Wissen als Allgemeingut
Wissen als Allgemeingut
Bildung, Wissen und die Grenzen des Privateigentums — ein transdisziplinäres Vollwerk
Thomas Schüller · Syntagma Forschung · Wien ORCID: 0009-0003-9799-6747 · Kontakt: forschung@tschueller.com
Werkkarte
| Feld | Eintrag |
|---|---|
| Kennung | FORSCH-PROV0416 (provisorisch) |
| Slug | wissen-als-allgemeingut |
| Werkform | Vollwerk, ein Band, alle Stränge |
| Fassung | v1.2 |
| Datum | 2026-10-13 |
| Änderung gegenüber v1.0 | v1.1: Begriffslage der Einhegung als Tabelle; neue Abschnitte zu Trainingskorpora und zu Lizenzverträgen und Rückfluss; erweiterte Belege in Teil 3, 5 und 6. v1.2: Literaturapparat auch in der englischen Fassung vollständig, damit beide Sprachfassungen für sich stehen |
| Sprachen | Deutsch und Englisch (Parität) |
| Lizenz | CC BY 4.0 |
| isPartOf | FORSCH-0083 — ρ/δ-Risiko-Verfügungs-Asymmetrie (Mastertheorem) |
| Werktyp | Theoriearbeit mit Literatur- und Empirieaufarbeitung |
| Fassungstyp | Passivfassung (Ablagepaket). Die Aktivfassung des RVQ-Rechners läuft ausschließlich über die Plattform. |
| Abbildungen | 3 (Vier-Güter-Matrix, ρ/δ-Entkopplung, drei Einhegungsformen) |
| Autorschaft | Thomas Schüller als Person; Syntagma Forschung als Autorenmarke, kein eigenes Rechtssubjekt |
Zitiervorschlag: Schüller, T. (2026): Wissen als Allgemeingut. Bildung, Wissen und die Grenzen des Privateigentums. Syntagma Forschung, Wien. FORSCH-PROV0416, v1.2.
Kurzfassung
Der Satz „Wissen ist Allgemeingut” trägt in seiner üblichen Form nicht, weil er vier verschiedene Güter zusammenzieht. Dieses Werk zerlegt ihn und baut ihn neu auf.
Die Arbeit leistet drei Dinge. Erstens trennt sie Daten, Information, Wissen und Bildung als vier Güter mit je eigenem Rivalitäts- und Ausschlussprofil. Daraus folgt eine Arbeitsteilung der Argumente: Für Information und kodifiziertes Wissen ist Privateigentum eine rechtlich erzeugte Knappheit, hier trägt das Nichtrivalitätsargument. Für Bildung ist Allgemeingut ein normativer Anspruch, der auf Menschenrecht, Externalitäten und Reproduktionsgerechtigkeit gestützt werden muss, weil Betreuungszeit rival ist. Wer beides vermengt, verliert gegen den Standardeinwand aus dem Anreizargument.
Zweitens formalisiert sie Einhegung als Entkopplung von Risikoträger und Verfügungsträger (ρ/δ) und schlägt mit dem Risiko-Verfügungs-Quotienten eine Messgröße vor, die den öffentlichen Anteil an den Forschungskosten ins Verhältnis zum öffentlichen Anteil an den Verfügungsrechten setzt.
Drittens beschreibt sie mit der Einhegung durch Absorption einen Mechanismus, der in der gesichteten Literatur bisher nicht beschrieben ist: Beim Training großer Modelle wird die Allmende nicht eingezäunt. Sie bleibt rechtlich offen und verliert dennoch ihre Funktion, weil der Kreislauf aus Leserschaft, neuen Mitwirkenden und Finanzierung abreißt.
Das Werk führt die Gegenpositionen in ihrer stärksten Fassung mit. Es behauptet nicht, dass geistiges Eigentum als solches unbegründbar sei, sondern dass seine Begründung gütertypspezifisch ist und in der Praxis regelmäßig über den Punkt hinaus ausgedehnt wird, an dem sie trägt.
1. Fragestellung, Methode und Grenzen
1.1 Fragestellung
Drei Fragen strukturieren die Arbeit:
- Für welches der vier Güter gilt „Allgemeingut” analytisch, und für welches nur normativ?
- Wie lässt sich Einhegung messen statt beklagen?
- Verändert das Training großer Modelle die Form der Einhegung oder nur ihren Maßstab?
1.2 Methode
Lehrbuchverhältnis: synthetisieren, bewerten, darüber hinausgehen. Jede Schule wird in der Fassung ihrer eigenen Vertreter dargestellt und erst dann der härtesten verfügbaren Fachkritik gegenübergestellt. Vergleichende Angaben stehen in Tabellen. Zu jeder Statistik werden Herausgeber, Finanzierung und Interessenlage benannt, weil in diesem Feld fast jede Zahl von einer Partei erhoben wird, die ein Ergebnis bevorzugt.
Der biologisch-evolutionäre Strang wird ausdrücklich mitgeführt und ausdrücklich begrenzt (Teil 7).
1.3 Grenzen dieser Fassung
Die beiden Neuheitsbehauptungen (Vier-Güter-Zerlegung, Absorption)
beruhen auf gezielter, nicht erschöpfender Recherche. Negativbefunde
dieser Art sind grundsätzlich widerlegbar; eine Gegenprüfung in Scopus
und Web of Science steht aus. Mehrere Angaben zum Jahr 2026 stammen aus
Fachpresse mit Primärbezug und sind als [sekundär]
markiert. Seitenzahlen und DOI der Klassiker sind vor einer Drucklegung
einzeln zu prüfen. Anhängige Verfahren sind als anhängig
gekennzeichnet.
2. Teil I — Vier Güter statt eines
2.1 Der Kategorienfehler
Die ökonomische Güterlehre kennt seit Samuelson (1954) die Unterscheidung nach Rivalität und Ausschließbarkeit. Arrow (1962) hat daraus für Information das Paradox abgeleitet, das die Debatte bis heute trägt: Optimale Nutzung verlangt einen Preis von null, Produktion verlangt Aneignung. Romer (1990) macht Nichtrivalität zum Motor des Wachstums und akzeptiert die Monopolrente als Preis dafür.
Die Alltagsrede vom Wissen als Allgemeingut überspringt diese Differenzierung. Sie behandelt eine Datenerhebung, einen Zeitschriftenartikel, das Verstandene im Kopf und einen Ausbildungsplatz als dieselbe Sache. Sie sind es nicht.
