis zur Entwicklung eines Schutzrahmens | Fink Report Empfehlung 2.3 |
5 Strukturierte Interessenkonflikt-Analyse
5.1 Inkommensurabilität nach Chang (1997)
Nicht alle ethischen Konflikte sind durch Abwägung lösbar. Chang (1997) unterscheidet:
| Konflikttyp | Definition | ETHOSLAB-Behandlung |
| Komparabel | Beide Interessen auf gemeinsamer Skala messbar | Gewichtete MCDA-Abwägung |
| Inkommensurabel | Keine gemeinsame Bewertungseinheit existiert | Explizite Priorisierungsentscheidung mit vollständiger Begründung (kein Mittelwert) |
| Nicht vergleichbar | Vergleich ist konzeptuell nicht sinnvoll | Ausschluss aus Abwägung; separate Behandlung |
Inkommensurable Konflikte werden im ETHOSLAB-Gutachten als eigenständiger Abschnitt "Struktureller Interessenkonflikt" ausgewiesen. Dort wird die Priorisierungsentscheidung explizit begründet --- nicht algorithmisch berechnet.
5.2 Interessenträger-Taxonomie
ETHOSLAB erfasst sieben standardisierte Interessenträger-Kategorien, die auf WHO (2011) und Beauchamp & Childress (2019) basieren:
| Kategorie | Typische Interessen | Typische Konflikte |
| Wissenschaft/Forscher | Erkenntnisgewinn, Publikation, Autonomie | vs. Sicherheit, vs. Datenschutz |
| Betroffene Personen | Sicherheit, Heilung, Selbstbestimmung | vs. wissenschaftliche Notwendigkeit |
| Gesellschaft/Öffentlichkeit | Fortschritt, Sicherheit, Vertrauen in Wissenschaft | vs. Einzelinteressen |
| Industrie/Sponsor | Kommerzieller Nutzen, Patente | vs. Gemeinwohl, vs. Transparenz |
| Staat/Regulierung | Rechtsordnung, Sicherheit, Innovation | vs. Forschungsfreiheit |
| Zukünftige Generationen | Unversehrte Erbmasse, stabile Systeme | vs. gegenwärtiger Nutzen |
| Nicht-menschliche Wesen/Ökosystem | Unversehrtheit, Habitat | vs. Forschungsnutzen |
6 Formalisierter Entscheidungsbaum
6.1 Logik und Referenzen
Der Entscheidungsbaum prüft sieben notwendige Bedingungen für eine ethisch vertretbare Genehmigung. Jeder Knoten ist mit einer publizierten Norm verknüpft. Ein NEIN an einem Knoten erzeugt eine Ablehnungsempfehlung --- nicht automatisch eine Ablehnung, aber eine begründungspflichtige Abweichung davon.
| Knoten | Prüffrage | Referenz | NEIN-Konsequenz |
| Q1 | Ist freiwillige, informierte Einwilligung aller Betroffenen möglich? | Helsinki §25; Belmont 1979 | Ablehnung oder strenge Auflagen + Schutzmaßnahmen |
| Q2 | Überwiegt Nutzen klar und nachweisbar die bekannten Risiken? | Principlism (B&C 2019) | Begründungspflicht; ggf. Ablehnung |
| Q3 | Ist das Vorhaben mit geltendem Recht (AT/EU) vollständig vereinbar? | GTG AT; AMG AT; EU AI Act | Ablehnung (keine Ausnahme ohne Rechtsänderung) |
| Q4 | Ist das Dual-Use-Risiko auf akzeptables Maß begrenzbar? | Fink Report 2004; NSABB | Ablehnung bei DUS ≥ 75 |
| Q5 | Werden vulnerable Gruppen ausreichend geschützt? | UN CRC; EKG AT | Auflagen zwingend; ggf. Ablehnung |
| Q6 | Ist das Vorhaben mit dem Vorsorgeprinzip vereinbar? | Rio-Deklaration Prinzip 15; AEUV Art.191 | Moratoriums-Empfehlung bei hoher Unsicherheit |
| Q7 | Existiert ein unabhängiger Monitoring-Mechanismus? | ICH GCP E6; WHO 2011 | Auflage zwingend |
6.2 Formale Entscheidungslogik
Entscheid = f(Q1..Q7, R, DUS)
ABLEHNUNG wenn:
Q1 = NEIN ODER
Q3 = NEIN ODER
DUS ≥ 75 ODER
(Anzahl NEIN ≥ 3)
AUFLAGEN wenn:
(Anzahl NEIN = 1 oder 2) UND DUS < 75 UND
(Q1 ≠ NEIN UND Q3 ≠ NEIN)
GENEHMIGUNG wenn:
Alle Q = JA UND R < 40 UND DUS < 25
VERTAGUNG wenn:
U_gesamt > 0.40 (zu hohe Gesamtunsicherheit)
7 Dissent-Protokoll und Transparenz
7.1 Begründung formaler Dissens-Dokumentation
Echte Ethikkommissionen sind selten einstimmig. WHO (2011), § 8 GTG AT und die Empfehlungen der Österreichischen Bioethikkommission sehen vor, dass Minderheitsvoten formal dokumentiert werden. ETHOSLAB implementiert dies als Pflichtfeld: Jede abweichende Expertenposition wird mit Fachrichtung, Hauptargument und Voten-Gewicht erfasst.
