ETHOSLAB · Syntagma Forschung

ETHOSLAB – Methodenspezifikation v1.0

ETHOSLAB

Digitales Ethikkommissions-Deliberationssystem

Wissenschaftliche Methodenspezifikation --- Version 1.0

Dokumenttyp:

Methodenspezifikation · Peer-Review-fähiger Entwurf

Zitierbarkeit: Ja (nach Abschluss der externen Begutachtung)

Reproduzierbarkeit: Vollständig --- deterministische Berechnungsmethodik

Falsifizierbarkeit: Ja --- explizite Testbarkeitskriterien in Abschnitt 7

Stand: 2025 | Domäne: Forschungsethik, Regulatorik, Technikfolgenabschätzung

Kontakt: forschung@tschueller.com | ORCID 0009-0003-9799-6747

Abstract

ETHOSLAB ist ein formalisiertes Multi-Criteria-Deliberationssystem für ethische Bewertungen in Forschung, Technologieentwicklung und regulatorischen Verfahren. Im Unterschied zu bestehenden Ethikkommissions-Workflows, die auf nicht-quantifizierten Expertenurteilen und Prosa-Gutachten basieren, operationalisiert ETHOSLAB alle Bewertungsdimensionen in messbare, gewichtete Kriteriensets. Die resultierende Entscheidung ist vollständig reproduzierbar: identische Eingaben erzeugen identische Ergebnisse. Abweichungen zwischen Bewertern sind quantifizierbar und auf spezifische Gewichtungsdifferenzen zurückführbar.

Das Verfahren kombiniert Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA, ISO 15288-basiert) mit modifizierter Dempster-Shafer-Evidenztheorie für Unsicherheitsquantifizierung, einem formalisierten Dual-Use Threat Assessment nach Fink Report (NRC 2004) und NSABB-Kriterien sowie einer strukturierten Interessenkonflikt-Matrix mit Inkommensurabilitätsprüfung nach Chang (1997). Alle Entscheidungsknoten sind mit publizierten ethischen, rechtlichen und wissenschaftlichen Referenznormen verknüpft.

Ziel ist nicht die Automatisierung ethischer Entscheidungen, sondern deren Strukturierung: ETHOSLAB erzeugt einen nachvollziehbaren, anfechtbaren, zitierfähigen Entscheidungspfad --- die finale Entscheidung verbleibt bei der menschlichen Kommission.

1 Grundprinzipien und epistemologische Rahmung

1.1 Wissenschaftlichkeitskriterien

ETHOSLAB erfüllt die vier Kernkriterien wissenschaftlicher Methodik nach Popper (1935) und Kuhn (1962):

Kriterium Anforderung Umsetzung in ETHOSLAB
Reproduzierbarkeit Gleiche Inputs → gleiche Outputs Deterministische MCDA-Formel; keine stochastischen Elemente im Kernalgorithmus
Falsifizierbarkeit Methode muss widerlegbar sein Explizite Testbarkeitskriterien; Validierung gegen historische Fälle (Abschn. 7)
Transparenz Vollständige Nachvollziehbarkeit Alle Gewichte, Formeln und Referenzen sind öffentlich dokumentiert
Intersubjektivität Unabhängig vom Bewerter Operationalisierte Kriterien; Bewerter-Divergenz wird quantifiziert

1.2 Erkenntnistheoretische Grenzen

Ethische Bewertungen sind nicht vollständig formalisierbar. ETHOSLAB behauptet nicht, eine "richtige" Antwort zu berechnen, sondern einen strukturierten Argumentationsrahmen bereitzustellen, der:

Inkommensurable Wertkonflikte nach Chang (1997) --- d.h. Konflikte, bei denen keine gemeinsame Bewertungseinheit existiert --- werden als solche ausgewiesen und erfordern eine explizite Priorisierungsentscheidung mit vollständiger Begründung. Sie werden nicht durch Mittelwertbildung aufgelöst.

1.3 Verhältnis zu bestehenden Kommissionsverfahren

ETHOSLAB ersetzt keine bestehenden Ethikkommissionen (Universitäts-EK, klinische EK, EK nach § 8 GTG AT). Es strukturiert und dokumentiert deren Deliberationsprozess. Das Verfahren ist als Ergänzungs- und Dokumentationsinstrument konzipiert, nicht als Ersatz menschlicher Urteilsfähigkeit.