2.2 Die Zerlegung
| Gut | Was es ist | Rivalität | Ausschließbarkeit | Trägt „Allgemeingut” analytisch? |
|---|---|---|---|---|
| Daten | Rohmessung, Erhebung, Sensorwert | nein (die Kopie), ja (die Erhebung) | technisch hoch | nein — die Erhebung ist rival und teuer, der Bestand nicht |
| Information | kodifiziert, lesbar, übertragbar | nein | nur juristisch und technisch | ja |
| Wissen | im Kopf rekonstruiert, teils implizit | nein | gar nicht | ja, kategorial |
| Bildung | Prozess mit Betreuung, Zeit, Ort | ja | ja | nein — als normativer Anspruch begründbar, nicht als Gutseigenschaft |
Daraus folgt die Arbeitsteilung der Argumente:
| Gut | Tragendes Argument gegen Privatisierung | Gegenargument, das ernst zu nehmen ist |
|---|---|---|
| Daten | Doppelerhebung ist Verschwendung; Hortung erzeugt Wohlfahrtsverluste (Jones und Tonetti 2020) | Erhebung kostet; ohne Erlösaussicht wird nicht erhoben |
| Information | Künstliche Knappheit bei Grenzkosten null | Fixkosten der Erstproduktion und der Qualitätssicherung |
| Wissen | Eigentum am Rekonstruierten ist begrifflich leer | Niemand behauptet Eigentum am Verstandenen, nur an seiner Fixierung |
| Bildung | Menschenrecht, Externalitäten, Reproduktionsgerechtigkeit | Rivalität der Betreuungszeit; private Rendite (Humankapitaltheorie) |
2.3 Warum Wissen kein übergebbares Objekt ist
Der kognitionswissenschaftliche Befund stützt die kategoriale Lesart. Bartlett (1932) zeigt Erinnerung als Rekonstruktion, nicht als Abruf eines gespeicherten Abbilds. Piaget und von Glasersfeld beschreiben Wissen als Konstruktionsleistung des Subjekts. Roediger und Karpicke (2006) zeigen, dass der Abruf selbst den Gedächtnisinhalt verändert. Wissen wird also nicht übertragen, sondern beim Empfänger neu gebildet. Die Eigentumsmetapher trifft folglich nie das Wissen, sondern immer nur seine Fixierung.
Abgrenzung, die das Werk mitführen muss: Dieser Befund ist epistemologisch, nicht didaktisch. Kirschner, Sweller und Clark (2006) zeigen, dass konstruktivistische Lehrmethoden mit minimaler Anleitung Anfängern unterlegen sind. Phillips (1995) fordert, beide Ebenen zu trennen. Das Werk stützt sein Kategorienargument auf den unstrittigen kognitiven Befund, nicht auf die umstrittene Didaktik.
2.4 Abgrenzung des Beitrags
Die DIKW-Hierarchie (Ackoff 1989; Rowley 2007) ordnet Daten, Information und Wissen als epistemische Stufen, nicht als Güter. Hess und Ostrom (2007) übernehmen diese Dreiteilung für die Commons-Analyse. Jones und Tonetti (2020) behandeln Daten güterökonomisch. Cowan, David und Foray (2000) zeigen, dass Nichtrivalität nur für kodifiziertes Wissen voll gilt, implizites Wissen dagegen faktisch rival ist. Bildung wird in der Bildungsökonomik isoliert behandelt, als Meritorik (Musgrave 1959) oder als Investition (Teil 3).
In der gesichteten Literatur fand sich keine Arbeit, die alle vier Kategorien als Güter mit je eigenem Profil nebeneinanderstellt und daraus die Arbeitsteilung der Argumente ableitet. Das ist der erste Beitrag dieses Werks.
3. Teil II — Die Positionen, jede in ihrer stärksten Fassung
Dieser Teil ist bewusst nicht parteiisch angelegt. Eine Position, die nur in der Fassung ihrer Gegner auftritt, ist nicht widerlegt, sondern nur ungehört.
3.1 Liberale, neoklassische und institutionenökonomische Linien
| Schule | Stärkste Fassung | Härteste Gegenkritik |
|---|---|---|
| Klassischer Liberalismus | Locke (1689, §27, §33): Aneignung durch Arbeitsvermischung, begrenzt durch den Vorbehalt „enough and as good”. Bei nichtrivalen Gütern ist der Vorbehalt trivial erfüllt, Aneignung also unbedenklich (Hughes 1988). Smith (1776, WN V.i.e) akzeptiert befristete Erfindermonopole. | Gordon (1993): Der Vorbehalt ist verletzt, sobald IP die künftige Nutzung des Gemeinbestands blockiert. Shiffrin (2001): Lockes Ausgangspunkt ist Gemeineigentum, nicht Herrenlosigkeit. |
| Neoklassik | Arrow (1962), Nelson (1959): Ohne Aneignung wird zu wenig produziert. Nordhaus (1969): Patentlaufzeit als Abwägung zwischen Anreiz und Totlast. | Kremer (1998): Patentaufkäufe lösen dasselbe Problem ohne Monopol. Budish, Roin und Williams (2015): Feste Laufzeiten benachteiligen systematisch langfristige Forschung. |
| Humankapital | Schultz (1961), Becker (1964), Mincer (1974). Psacharopoulos und Patrinos (2018) berechnen aus 1.120 Schätzungen für 139 Länder eine durchschnittliche private Rendite von rund 9 Prozent je Bildungsjahr. Private Rendite rechtfertigt private Kostenbeteiligung. | Signaling: Spence (1973), Arrow (1973), zugespitzt bei Caplan (2018) — Bildung zeigt Fähigkeit an, statt sie zu erzeugen. Externalitäten: Moretti (2004). Herkunftseffekte: Bourdieu und Passeron (1970) sowie die Empirie in Teil 5. |
| Österreichische Schule | Hayek (1945): Wissen ist dispers; kein Zentrum kann es sammeln. Hayek (1988, Kap. 2) hält IP selbst für eine künstliche Knappheit. Machlup (1958) vor dem US-Senat: Das Patentsystem wäre nicht zu empfehlen, ist aber als bestehendes nicht abzuschaffen. | Die Grenze des Preissystems: Bei Grenzkosten null ist jeder positive Preis ein falsches Knappheitssignal, ein Preis von null deckt keine Fixkosten. Die Schule bietet dafür über Erstanbietervorteile hinaus keine Lösung. |
| IP-Abolitionismus von marktliberaler Seite | Boldrin und Levine (2008, 2013): Geistiges Eigentum ist kein Eigentum, sondern Monopol, und senkt Innovation netto. Kinsella (2008). | Mansfield (1986) befragte 100 US-Firmen zu 1981–83: Ohne Patentschutz wären in der Pharmazie 65 Prozent der Erfindungen nicht eingeführt und 60 Prozent nicht entwickelt worden; über alle Branchen gewichtet sind es rund 14 Prozent. Der Pharmafall bleibt ungelöst. |