7.2 Dissent-Struktur
| Feld | Inhalt | Format |
| Dissident | Name und Fachrichtung des abweichenden Mitglieds | Freitext |
| Votum | Abweichendes Votum (Ablehnung / Vertagung / stärkere Auflagen) | Kontrolliert |
| Hauptargument | Kernbegründung in max. 200 Wörtern | Freitext; peer-geprüft |
| Referenz | Stützende Norm oder Literatur | APA-Format |
| Konsequenz | Auswirkung auf Gesamtentscheid | Dokumentiert, nicht automatisiert |
7.3 Testbarkeitskriterien (Falsifizierbarkeit)
ETHOSLAB erfüllt Poppers Falsifizierungskriterium durch folgende Testanordnungen:
Historische Kalibrierung: Das System wird an 20 dokumentierten historischen Fällen getestet (inkl. Tuskegee, Contergan, He Jiankui, Cambridge Analytica). Das Ergebnis muss mit dem historischen Urteil übereinstimmen (Sensitivität ≥ 0.85).
Inter-Rater-Reliabilität: Zwei unabhängige Bewerter desselben Falls müssen zu einem Gesamtrisikowert R kommen, der ±15 Punkte nicht übersteigt (bei identischen Operationalisierungstabellen).
Gewichtungs-Sensitivitätsanalyse: Variation aller Kriteriengewichte um ±20% darf den Entscheid (Genehmigung/Auflagen/Ablehnung) nur in klar definierten Grenzfällen (R ∈ [38,42] ∪ [63,67]) verändern.
Reproduzierbarkeitstest: Identische Datensätze, eingespeist zu verschiedenen Zeitpunkten oder von verschiedenen Bewertern mit identischen Operationalisierungen, müssen identische R-Werte (±0) erzeugen.
8 Gutachten-Ausgabeformat
8.1 Pflichtstruktur
Jedes ETHOSLAB-Gutachten enthält folgende Abschnitte in verbindlicher Reihenfolge:
| # | Abschnitt | Inhalt | Pflicht? |
| 1 | Zusammenfassung | Max. 200 Wörter; Votum, Risikoklasse, DUS | Ja |
| 2 | Vorhaben-Beschreibung | Operationalisierter Input | Ja |
| 3 | Risikoindex (R) | Berechnungsnachweis mit Einzelscores und Gewichten | Ja |
| 4 | Dual-Use-Score (DUS) | Berechnungsnachweis nach Fink/NSABB | Ja |
| 5 | Unsicherheitsindex (U) | Evidenzqualitäten und Konfidenz | Ja |
| 6 | Interessenkonflikt-Analyse | Matrix inkl. Inkommensurabilitätsausweisung | Ja |
| 7 | Entscheidungsbaum-Ergebnis | Q1--Q7 mit Referenzen und Antworten | Ja |
| 8 | Ethische Pluralanalyse | Aktive Theorien; Konsens und Dissens | Ja |
| 9 | Rechtliche Einschätzung | Compliance-Matrix mit Jurisdiktion | Ja |
| 10 | Kommissionsvotum | Abstimmungsergebnis numerisch | Ja |
| 11 | Auflagen | Nummeriert, vollständig, verbindlich | Falls Auflagen |
| 12 | Begründung | Argumentativ, mit Normbezügen | Ja |
| 13 | Dissent-Protokoll | Minderheitsvoten formal dokumentiert | Falls Dissens |
| 14 | Folgeschritte | Wiedervorlage, Monitoring, Behörden | Ja |
| 15 | Literaturverzeichnis | Alle zitierten Normen und Quellen, APA-Format | Ja |
8.2 Zitierformat
Das Gutachten ist nach Abschluss der ETHOSLAB-Plattform-Validierung (Abschn. 7, Testkriterium 1--4) im Format einer anerkannten wissenschaftlichen Methode zitierbar. Vorgeschlagenes Zitierformat:
ETHOSLAB-Kommission (2025). Ethikvotum ETH-XXXXXX: [Titel des Vorhabens]. Erstellt mit ETHOSLAB v1.0 (DOI: ausstehend). Session vom TT.MM.JJJJ.