2 Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) --- Kerналgorithmus

2.1 Formale Definition

Die Grundstruktur folgt dem gewichteten additiven Modell der MCDA (Keeney & Raiffa 1976; Figueira et al. 2005):

R = Σ (wᵢ × sᵢ) für i = 1 bis n

wobei:

R = Gesamtrisikowert [0, 100]

wᵢ = Kriteriengewicht, Σwᵢ = 1

sᵢ = Kriteriumsscore [0, 10]

n = Anzahl aktiver Kriterien (domänenabhängig)

Das Modell ist additiv, nicht multiplikativ. Interdependenzen zwischen Kriterien werden in Phase 2 (Interessenkonflikt-Matrix) separat erfasst.

2.2 Domänenspezifische Kriterienkataloge

Jede Domäne besitzt einen eigenen Kriterienkatalog mit standardisierten Gewichten. Die Gewichte basieren auf publizierten regulatorischen Rahmenwerken:

Domäne Hauptreferenz Kriterienanzahl Schwergewicht
Medizin / klinisch Helsinki-Deklaration 2013; ICH GCP E6 8 Informed Consent (w=0.25)
Gentechnik / Synthetische Bio EU GTR; Cartagena-Protokoll; NSABB 8 Keimbahneingriff (w=0.30)
Künstliche Intelligenz EU AI Act 2024/1689; DSGVO Art.22 8 Bias/Diskriminierung (w=0.22)
Technik / Infrastruktur EU Maschinenverordnung; VDI-Ethik 8 Dual-Use (w=0.20)
Umwelt / Ökosystem Rio-Deklaration; Natura 2000 8 Biodiversität (w=0.28)
Sozialwissenschaft APA Ethics Code; DSGVO Art.89 8 Machtgefälle (w=0.22)

2.3 Operationalisierung der Kriterien

Jedes Kriterium wird über operationalisierte Indikatoren gemessen, nicht durch freie Einschätzung. Beispiel für Kriterium "Informed Consent" (Medizin-Domäne):

Score Operationalisierter Indikator
1--2 Schriftliche, freiwillige, informierte Einwilligung aller Betroffenen vorhanden; unabhängige Aufklärung dokumentiert
3--4 Einwilligung vorhanden, aber Lücken: z.B. keine Aufklärung über Langzeitrisiken oder unklare Freiwilligkeit
5--6 Einwilligung nur teilweise möglich (z.B. Minderjährige, eingeschränkte Handlungsfähigkeit) --- Schutzmaßnahmen unvollständig
7--8 Einwilligung strukturell eingeschränkt (Abhängigkeitsverhältnis, institutioneller Druck) ohne ausreichende Gegenmaßnahmen
9--10 Keine Einwilligung möglich oder nicht eingeholt; oder Täuschung der Probanden

Analoges Operationalisierungsschema existiert für alle 48 Kriterien (6 Domänen × 8 Kriterien). Vollständige Tabelle: Anhang A.

3 Unsicherheitsquantifizierung --- Modifizierte Dempster-Shafer-Theorie

3.1 Begründung

Klassische MCDA setzt voraus, dass Bewerter sichere Urteile abgeben können. In der Forschungsethik ist dies häufig nicht der Fall: Evidenz ist unvollständig, Langzeitfolgen sind unbekannt, Expertenmeinungen divergieren. Einfache Mittelwertbildung verdeckt diese Unsicherheit.

ETHOSLAB implementiert eine vereinfachte Dempster-Shafer-Evidenztheorie (Shafer 1976; Dempster 1967), die Glaubensgrade statt Wahrscheinlichkeiten verwendet:

Bel(A) = Grad der Überzeugung, dass A gilt

Pl(A) = Grad der Plausibilität von A

U(A) = 1 - Bel(A) - Bel(¬A) = Unsicherheitsanteil

Für ETHOSLAB: A = {Kriterium erfüllt}

Bel(A) ∈ [0,1], Bel(¬A) ∈ [0,1], Bel(A) + Bel(¬A) ≤ 1

Unsicherheitsanteil U = 1 - Bel(A) - Bel(¬A)

3.2 Praktische Implementierung

Für jeden Kriterienscore sᵢ erfragt ETHOSLAB zusätzlich die Evidenzqualität εᵢ:

Evidenzqualität εᵢ Beschreibung Gewichtungsmodifikator
Hoch (εᵢ = 1.0) Systematische Reviews, RCTs, regulatorisch anerkannte Studien Kein Abzug
Mittel (εᵢ = 0.75) Expertenkonsens, Beobachtungsstudien, anerkannte Leitlinien Score × 0.75 + 2.5 × 0.25
Gering (εᵢ = 0.5) Expertenmeinung, Fallberichte, Analogieschlüsse Score × 0.5 + 5 × 0.5
Minimal (εᵢ = 0.25) Spekulation, fehlende Daten, reine Extrapolation Score auf 5 (Mitte) gesetzt; U = 0.75

Der korrigierte Score sᵢ* ergibt sich als:

sᵢ* = sᵢ × εᵢ + Referenzwert × (1 - εᵢ)

Referenzwert = 5 (maximale Unsicherheit = neutrale Position)

Korrektheitskonfidenz = εᵢ × 100%

Der Gesamtunsicherheitsindex U_gesamt = 1 - (Σ εᵢ × wᵢ) wird im Gutachten als "Konfidenzintervall des Risikoindex" ausgewiesen.

4 Dual-Use Threat Assessment

4.1 Regulatorischer Rahmen

Das Dual-Use-Modul basiert auf drei publizierten Referenzrahmen:

Dokument Herausgeber Jahr Relevanz
Biotechnology Research in an Age of Terrorism ("Fink Report") NRC / National Academies 2004 7 Kategorien von 'Experiments of Concern'; primäre Referenz für biologische DU-Bewertung
Recommendations on Dual Use Research of Concern (DURC) NSABB 2012 Operationale Kriterien für Gain-of-Function und verwandte Experimente
EU Dual-Use-Verordnung Europäische Union 2021/821 Rechtsverbindliche Exportkontrolle; Anhang I: kontrollpflichtige Güter und Technologien
WHO Guidance: Responsible Science World Health Organization 2022 Globaler Rahmen für biosicherheitsrelevante Forschungskommunikation

4.2 Bewertungsmatrix --- 8 Achsen

Jede Achse ist einem Fink-Report-Kapitel oder NSABB-Kriterium zugeordnet:

# Achse Referenz Formel
DU-1 Reproduzierbarkeit des Schadens Fink Kap. 3.1 Skala 1--10; 10 = trivial reproduzierbar
DU-2 Skaleneffekt (potenzielle Opferzahl) NSABB §4a log₁₀(max. Opfer) × 1.5; gedeckelt bei 10
DU-3 Wissensdiffusion bei Publikation Fink Kap. 3.2 Kontrollierbarkeit-Invers; 10 = unkontrollierbar
DU-4 Hemmung von Gegenmaßnahmen Fink Kap. 3.3 Skala 1--10; 10 = vollständige Hemmung
DU-5 Pathogenitäts-/Wirksamkeitssteigerung Fink Kap. 3.4 Skala 1--10; 10 = katastrophale Steigerung
DU-6 Einstiegsschwelle (Barrier to Entry) NSABB §4c Invers der technischen Anforderungen; 10 = jeder kann es
DU-7 Staatliche/nicht-staatliche Nutzbarkeit EU 2021/821 Art.4 Akteurs-Matrix: 0=nein, 5=staatlich, 10=auch sub-staatlich
DU-8 Irreversibilität des Dual-Use-Schadens Vorsorgeprinzip Reversibilitäts-Invers; 10 = permanent/global

4.3 Dual-Use-Score und Schwellenwerte

DUS = Σ (wDUᵢ × DUᵢ) × 10

Standardgewichte: wDU1=0.15, wDU2=0.20, wDU3=0.12,

wDU4=0.12, wDU5=0.15, wDU6=0.10,

wDU7=0.08, wDU8=0.08

DUS ∈ [0, 100]

DUS-Bereich Klasse Handlungsempfehlung Rechtsreferenz
0--24 Kein signifikantes DU-Risiko Standardverfahren; keine Sondermaßnahmen ---
25--49 Erhöhtes Risiko Zugangskontrolle, Need-to-Know, NSABB-Registrierung empfohlen EU 2021/821 Art.7
50--74 Hohes Risiko Behördliche Genehmigungspflicht; Publikationsrestriktionen; internationale Meldepflicht § 6 GTG AT; NSABB §5
75--100 Kritisch --- Ablehnung empfohlen Ablehnung oder Moratorium bis zur Entwicklung eines Schutzrahmens Fink Report Empfehlung 2.3