| Ordoliberalismus | Eucken (1952): Patente als Monopolquelle, Antwort ist Lizenzzwang. Böhm (1937): Wettbewerbsordnung als Staatsaufgabe. | Anwendung auf den Zeitschriftenmarkt: Einzeltitel sind nicht substituierbar, Bündelverträge verstärken das. Eine kartellrechtliche Prüfung der Big Deals ist nicht bekannt. Gegenposition: Fixkosten der Qualitätssicherung rechtfertigen Größe. |
| Property-Rights-Schule | Coase (1960), Demsetz (1967): Klar zugewiesene Rechte internalisieren Externalitäten; wer die Rechte hält, ist effizienztheoretisch zweitrangig. | Heller (1998), Heller und Eisenberg (1998): Zu viele Rechte erzeugen Anticommons, also Unternutzung. Empirie gemischt — Williams (2013) findet für die Celera-Daten 20 bis 30 Prozent weniger Folgeforschung, Sampat und Williams (2019) für Genpatente keinen Effekt, Murray und Stern (2007) moderate Effekte. |
| Commons-Institutionenökonomie | Ostrom (1990): Allmenden funktionieren unter acht Designprinzipien, empirisch breit belegt. Hess und Ostrom (2007) übertragen das auf Wissen, Frischmann, Madison und Strandburg (2014) bauen daraus den Rahmen der Governing Knowledge Commons. Cox, Arnold und Villamayor Tomás (2010) bestätigen die Prinzipien weitgehend. | Stern (2011): Die Prinzipien setzen abgrenzbare Gruppen und wechselseitige Beobachtbarkeit voraus; auf globale, anonyme Wissensbestände skalieren sie nicht. |
Zur Allmendetragik: Hardin (1968) wird in der Debatte routinemäßig als widerlegt zitiert. Präziser ist: eingeschränkt. Feeny, Berkes, McCay und Acheson (1990) zeigen, dass Hardin eine regulierte Allmende mit offenem Zugang verwechselt. Hardin selbst hat 1998 auf „unmanaged commons” korrigiert. Wer ihn schlicht für erledigt erklärt, übernimmt den Fehler mit umgekehrtem Vorzeichen.
3.2 Kritische politische Ökonomie
| Schule | Stärkste Fassung | Gegenkritik |
|---|---|---|
| Marx | Grundrisse, Maschinenfragment (MEW 42:590–609): Der general intellect wird zur Hauptproduktivkraft; die Wertform wird dadurch brüchig. | Heinrich (2013): Marx hat diese Linie im Kapital nicht fortgeführt, sondern revidiert. Pitts (2017): Die Unmessbarkeitsthese ist nicht operationalisiert. |
| Enteignung und Rente | Harvey (2003): Akkumulation durch Enteignung setzt die ursprüngliche Akkumulation fort. Christophers (2020), Mazzucato u. a. (2023), Rikap (2021): Verfügung über Wissen als Rentenposition. | Quasi-Renten decken Fixkosten. Die Grenze zwischen produktiver und extraktiver Rente räumen die Autoren selbst als unscharf ein. |
| Kognitiver Kapitalismus | Vercellone (2007), Moulier Boutang (2011), Hardt und Negri (2000, 2009): Wertschöpfung verlagert sich aus der Lohnform heraus in kooperative Wissensnetze. | Der Anteil immaterieller Arbeit ist überzeichnet; die zentrale These ist empirisch schwer prüfbar (Pitts 2017). |
| Kritische Theorie | Adorno (1959), Theorie der Halbbildung: Bildung wird zur Anpassungsleistung, Zugang allein ändert daran nichts. | Rezeptionsforschung (Hall 1980) zeigt aktive Aneignung. Hinzu kommt der Elitismusvorwurf. Vereinbar bleibt der Befund mit Abschnitt 2.3. |
3.3 Commons, Freie Software, Anarchismus
Kropotkin (1902) stellt der Konkurrenzdeutung die gegenseitige Hilfe als Faktor der Evolution entgegen. Stallman (1985) überführt das in eine juristische Technik: Copyleft nutzt das Urheberrecht gegen die Einhegung. Benkler (2002, 2006) beschreibt commons-based peer production als dritte Produktionsform neben Markt und Hierarchie. Lessig (2004) und Creative Commons liefern das Lizenzinstrumentarium, Bollier und Bauwens die Bewegungsperspektive.
Die härteste Kritik kommt aus der Bewegung selbst und heißt Paradox of Open: Offene Ressourcen werden überproportional von kapitalstarken Akteuren verwertet, die nichts zurückgeben. Halfaker u. a. (2013) zeigen zudem, dass Wikipedias eigene Regelverdichtung Neuzugänge abschreckt — Allmenden scheitern auch an sich selbst, nicht nur an Einhegung.
3.4 Bildungs- und Wissenschaftstheorie
| Schule | Stärkste Fassung | Gegenkritik |
|---|---|---|
| Humboldt | Bildung als Selbstzweck; Einsamkeit und Freiheit als institutionelle Bedingung | Paletschek (2002), Ash (2006): Das Humboldt-Modell ist eine Rückprojektion um 1900. |
| Dewey (1916) | Wissen ist geteilte Praxis; Demokratie ist nicht Folge, sondern Bedingung von Bildung | Vernachlässigung kanonischer Inhalte (Hirsch 1996) |
| Freire (1970) | Kritik der „banking education”: Der Lernende wird als Konto behandelt, in das eingezahlt wird. Das ist die Eigentumsmetapher in der Pädagogik. | geringe Operationalisierung |
| Illich (1971) | Entschulung; Zertifikatsmonopol als eigentliche Schranke | Wegfall von Institutionen verschärft Herkunftseffekte eher |
| Luhmann (1990, 2002) | Erziehungs- und Wissenschaftssystem operieren nach eigenen Medien; Eigentum ist systemfremd. Das Technologiedefizit (Luhmann und Schorr 1979) ist das systemtheoretische Gegenstück zu Abschnitt 2.3. | normative Abstinenz |
| NPM und Audit Culture | Strathern (1997): Wird ein Maß zum Ziel, taugt es nicht mehr als Maß. Fire und Guestrin (2019) zeigen das für Bibliometrie. | Ohne Indikatoren regieren Reputationsnetzwerke, was Herkunftseffekte eher verstärkt. DORA und CoARA zielen auf Reform, nicht Abschaffung. |
| Wissenschaftssoziologie | Merton (1942): CUDOS, darunter Kommunismus der Befunde — Ergebnisse gehören der Gemeinschaft. Ziman (2000): post-academic science ersetzt das durch PLACE. | Mitroff (1974), Mulkay (1976): Die Normen waren immer auch Rhetorik, nicht nur Praxis. |
3.5 Postkoloniale und feministische Kritik
Spivak (1988), Mignolo (2011) und Santos (2014) zeigen, dass die Frage nicht nur lautet, wer Zugang zu Wissen hat, sondern wessen Wissen als Wissen zählt. Shiva (1997) dokumentiert Biopiraterie, ’t Hoen (2009) die Wirkung von TRIPS auf Medikamentenzugang.