9 Rechtliche Verankerung (Österreich / EU)
| Domäne | Primärnorm | Relevanz für ETHOSLAB |
| Medizin | § 8 Ärztegesetz AT; AMG §§ 28--40 | Zulässigkeit ethischer Prüfung; Dokumentationspflichten |
| Gentechnik | §§ 5--12 GTG AT; EU-Freisetzungs-RL 2001/18/EG | Pflicht zur Ethikprüfung; Dual-Use-Meldepflicht |
| KI | EU AI Act Art. 9 (Risikomanagement); Art. 13 (Transparenz) | Hochrisiko-KI muss Konformitätsbewertung inkl. Ethikprüfung durchlaufen |
| Allgemein | Ethikkommissionsgesetz (EKG) AT; WHO Res. WHA63.27 | Operative Grundlage für Kommissionsverfahren in AT |
| Datenschutz | DSGVO Art. 89 (Forschung); Art. 22 (automatisierte Entscheidungen) | KI-gestützte Ethikbewertung unterliegt DSGVO |
| Dual-Use | EU-Dual-Use-VO 2021/821; § 13 GTG AT | Meldepflichten; Exportkontrolle; strafrechtliche Relevanz |
10 Literaturverzeichnis
Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2019). Principles of Biomedical Ethics (8th ed.). Oxford University Press.
Belmont Commission (1979). The Belmont Report: Ethical Principles and Guidelines for the Protection of Human Subjects of Research. DHEW.
Chang, R. (1997). Incommensurability, Incomparability, and Practical Reason. Harvard University Press.
Dempster, A. P. (1967). Upper and lower probabilities induced by a multivalued mapping. Annals of Mathematical Statistics, 38(2), 325--339.
European Parliament & Council (2024). Regulation (EU) 2024/1689 --- Artificial Intelligence Act. Official Journal of the European Union.
European Union (2021). Regulation (EU) 2021/821 on the Control of Exports of Dual-Use Items. Official Journal of the European Union.
Figueira, J., Greco, S., & Ehrgott, M. (Eds.) (2005). Multiple Criteria Decision Analysis: State of the Art Surveys. Springer.
Fink, G. et al. (2004). Biotechnology Research in an Age of Terrorism. National Academies Press.
Jonas, H. (1979). Das Prinzip Verantwortung. Insel Verlag Frankfurt.
Keeney, R. L., & Raiffa, H. (1976). Decisions with Multiple Objectives: Preferences and Value Trade-offs. Wiley.
Kuhn, T. S. (1962). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press.
National Science Advisory Board for Biosecurity (2012). Recommendations for the Evaluation and Oversight of Proposed Gain-of-Function Research. NSABB.
Popper, K. R. (1935). Logik der Forschung. Julius Springer Verlag Wien.
Rawls, J. (1971). A Theory of Justice. Harvard University Press.
Shafer, G. (1976). A Mathematical Theory of Evidence. Princeton University Press.
Singer, P. (1993). Practical Ethics (2nd ed.). Cambridge University Press.
United Nations (1992). Rio Declaration on Environment and Development. UN Conference on Environment and Development.
World Medical Association (2013). Declaration of Helsinki --- Ethical Principles for Medical Research Involving Human Subjects. WMA.
World Health Organization (2011). Standards and Operational Guidance for Ethics Review of Health-Related Research with Human Participants. WHO.
Anhang (ausstehend)
Anhang A: Vollständige Operationalisierungstabellen (48 Kriterien × Scoring-Skalen)
Anhang B: Historische Validierungsfälle (20 Fälle mit Soll/Ist-Vergleich)
Anhang C: Standardgewichte-Begründung je Domäne (mit Quellenangaben)
Anhang D: Inter-Rater-Reliabilitätsstudie (geplant)
Anhang E: Algorithmus-Quellcode (Open Source, Lizenz ausstehend)
Dieses Dokument ist ein Arbeitsentwurf. Es wurde noch keiner externen peer-basierten Begutachtung unterzogen. Kommentare und Kritik sind ausdrücklich erwünscht.