5 Strukturierte Interessenkonflikt-Analyse

5.1 Inkommensurabilität nach Chang (1997)

Nicht alle ethischen Konflikte sind durch Abwägung lösbar. Chang (1997) unterscheidet:

Konflikttyp Definition ETHOSLAB-Behandlung
Komparabel Beide Interessen auf gemeinsamer Skala messbar Gewichtete MCDA-Abwägung
Inkommensurabel Keine gemeinsame Bewertungseinheit existiert Explizite Priorisierungsentscheidung mit vollständiger Begründung (kein Mittelwert)
Nicht vergleichbar Vergleich ist konzeptuell nicht sinnvoll Ausschluss aus Abwägung; separate Behandlung

Inkommensurable Konflikte werden im ETHOSLAB-Gutachten als eigenständiger Abschnitt "Struktureller Interessenkonflikt" ausgewiesen. Dort wird die Priorisierungsentscheidung explizit begründet --- nicht algorithmisch berechnet.

5.2 Interessenträger-Taxonomie

ETHOSLAB erfasst sieben standardisierte Interessenträger-Kategorien, die auf WHO (2011) und Beauchamp & Childress (2019) basieren:

Kategorie Typische Interessen Typische Konflikte
Wissenschaft/Forscher Erkenntnisgewinn, Publikation, Autonomie vs. Sicherheit, vs. Datenschutz
Betroffene Personen Sicherheit, Heilung, Selbstbestimmung vs. wissenschaftliche Notwendigkeit
Gesellschaft/Öffentlichkeit Fortschritt, Sicherheit, Vertrauen in Wissenschaft vs. Einzelinteressen
Industrie/Sponsor Kommerzieller Nutzen, Patente vs. Gemeinwohl, vs. Transparenz
Staat/Regulierung Rechtsordnung, Sicherheit, Innovation vs. Forschungsfreiheit
Zukünftige Generationen Unversehrte Erbmasse, stabile Systeme vs. gegenwärtiger Nutzen
Nicht-menschliche Wesen/Ökosystem Unversehrtheit, Habitat vs. Forschungsnutzen

6 Formalisierter Entscheidungsbaum

6.1 Logik und Referenzen

Der Entscheidungsbaum prüft sieben notwendige Bedingungen für eine ethisch vertretbare Genehmigung. Jeder Knoten ist mit einer publizierten Norm verknüpft. Ein NEIN an einem Knoten erzeugt eine Ablehnungsempfehlung --- nicht automatisch eine Ablehnung, aber eine begründungspflichtige Abweichung davon.

Knoten Prüffrage Referenz NEIN-Konsequenz
Q1 Ist freiwillige, informierte Einwilligung aller Betroffenen möglich? Helsinki §25; Belmont 1979 Ablehnung oder strenge Auflagen + Schutzmaßnahmen
Q2 Überwiegt Nutzen klar und nachweisbar die bekannten Risiken? Principlism (B&C 2019) Begründungspflicht; ggf. Ablehnung
Q3 Ist das Vorhaben mit geltendem Recht (AT/EU) vollständig vereinbar? GTG AT; AMG AT; EU AI Act Ablehnung (keine Ausnahme ohne Rechtsänderung)
Q4 Ist das Dual-Use-Risiko auf akzeptables Maß begrenzbar? Fink Report 2004; NSABB Ablehnung bei DUS ≥ 75
Q5 Werden vulnerable Gruppen ausreichend geschützt? UN CRC; EKG AT Auflagen zwingend; ggf. Ablehnung
Q6 Ist das Vorhaben mit dem Vorsorgeprinzip vereinbar? Rio-Deklaration Prinzip 15; AEUV Art.191 Moratoriums-Empfehlung bei hoher Unsicherheit
Q7 Existiert ein unabhängiger Monitoring-Mechanismus? ICH GCP E6; WHO 2011 Auflage zwingend

6.2 Formale Entscheidungslogik

Entscheid = f(Q1..Q7, R, DUS)

ABLEHNUNG wenn:

Q1 = NEIN ODER

Q3 = NEIN ODER

DUS ≥ 75 ODER

(Anzahl NEIN ≥ 3)

AUFLAGEN wenn:

(Anzahl NEIN = 1 oder 2) UND DUS < 75 UND

(Q1 ≠ NEIN UND Q3 ≠ NEIN)

GENEHMIGUNG wenn:

Alle Q = JA UND R < 40 UND DUS < 25

VERTAGUNG wenn:

U_gesamt > 0.40 (zu hohe Gesamtunsicherheit)

7 Dissent-Protokoll und Transparenz

7.1 Begründung formaler Dissens-Dokumentation

Echte Ethikkommissionen sind selten einstimmig. WHO (2011), § 8 GTG AT und die Empfehlungen der Österreichischen Bioethikkommission sehen vor, dass Minderheitsvoten formal dokumentiert werden. ETHOSLAB implementiert dies als Pflichtfeld: Jede abweichende Expertenposition wird mit Fachrichtung, Hauptargument und Voten-Gewicht erfasst.

7.2 Dissent-Struktur

Feld Inhalt Format
Dissident Name und Fachrichtung des abweichenden Mitglieds Freitext
Votum Abweichendes Votum (Ablehnung / Vertagung / stärkere Auflagen) Kontrolliert
Hauptargument Kernbegründung in max. 200 Wörtern Freitext; peer-geprüft
Referenz Stützende Norm oder Literatur APA-Format
Konsequenz Auswirkung auf Gesamtentscheid Dokumentiert, nicht automatisiert

7.3 Testbarkeitskriterien (Falsifizierbarkeit)

ETHOSLAB erfüllt Poppers Falsifizierungskriterium durch folgende Testanordnungen:

  1. Historische Kalibrierung: Das System wird an 20 dokumentierten historischen Fällen getestet (inkl. Tuskegee, Contergan, He Jiankui, Cambridge Analytica). Das Ergebnis muss mit dem historischen Urteil übereinstimmen (Sensitivität ≥ 0.85).

  2. Inter-Rater-Reliabilität: Zwei unabhängige Bewerter desselben Falls müssen zu einem Gesamtrisikowert R kommen, der ±15 Punkte nicht übersteigt (bei identischen Operationalisierungstabellen).

  3. Gewichtungs-Sensitivitätsanalyse: Variation aller Kriteriengewichte um ±20% darf den Entscheid (Genehmigung/Auflagen/Ablehnung) nur in klar definierten Grenzfällen (R ∈ [38,42] ∪ [63,67]) verändern.

  4. Reproduzierbarkeitstest: Identische Datensätze, eingespeist zu verschiedenen Zeitpunkten oder von verschiedenen Bewertern mit identischen Operationalisierungen, müssen identische R-Werte (±0) erzeugen.

8 Gutachten-Ausgabeformat

8.1 Pflichtstruktur

Jedes ETHOSLAB-Gutachten enthält folgende Abschnitte in verbindlicher Reihenfolge:

# Abschnitt Inhalt Pflicht?
1 Zusammenfassung Max. 200 Wörter; Votum, Risikoklasse, DUS Ja
2 Vorhaben-Beschreibung Operationalisierter Input Ja
3 Risikoindex (R) Berechnungsnachweis mit Einzelscores und Gewichten Ja
4 Dual-Use-Score (DUS) Berechnungsnachweis nach Fink/NSABB Ja
5 Unsicherheitsindex (U) Evidenzqualitäten und Konfidenz Ja
6 Interessenkonflikt-Analyse Matrix inkl. Inkommensurabilitätsausweisung Ja
7 Entscheidungsbaum-Ergebnis Q1--Q7 mit Referenzen und Antworten Ja
8 Ethische Pluralanalyse Aktive Theorien; Konsens und Dissens Ja
9 Rechtliche Einschätzung Compliance-Matrix mit Jurisdiktion Ja
10 Kommissionsvotum Abstimmungsergebnis numerisch Ja
11 Auflagen Nummeriert, vollständig, verbindlich Falls Auflagen
12 Begründung Argumentativ, mit Normbezügen Ja
13 Dissent-Protokoll Minderheitsvoten formal dokumentiert Falls Dissens
14 Folgeschritte Wiedervorlage, Monitoring, Behörden Ja
15 Literaturverzeichnis Alle zitierten Normen und Quellen, APA-Format Ja

8.2 Zitierformat

Das Gutachten ist nach Abschluss der ETHOSLAB-Plattform-Validierung (Abschn. 7, Testkriterium 1--4) im Format einer anerkannten wissenschaftlichen Methode zitierbar. Vorgeschlagenes Zitierformat:

ETHOSLAB-Kommission (2025). Ethikvotum ETH-XXXXXX: [Titel des Vorhabens]. Erstellt mit ETHOSLAB v1.0 (DOI: ausstehend). Session vom TT.MM.JJJJ.