Gegenkritik, die das Werk mitführt: Agrawal (1995) warnt vor der Essentialisierung „traditionellen Wissens”; Schutzrechte darauf reproduzieren die Eigentumslogik, die sie bekämpfen sollen. Attaran (2004) zeigt, dass nur ein kleiner Teil der essenziellen Medikamente in armen Ländern überhaupt patentiert ist — die Barriere liegt dort oft bei Beschaffung und Infrastruktur, nicht beim Patent.
Die feministische Ökonomie (Folbre 1994, 2001; Federici 2012) macht sichtbar, dass die Weitergabe von Wissen auf unbezahlter Sorgearbeit ruht. Der Anschluss an die IP-Theorie ist bislang dünn (Halbert 2006) und bleibt eine offene Flanke, die dieses Werk benennt, aber nicht schließt.
4. Teil III — Wie die Knappheit rechtlich entsteht
| Instrument | Datum | Stand und Bewertung |
|---|---|---|
| Statute of Anne | 1710 | 14 plus 14 Jahre; als Begrenzung eines Verlegermonopols gedacht, nicht als dessen Verlängerung |
| Berner Übereinkunft | 1886, Fassung Paris 1971 | formloser Schutz, Leben plus 50 Jahre; über TRIPS Art. 9 globalisiert |
| Schutzfristverlängerungen | RL 2006/116/EG (70 Jahre p.m.a.), RL 2011/77/EU, US-CTEA 1998 | Akerlof, Arrow u. a. (2002) im Amicus Brief zu Eldred v. Ashcroft: Der Anreizzuwachs liegt bei etwa einem Prozent. Pollock (2009) berechnet eine optimale Frist um 15 Jahre. Heald (2014): Geschützte Werke sind schlechter verfügbar als gemeinfreie. |
| TRIPS | 1994, in Kraft 1995 | Kyle und McGahan (2012): mehr Forschung nur für Krankheiten zahlungsfähiger Märkte |
| Doha-Erklärung | 2001 | Art. 31bis seit 2017 in Kraft, faktisch ein einziger Anwendungsfall |
| COVID-Beschluss | 2022 | nur Impfstoffpatente, keine Ausweitung auf Therapeutika |
| Bayh-Dole Act | 1980 | Mowery u. a. (2001): nur teilweise ursächlich für den Anstieg der Hochschulpatente. Das march-in-Recht wurde nie ausgeübt. |
| Professorenprivileg, Abschaffung | AT: §106 UG 2002; DE: §42 ArbnErfG 2002; NO: 2003 | Hvide und Jones (2018): In Norwegen fielen Gründungen und Patente nach der Abschaffung um rund die Hälfte. Für Österreich fehlt eine Evaluation. |
| DSM-Richtlinie, Art. 3 und 4 | 2019 | AT: §42h UrhG, Urh-Nov 2021. Die im Entwurf vorgesehene Vergütungspflicht wurde gestrichen; die Löschpflicht geht nach Kritik von Forschungsakteuren über die Richtlinie hinaus. DE: §§44b, 60d UrhG. |
| Nagoya-Protokoll | in Kraft 2014; VO (EU) 511/2014 | Lücke bei digitalen Sequenzinformationen; der 2024 geschaffene Cali Fund ist freiwillig, seine Wirksamkeit nicht belegt |
| Datenbankrichtlinie | 1996 | Evaluierungen 2005 und 2018 finden keinen nachweisbaren Produktionseffekt; der Data Act schränkt das Recht ein |
| AI Act, Art. 53 | VO 2024/1689 | Copyright-Policy und hinreichend detaillierte Zusammenfassung der Trainingsinhalte; Durchsetzung ab 2026, Altmodelle bis 2027 |
4.1 Die Rechtsprechung zum Modelltraining
| Verfahren | Ergebnis | Status |
|---|---|---|
| Kneschke gegen LAION | Datensatzerstellung durch einen gemeinnützigen Verein ist von der TDM-Schranke gedeckt | Berufung zurückgewiesen |
| GEMA gegen OpenAI, LG München I, 11.11.2025 | Memorisierung im Modell ist Vervielfältigung; §44b UrhG greift dann nicht | nicht rechtskräftig |
| Getty gegen Stability AI, EWHC 2025 | Modellgewichte sind keine rechtsverletzende Kopie; die Trainingsfrage blieb mangels Inlandsbezug offen | erstinstanzlich |
| Like Company gegen Google, EuGH C-250/25 | Große Kammer, Verhandlung März 2026; Kernfragen sind Vervielfältigung beim Training und Reichweite von Art. 4 | anhängig, Urteil frühestens 2027 |
| Bartz gegen Anthropic | Training als fair use, Beschaffung aus Piratenbibliotheken nicht;
Vergleich über 1,5 Mrd. USD, final genehmigt 20.07.2026
[sekundär] |
abgeschlossen |
| Kadrey gegen Meta | fair use mangels nachgewiesenen Marktschadens | teilweise anhängig |
Befund: Die Gerichte bewerten die Erwerbsweise und die Memorisierung. Die Funktionsentwertung der Allmende, um die es in Teil 8 geht, ist bisher in keinem Verfahren Streitgegenstand.
5. Teil IV — Empirie
5.1 Publikationsmarkt
| Befund | Zahl | Quelle und Interessenlage |
|---|---|---|
| Marktkonzentration | fünf Verlage auf rund die Hälfte aller WoS-Artikel, in den Sozialwissenschaften rund 70 Prozent | Larivière, Haustein und Mongeon (2015), öffentlich finanziert; Rohdaten von Clarivate, kommerziell |
| Publikationsgebühren | rund 1,06 Mrd. USD APC-Erlöse der fünf großen Verlage 2015 bis 2018 | Butler u. a. (2023); Schätzung auf Listenpreisbasis, Rabatte nicht erfasst |
| Marge | STM-Segment von RELX 2025: 1.035 Mio. GBP bereinigtes operatives Ergebnis, Marge 38,1 Prozent | Unternehmensmeldung, Selbstauskunft gegenüber dem Kapitalmarkt |
| Zugangsbarriere für Autoren | Einrichtungen aus ressourcenschwachen Ländern sind in APC-Zeitschriften unterrepräsentiert | Klebel und Ross-Hellauer (2023), TU Graz, EU-Projekt |
Die Zugangsbarriere ist nicht verschwunden, sondern gewandert: von der Leseseite auf die Publikationsseite. Gegenposition, die zu nennen ist: Für Leserinnen und Leser im Globalen Süden ist der Wandel netto ein Gewinn, weil der Lesezugang frei wird.
cOAlition S hat 2026 die Unterstützung transformativer Verträge beendet und richtet die Strategie auf Diamond Open Access, Preprints und Publish-Review-Curate aus. Beteiligte räumen ein, dass Plan S das Publizieren in Richtung APC kanalisiert hat.
5.2 Sci-Hub als natürliches Experiment
Bohannon (2016) dokumentiert 28 Millionen Downloads in sechs Monaten, mit erheblichem Anteil aus Hocheinkommensländern — ein Hinweis darauf, dass auch lizenzierte Institutionen den legalen Zugang als zu umständlich erleben. Himmelstein u. a. (2018) beziffern die Abdeckung auf 85 Prozent der Closed-Access-Literatur. Correa u. a. (2022) finden eine 1,72-fach höhere Zitationsrate heruntergeladener Artikel; der Befund ist korrelativ und beruht auf zwölf Zeitschriften.
Die zweite Umgehung des Marktes ist legal und heißt Preprint. Fraser u. a. (2021) beschreiben Preprints als Hauptkanal der Pandemieforschung. Brierley u. a. (2022) finden zwischen Preprint und begutachteter Fassung kaum Änderungen an den Kernaussagen. Das Risiko liegt weniger in der Wissenschaft als in der öffentlichen Rezeption ungeprüfter Befunde; die Antwort darauf sind Publish-Review-Curate-Modelle.
5.3 Bildungszugang, mit Österreich als Prüfstein
| Befund | Zahl | Quelle und Interessenlage |
|---|---|---|
| Soziale Zusammensetzung AT | 31 Prozent der Studierenden haben Eltern ohne Matura, rund 44 Prozent mindestens einen akademischen Elternteil. Rekrutierungsquote: Väter ohne Matura 14,7, mit Matura 36,6 — Faktor rund 2,5. | Studierenden-Sozialerhebung 2023, IHS Wien im Auftrag des BMBWF; das Ministerium betont die Durchlässigkeit |
| Studienbeiträge AT | Einführung 2001, weitgehende Abschaffung 2008, VfGH-Aufhebung 2011, Neuregelung 2013 | Eine kausale, herkunftsdifferenzierte Evaluation fehlt — eine benennbare Forschungslücke |
| Deutschland | Hübner (2012) findet einen negativen Einschreibeeffekt, Bietenbeck u. a. (2023) kaum einen | widersprüchliche Befundlage |
| England | Gebühren bis 9.000 Pfund mit einkommensabhängigen Darlehen: Beteiligung gestiegen, soziale Lücke nicht größer | Murphy, Scott-Clayton und Wyness (2019) — die stärkste Gegenevidenz gegen eine naive Zugangsthese |
| Chile | Kreditzugang verdoppelt annähernd die Einschreibung armer Studierender | Solis (2017): Liquidität, nicht Preis allein, ist die bindende Restriktion |
Der österreichische Befund ist für dieses Werk zentral. Ein Land mit freiem Hochschulzugang und ohne nennenswerte Studiengebühren weist weiterhin einen Herkunftsfaktor von rund 2,5 auf. Preisfreiheit ist eine notwendige, keine hinreichende Bedingung. Wer Bildung als Allgemeingut fordert, muss das mitsagen, sonst verspricht er etwas, das der eigene Prüffall nicht hält.
Die Schulbuchaktion zeigt dasselbe Muster von der anderen Seite: Sie finanziert unentgeltlichen Zugang zu proprietären Werken. Das ist staatlich bezahlter Zugang, keine Allmende; der Bestand bleibt geschlossen.
5.4 Offene Bildungsressourcen
Hilton (2016, 2020), Colvard u. a. (2018) und Clinton und Khan (2019) finden bei offenen Lehrmaterialien gleiche Lernergebnisse bei geringeren Kosten und teils niedrigeren Abbruchquoten. Einschränkung, die zu nennen ist: Ein erheblicher Teil dieser Studien stammt von Teams, die der OER-Bewegung nahestehen.
5.5 Patente und Zugang
Die Evidenz ist gespalten und bleibt es. Mansfield (1986) und Galasso und Schankerman (2015) stützen die Anreizwirkung, zumindest bereichsspezifisch. Moser (2013), Williams (2013) und Boldrin und Levine (2013) zeigen Umlenkung statt Mehrung. Shapiro (2001) beschreibt Patentdickichte. Beall und Kuhn (2012) dokumentieren 24 Zwangslizenzepisoden zwischen 1995 und 2011, überwiegend mit Preissenkungen. Eine pauschale Antwort auf die Frage, ob Patente Innovation fördern, ist nach dieser Lage nicht seriös; die Antwort ist branchenspezifisch, und die Pharmazie ist der Sonderfall, nicht die Regel.
6. Teil V — Die Risiko-Verfügungs-Asymmetrie
6.1 Das Muster
Einhegung von Wissen lässt sich als wiederkehrende Entkopplung beschreiben: Wer das Risiko und die Kosten trägt (ρ), ist nicht, wer über das Ergebnis verfügt (δ).
| Fall | ρ — Kosten und Risiko | δ — Verfügung |
|---|---|---|
| Publikationsmarkt | Steuerzahler, Forschende, unbezahlte Gutachtertätigkeit | Verlagsoligopol |
| Hochschulpatente | öffentliche Förderung, Universität | Lizenznehmer |
| Biopiraterie | indigene Gemeinschaften über Generationen | Patenthalter |
| Trainingskorpora | Autorinnen, Wikipedia, Foren, Archive, Spendende | Modellbetreiber |
| Employability-Bildung | Lernende mit Lebenszeit und Schulden | Arbeitsmarktscreening |
Das Muster ist die Domäneninstanz des Mastertheorems FORSCH-0083.