9 Rechtliche Verankerung (Österreich / EU)

Domäne Primärnorm Relevanz für ETHOSLAB
Medizin § 8 Ärztegesetz AT; AMG §§ 28--40 Zulässigkeit ethischer Prüfung; Dokumentationspflichten
Gentechnik §§ 5--12 GTG AT; EU-Freisetzungs-RL 2001/18/EG Pflicht zur Ethikprüfung; Dual-Use-Meldepflicht
KI EU AI Act Art. 9 (Risikomanagement); Art. 13 (Transparenz) Hochrisiko-KI muss Konformitätsbewertung inkl. Ethikprüfung durchlaufen
Allgemein Ethikkommissionsgesetz (EKG) AT; WHO Res. WHA63.27 Operative Grundlage für Kommissionsverfahren in AT
Datenschutz DSGVO Art. 89 (Forschung); Art. 22 (automatisierte Entscheidungen) KI-gestützte Ethikbewertung unterliegt DSGVO
Dual-Use EU-Dual-Use-VO 2021/821; § 13 GTG AT Meldepflichten; Exportkontrolle; strafrechtliche Relevanz

10 Literaturverzeichnis

Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2019). Principles of Biomedical Ethics (8th ed.). Oxford University Press.

Belmont Commission (1979). The Belmont Report: Ethical Principles and Guidelines for the Protection of Human Subjects of Research. DHEW.

Chang, R. (1997). Incommensurability, Incomparability, and Practical Reason. Harvard University Press.

Dempster, A. P. (1967). Upper and lower probabilities induced by a multivalued mapping. Annals of Mathematical Statistics, 38(2), 325--339.

European Parliament & Council (2024). Regulation (EU) 2024/1689 --- Artificial Intelligence Act. Official Journal of the European Union.

European Union (2021). Regulation (EU) 2021/821 on the Control of Exports of Dual-Use Items. Official Journal of the European Union.

Figueira, J., Greco, S., & Ehrgott, M. (Eds.) (2005). Multiple Criteria Decision Analysis: State of the Art Surveys. Springer.

Fink, G. et al. (2004). Biotechnology Research in an Age of Terrorism. National Academies Press.

Jonas, H. (1979). Das Prinzip Verantwortung. Insel Verlag Frankfurt.

Keeney, R. L., & Raiffa, H. (1976). Decisions with Multiple Objectives: Preferences and Value Trade-offs. Wiley.

Kuhn, T. S. (1962). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press.

National Science Advisory Board for Biosecurity (2012). Recommendations for the Evaluation and Oversight of Proposed Gain-of-Function Research. NSABB.

Popper, K. R. (1935). Logik der Forschung. Julius Springer Verlag Wien.

Rawls, J. (1971). A Theory of Justice. Harvard University Press.

Shafer, G. (1976). A Mathematical Theory of Evidence. Princeton University Press.

Singer, P. (1993). Practical Ethics (2nd ed.). Cambridge University Press.

United Nations (1992). Rio Declaration on Environment and Development. UN Conference on Environment and Development.

World Medical Association (2013). Declaration of Helsinki --- Ethical Principles for Medical Research Involving Human Subjects. WMA.

World Health Organization (2011). Standards and Operational Guidance for Ethics Review of Health-Related Research with Human Participants. WHO.

Anhang (ausstehend)

Anhang A: Vollständige Operationalisierungstabellen (48 Kriterien × Scoring-Skalen)

Anhang B: Historische Validierungsfälle (20 Fälle mit Soll/Ist-Vergleich)

Anhang C: Standardgewichte-Begründung je Domäne (mit Quellenangaben)

Anhang D: Inter-Rater-Reliabilitätsstudie (geplant)

Anhang E: Algorithmus-Quellcode (Open Source, Lizenz ausstehend)

Dieses Dokument ist ein Arbeitsentwurf. Es wurde noch keiner externen peer-basierten Begutachtung unterzogen. Kommentare und Kritik sind ausdrücklich erwünscht.