6.2 Der Risiko-Verfügungs-Quotient
Vorschlag einer Messgröße:
RVQ = (öffentlicher Anteil an den F-und-E-Inputs) / (öffentlicher Anteil an den Verfügungsrechten am Output)
Ein RVQ von 1 bedeutet Deckungsgleichheit. Werte deutlich über 1 zeigen an, dass öffentlich getragenes Risiko in private Verfügung übergeht. Der Quotient ist kein Werturteil, sondern eine Kennzahl; ob eine Abweichung gerechtfertigt ist, bleibt eine gesonderte Frage, weil private Nachfolgeinvestitionen real sind.
Datenquellen für die Zählerseite: PatentsView-Feld Government Interest, NIH iEdison, Crossref Funder Registry, OpenAlex, CORDIS, PATSTAT sowie die Verknüpfung von Patenten und zitierter Wissenschaft nach Marx und Fuegi (2020); für Österreich die FWF-Projektdatenbank, die Wissensbilanzen nach §13 UG und die aws.
Empirische Anhaltspunkte:
| Studie | Befund | Einschränkung |
|---|---|---|
| Galkina Cleary u. a. (2018) | NIH-gefördertes Wissen ist mit allen 210 FDA-Neuzulassungen 2010 bis 2016 verknüpft, über 100 Mrd. USD, mehr als 90 Prozent davon Grundlagenforschung zu Zielstrukturen | assoziativ, nicht kausal |
| Fleming u. a. (2019) | rund 31 Prozent der US-Patente stützen sich auf staatlich geförderte Forschung | — |
| Sampat und Lichtenberg (2011) | direkter öffentlicher Patentbeitrag rund 9 Prozent, indirekter rund 48 Prozent | ältere Kohorte |
| Cleary, Jackson und Ledley (2021) | NIH-Bezug zu 354 von 356 Zulassungen 2010 bis 2019, rund 187 Mrd. USD | INET-finanziert |
| Stevens u. a. (2011) | 153 Zulassungen mit Ursprung in öffentlichen Einrichtungen | Autoren aus dem Technologietransfer, Bayh-Dole-nah |
| Nayak u. a. (2019) | rund 25 Prozent von 248 Zulassungen mit öffentlicher Förderung in späten Phasen | — |
| Gegenposition: DiMasi u. a. (2016) | rund 2,6 Mrd. USD Entwicklungskosten je Wirkstoff, überwiegend in späten, privat getragenen Phasen | Tufts CSDD, teilweise industriefinanziert |
6.3 Abgrenzung und Kritik
Lazonick und Mazzucato (2013) beschreiben mit dem risk-reward nexus dasselbe Muster, bleiben aber konzeptionell. Ein formales Modell der Entkopplung für Wissensgüter fand sich nicht; der RVQ ist der zweite Beitrag dieses Werks.
Die Kritik an Mazzucato ist mitzuführen: Karlson, Sandström und Wennberg (2021) bemängeln Selektionsverzerrung, fehlende Kontrafaktik und die Verwechslung von Grundlagenförderung mit unternehmerischer Leistung. Der RVQ ist gegen diesen Einwand teilweise immun, weil er ein Verhältnis misst und keine Kausalität behauptet. Er misst allerdings auch nicht, wer das Risiko des Scheiterns in späten Phasen trägt; diese Lücke ist offenzulegen.
7. Teil VI — Der evolutionäre und kognitive Unterbau
Die Weitergabe von Information ohne Verlust beim Geber ist kein Erzeugnis des Rechts, sondern älter als jede Rechtsordnung.
| Thema | Befund |
|---|---|
| Kumulative Kultur | Tomasello (1999), Tennie u. a. (2009): Weitergabetreue plus Innovation erzeugen den Ratchet-Effekt — Erreichtes fällt nicht zurück |
| Duale Vererbung | Boyd und Richerson (1985, 2005): kulturelle Selektion mit eigenen Übertragungsregeln |
| Kollektives Gehirn | Henrich (2015): Die Größe und Vernetzung der Population bestimmt, wie viel Wissen gehalten werden kann |
| Lehren, Definition | Caro und Hauser (1992): Lehren liegt vor, wenn ein Individuum zu eigenen Kosten das Lernen eines anderen fördert |
| Erdmännchen | Thornton und McAuliffe (2006): stufenweise Präsentation von Beute an Jungtiere |
| Ameisen | Franks und Richardson (2006): tandem running; die führende Ameise ist deutlich langsamer als allein |
| Theorie | Fogarty, Strimling und Laland (2011): Lehren lohnt sich, wo Information schwer selbst zu erwerben ist |
| Horizontaler Gentransfer | Ochman u. a. (2000): Weitergabe ohne Verlust beim Geber |
Wo die Analogie trägt und wo nicht:
| Trägt | Trägt nicht |
|---|---|
| Nichtrivale Weitergabe ist biologisch verbreitet und voraussetzungsreich, nicht exotisch | Naturalistischer Fehlschluss: Aus biologischem Sein folgt kein rechtliches Sollen |
| Kumulativität hängt an Netzwerkgröße und Weitergabetreue — ein Argument, das in Teil 8 wiederkehrt | Auch die Biologie kennt Ausschluss: Restriktions- und CRISPR-Systeme, Fitnesskosten des Transfers, Trittbrettfahren bei mikrobiellen öffentlichen Gütern (West u. a. 2006). Das spricht für Governance, nicht für bedingungslose Offenheit. |
| Lehren ist kostspielige Arbeit — das stützt die feministische Linie aus 3.5 | Sperber (1996), Fracchia und Lewontin (1999): Kultur wird rekonstruiert, nicht repliziert. Das stützt Abschnitt 2.3 und untergräbt zugleich die Kopier-Analogie des Gentransfers. |
Der Strang wird daher heuristisch geführt, nicht als Begründung. Die Sperber-Linie stützt das Kernargument dieses Werks besser als die Analogie zum Gentransfer.
8. Teil VII — Einhegung durch Absorption
8.1 Die drei Formen
| Form | Zeit | Mechanismus | Zustand der Allmende danach |
|---|---|---|---|
| Erste Einhegung | ab dem 16. Jahrhundert | physische Einzäunung von Land | geschlossen, sichtbar |
| Zweite Einhegung (Boyle 2003) | ab etwa 1980 | Ausdehnung von Schutzrechten auf Information, Software, Gene | rechtlich geschlossen, physisch zugänglich |
| Einhegung durch Absorption | ab etwa 2022 | Aufnahme offener Bestände in proprietäre Modelle; der Bestand bleibt rechtlich offen, der Zufluss versiegt | formal offen, funktional entwertet |
8.2 Begriffsabgrenzung
Der Ausdruck „dritte Einhegung” ist bereits belegt, und zwar jeweils mit anderem Mechanismus.
| Arbeit | Status | Gemeinter Mechanismus |
|---|---|---|
| Boyle (2003) | kanonisch | Ausdehnung von Schutzrechten auf Information, Software, Gene |
| Katyal und Morten, „The Third Enclosure Movement” | unveröffentlichtes Arbeitspapier | Privatisierung durch Geheimhaltung: öffentlich entstandene Daten werden zu proprietären Modellbeständen |
| Kahl (2025) | nicht begutachtet | Taxonomie des Ausschlusses: rechtlich, technisch, epistemisch, staatlich |
| Schwerzmann (2026), „From Enclosure to Foreclosure and Beyond” | begutachtet | foreclosure, also maskierter Ausschluss; der Figur am nächsten, aber nicht auf formal offene Allmenden bezogen |
| „Data enclosure in generative AI” (2025) | begutachtet | vertragliche und technische Exklusivität an Datenbeständen |
| „AI automation is enclosure” (European Law Open) | begutachtet | Einhegung der intellektuellen Erwerbsfähigkeit, Forderung einer Datenrente |
| Aykutalp und Çelik | begutachtet | KI als neueste Form der Einhegung im kognitiven Kapitalismus |
| Huang und Siddarth (2023) | Arbeitspapier | Modelle können die digitale Allmende schwächen, von der sie leben |
| Vetter, Jiang und McDowell (2025) | begutachtet | Bedrohung der Nachhaltigkeit Wikipedias |
| del Rio-Chanona u. a. (2024) | begutachtet | Paradox der Weiterverwendung: die offene Allmende wird zur privaten Datenbank |
Keine dieser Arbeiten beschreibt den hier gemeinten Fall: eine Allmende, die niemand schließt und die dennoch ihre Funktion verliert. Das Werk beansprucht daher nicht den Begriff, sondern den Mechanismus.
8.3 Der Mechanismus
Eine Wissensallmende lebt nicht von ihrem Bestand, sondern von ihrem Kreislauf: Leserschaft erzeugt Mitwirkende, Mitwirkende erzeugen Bestand, Sichtbarkeit erzeugt Finanzierung. Ein Modell, das den Bestand aufnimmt und die Antwort ohne Umweg ausliefert, entnimmt dem Kreislauf die Leserschaft. Der Bestand bleibt lizenzrechtlich frei. Der Zufluss nicht.
Rival ist dabei nicht das Wissen, sondern Aufmerksamkeit und Infrastruktur. Das ist die Stelle, an der die Vier-Güter-Zerlegung aus Teil 2 zahlt: Die Nichtrivalität der Information war nie eine Aussage über die Rivalität ihrer Trägerstrukturen.
8.4 Woraus trainiert wird
Die Korpora sind dokumentiert, und sie bestehen in weiten Teilen aus der Allmende.
| Korpus | Nachweis | Befund |
|---|---|---|
| C4 | Raffel u. a. (2020); Dodge u. a. (2021) | Wikipedia, Patentschriften und Nachrichtenseiten unter den größten Domains; die Reinigungsfilter benachteiligen Dialekte |
| The Pile | Gao u. a. (2020) | 825 GB, darunter PubMed Central, arXiv, GitHub, Stack Exchange, Wikipedia — und Books3 aus einer Piratenquelle |
| Common Crawl | Baack (2024) | gemeinnützig betriebene Infrastruktur als Rohstoff kommerzieller Modelle |
| Dolma, FineWeb | Soldaini u. a. (2024); Penedo u. a. (2024) | offene Nachfolger mit dokumentierter Herkunft |
| Common Corpus | Pleias (2025) | „open data paradox”: ausdrücklich offen lizenzierte Inhalte sind in den gängigen Vortrainingsquellen kaum sichtbar |
Der Befund stützt die Mechanismusthese von zwei Seiten. Die Allmende ist als Rohstoff nachweisbar, und sie ist in den offenen Nachfolgekorpora unterrepräsentiert — offen lizenziert zu sein genügt nicht, um in dieser Verwertungskette sichtbar zu bleiben.
8.5 Empirie
| Befund | Zahl | Quelle und Interessenlage |
|---|---|---|
| Rückzug der Datenbasis | per robots.txt gesperrt: rund 5 Prozent der C4-Token, rund 25 Prozent der wichtigsten Quellen, über 28 Prozent der aktivsten Quellen vollständig; rund 45 Prozent von C4 über Nutzungsbedingungen eingeschränkt | Longpre u. a. (2024), Data Provenance Initiative; Forschungskollektiv mit Industriebeteiligung, interessiert an offener KI |
| Stack Overflow, Aktivität | rund minus 25 Prozent binnen sechs Monaten nach ChatGPT, gemessen gegen russische und chinesische Pendants; wöchentliche Beiträge von 60.000 auf 30.000 zwischen Mai 2022 und Mai 2024; Qualität unverändert | del Rio-Chanona, Laurentsyeva und Wachs (2024), akademisch |
| Stack Overflow, Besuche | rund eine Million Besuche pro Tag weniger, etwa 12 Prozent; vor allem neue Nutzende bleiben aus | Burtch, Lee und Chen (2024), auf Basis kommerzieller Verkehrsdaten |
| Wikipedia, Bearbeitungen | stärkerer Rückgang bei Artikeln mit thematischer Überschneidung zu ChatGPT | Lyu u. a. (2025) |
| Wikipedia, Abrufe | menschliche Seitenaufrufe März bis August 2025 rund 8 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum, nach Umstellung der Bot-Erkennung | Wikimedia Foundation, Selbstauskunft; die Stiftung wirbt zugleich um zahlende Partner |
| Gegenbefund | kein Engagement-Rückgang in zwölf Sprachversionen 2021 bis 2024 | Studie zum Thema Wikipedia-Niedergang, 2025; muss mitgeführt werden |
Die Befundlage ist also nicht einheitlich. Stack Overflow war bereits vor 2022 rückläufig; die Wikipedia-Befunde widersprechen einander teilweise. Das Werk behauptet daher einen Mechanismus mit belegten Teilbefunden, keine abgeschlossene Kausalkette.
8.6 Lizenzverträge und Rückfluss
Teile des Marktes beantworten die Frage bereits privatrechtlich, bevor das Recht sie beantwortet hat.
| Vorgang | Gehalt | Einordnung |
|---|---|---|
| Wikimedia Enterprise | kostenpflichtige Schnittstelle statt Scraping; die Stiftung nennt
die Zahlungen der öffentlich bekannten Kunden einen niedrigen
zweistelligen Anteil ihrer Betriebsausgaben und verlangt die Nennung der
Mitwirkenden [sekundär] |
Rückfluss an die Infrastruktur, nicht an die Mitwirkenden |
| Verlagsverträge mit Modellanbietern | Lizenzierung statt Rechtsstreit | verschiebt δ erneut zu den Rechteinhabern, nicht zu den Urhebern |
| CC signals, Books Data Commons | Präferenzsignale für Reziprozität statt Verbot | wirksam nur bei freiwilliger Befolgung |
| Bartz-Vergleich | Zahlung für vergangene Beschaffung, nicht für künftige Nutzung
[sekundär] |
adressiert die Erwerbsweise, nicht die Absorption |
| Datendividende (Arrieta-Ibarra u. a. 2018; Posner und Weyl 2018) | Beteiligung der Datengebenden | Gegenargument: Beträge je Person minimal, Überwachungsanreize werden legitimiert |
Das gemeinsame Merkmal: Bezahlt wird für Zugang und für Vergangenes. Der Reproduktionskreislauf der Allmende — Leserschaft, Mitwirkende, Nachwuchs — wird dadurch nicht wiederhergestellt. Eine Gegenposition verdient Erwähnung: Solange die Bedingungen transparent sind, ist Bepreisung keine Einhegung, sondern die Mindestbedingung von Gegenseitigkeit.
8.7 Warum Lizenzen hier nicht greifen
Die juristische Technik der Freien-Software-Bewegung — Copyleft, Share-Alike — setzt voraus, dass die Nutzung urheberrechtlich relevant ist und die Lizenz daher Bedingungen stellen darf. Wird Training als Schrankennutzung eingeordnet, greift keine Lizenzbedingung, weil die Schranke die Lizenz verdrängt. Genau das ist der rechtliche Kern der Absorption: Nicht die Allmende wird geschlossen, sondern ihr Schutzmechanismus wird umgangen.
Gegenposition in ihrer stärksten Fassung: Eine Vergütungspflicht für Training begünstigt kapitalstarke Lizenzkäufer und benachteiligt offene und akademische Modelle; die European Copyright Society warnt entsprechend in ihrer Stellungnahme zu C-250/25. Wer die Allmende schützen will, kann sie mit dem falschen Instrument endgültig den großen Anbietern überlassen.
9. Teil VIII — Ordnungsoptionen mit Preisschild
Keine Option ohne Kosten und ohne Bedingung, unter der sie scheitert.
| Option | Evidenz zur Wirkung | Kosten | Scheiterbedingung |
|---|---|---|---|
| Diamond Open Access | funktionierende Modelle in Kanada und Lateinamerika | niedrige Stückkosten, dauerhafter Betriebsaufwand | Ehrenamt als Grundlage, Fragmentierung, Untererfassung in Bibliometrien |
| Repositorien plus Rechteeinbehalt | cOAlition S bewertet die Rights Retention Strategy als potenziell grundlegend und empfiehlt Neubewertung in fünf bis zehn Jahren | gering | ohne verbindliches Mandat niedrige Einreichquote |
| Patentpools | Medicines Patent Pool seit 2010 | Transaktionskosten | Freiwilligkeit; Länder mittleren Einkommens oft ausgeschlossen |
| Zwangslizenzen | Beall und Kuhn (2012): überwiegend Preissenkungen | handelspolitischer Druck | Art. 31bis faktisch ungenutzt |
| Vorabfinanzierung, Preise, AMC | Kremer (1998); Pneumokokken-AMC über 1,5 Mrd. USD | hoher Mittelbedarf, Zielfestlegung vorab | Mitnahmeeffekte bei fast fertigen Produkten |
| Offene Bildungsressourcen | Hilton (2016, 2020) | Erstellung und Pflege | Verwaisung nach Auslaufen der Projektförderung |
| Ostrom-Designprinzipien | breit bestätigt für abgegrenzte Gruppen | Governance-Aufwand | Skalierung auf anonyme Bestände; Regelverdichtung schreckt Neue ab |
| Copyleft für Trainingsdaten | wirksam gegen die zweite Einhegung | Durchsetzung | wirkungslos, sobald Training unter eine Schranke fällt (8.5) |
| Öffentliche Recheninfrastruktur, offene Modelle | EuroHPC-Initiativen, offene Korpora | hohe Rechen- und Energiekosten | Abstand zur Spitze; Open-Washing, also offene Gewichte ohne offene Daten |
Position des Werks: Am robustesten sind Instrumente, die Finanzierung und Verfügung entkoppeln, ohne neuen Ausschluss zu erzeugen — Diamond Open Access, Vorabfinanzierung mit Offenlegungsauflage, Rechteeinbehalt. Die Absorption ist mit Lizenzen nicht adressierbar und nur regulatorisch zu erreichen, etwa über Transparenzpflichten zu Trainingsinhalten, über eine Vergütungspflicht bei kommerzieller Schrankennutzung oder über Infrastrukturabgaben zugunsten der Bestände, aus denen entnommen wird. Jede dieser Optionen hat den in 8.5 genannten Nebeneffekt, und wer sie fordert, sollte ihn aussprechen.
10. Ergebnis
- „Wissen ist Allgemeingut” ist für Information und kodifiziertes Wissen eine Tatsachenaussage über Nichtrivalität, für Bildung dagegen ein normativer Anspruch. Nur die Trennung macht beide Aussagen verteidigbar.
- Einhegung ist als Entkopplung von Risiko und Verfügung messbar. Der RVQ macht aus einer Haltung eine Kennzahl.
- Mit dem Training großer Modelle tritt eine Form der Einhegung auf, die ohne Zaun auskommt. Recht und Lizenzpraxis erfassen sie bislang nicht.
- Der österreichische Befund hält das Werk ehrlich: Gebührenfreiheit allein stellt keinen gleichen Zugang her.
11. Literatur
Die folgende Liste nennt die im Text verwendeten Arbeiten. Sie ist in
beiden Sprachfassungen gleich, weil der Apparat selbst sprachneutral
ist. Fundstellen und DOI sind vor einer Drucklegung einzeln zu prüfen;
die maschinenlesbare Fassung liegt als
daten/…_literatur.bib bei.
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Ergänzungen der Fassung v1.1
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Lizenz: CC BY 4.0. Namensnennung: Thomas Schüller, Syntagma Forschung, Wien. Diese Fassung ist die Passivfassung zur Ablage und Nachprüfung; die rechnende Fassung des RVQ-Werkzeugs läuft über die Plattform.